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Papst Franziskus \ Begegnungen

Diakonat der Frau: „Danke, ihr habt mir neue Anstöße gegeben"

Oberin Katharina Ganz aus Würzburg zu Gast bei Radio Vatikan - RV

13/05/2016 01:15

Franziskus, die Frauen, der Ständige Diakonat, die geistliche Spannung und der Einsatz im Ordensleben heute: Darüber haben wir mit Schwester Katharina Ganz gesprochen, der Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen in Würzburg. Sie war bei der Sonderaudienz mit dem Papst für die Ordensoberinnen aus aller Welt am Donnerstag, bei der Franziskus laut über eine Studienkommission für die Frage nach dem Diakonat der Frau nachdachte. Gudrun Sailer bat Oberin Katharina Ganz zum Interview.

Radio Vatikan: Papst Franziskus hat Ordensoberinnen aus aller Welt in einer Audienz empfangen. Sie kommen direkt von dieser Papstaudienz zu uns ins Studio zu Radio Vatikan, vielen Dank dafür! Was sind die Eindrücke, die Sie frisch aus der Papstaudienz mitnehmen?

Schwester Katharina: „Zunächst einmal ist es sehr bewegend, Papst Franziskus live zu erleben, diesen Mann, der in unserer Kirche schon so viel bewegt und angestoßen hat. Und das zusammen zu tun mit 870 Generaloberinnen aus der ganzen Welt, die sich eben in dieser Woche anlässlich des 50-jährigen Bestehens dieser Vereinigung getroffen haben. Ich war zunächst einmal etwas verwundert, dass Franziskus die Fragen, die wir im Ende März eingereicht haben, anscheinend nicht vorbereitet hat, also er hatte keine fertigen Antworten. Er dachte beim Reden. Er ließ sich die Fragen auch noch einmal vorlesen. Er bat manchmal darum, dass man sie ihm nochmals wiederholt, und dann hat er seine Antwort frei gesprochen und frei im Nachdenken quasi mit uns dialogisch versucht zu antworten.“

Radio Vatikan: War das für Sie inspirierend oder ein bisschen befremdlich?

Schwester Katharina: „Nein, das ist inspirierend. Die ganze Art des Franziskus ist ja so, dass man – oder Frau – sich gemeint weiß. Vom ersten Abend an, als er auf den Balkon trat und um das Gebet der Gläubigen bat, fühlt man sich wirklich gesehen. Er sagt: „Stellen Sie mir noch mal die Frage; Sagen Sie noch mal: Was wollen Sie von mir wissen?“ Also er ist präsent, er ist humorvoll, er ist leidenschaftlich. Er wirkte freilich heute auch etwas müde, aber das ist etwas, was grundsätzlich Freude macht, ihn so zu erleben.“

Radio Vatikan: 30 Ordensoberinnen aus dem deutschen Sprachraum waren anwesend. Was waren Ihre Fragen an den Papst?

Schwester Katharina: „Unsere Frage war ganz klar: Welche Rolle hat die Frau in der Kirche? Welche Rolle haben die Ordensfrauen? – das kam auch aus der amerikanischen Sektion. Und: Welche Möglichkeiten gäbe es auch in Richtung Frauenordination noch mal neu nachzudenken.“

Radio Vatikan: Was hat er darauf gesagt?

Schwester Katharina: „Er hat ambivalent geantwortet. Er hat zunächst einmal gesagt – auch zur Frauenpredigt haben wir ihn gefragt: „Das geht nicht im Rahmen der Eucharistiefeier. Es geht in den Wortgottesdiensten und an so vielen anderen Stellen.“ Dann wieder hat er gesagt: „Wir brauchen noch mehr Zeit. Das ist noch zu kurz.“ Dann wieder hat er gesagt zum Thema Diakonat der Frau: „Ja, es gab ja die Diakoninnen in der alten Kirche. Ich bin mir da nicht ganz klar, welche Bedeutung die Diakoninnen in der alten Kirche hatten: Waren sie jetzt nur dabei, wenn Taufbewerberinnen ins Wasser eintauchten und gesalbt werden mussten [das war ja noch die Ganzkörpertaufe]?“ Er wusste, dass die ersten Konzilien sich darüber Gedanken machten, ob man die Handauflegung [im Sinn einer Weihe, Anm.] bei Frauen machen soll oder nicht. Und dann dachte er weiter nach und sagte: „Ich glaube, wir sollten eine Kommission einrichten, die sich mit dieser Frage beschäftigt.“ Das hat er mehrmals wiederholt, am Schluss sogar noch mal gesagt: „Wir brauchen so eine Kommission, die sich mit diesem Diakonat der Frau beschäftigt.“

Radio Vatikan: Dieser Vorschlag kam von ihm selbst? Den hat er selbst im Sprechen und Nachdenken geboren?

Schwester Katharina: „Das hat er entwickelt, ja. Und das kam auf Anregung von uns Ordensfrauen. Er hat auch am Schluss gesagt: „Danke, ihr habt mir neue Anstöße gegeben, über Dinge nachzudenken.“

Radio Vatikan: Und diese Kommission wird also eingerichtet, um Antworten auf die Frage zu suchen, inwiefern Frauen in der frühen Kirche als Diakoninnen wirken konnten? Oder ist das auch dazu gedacht, den ständigen Diakonat eventuelleines Tages für Frauen zu öffnen?

Schwester Katharina: „Die Frage von uns war ja in diese Richtung. Wir wollten ja wissen: Gibt es Möglichkeiten, dass Frauen in der Kirche Diakoninnen werden können? Und dann sagt er: „Ich möchte eine Kommission einrichten.“ Ich glaube nicht, dass er eine reine, historische Aufarbeitung des Diakonats der Frau in der alten Kirche wünscht. Das ist nicht Papst Franziskus. Er sucht pastorale Antworten auf die Nöte und die Notwendigkeiten der Kirche in der Welt von heute. Er ist ein Mann des Zweiten Vatikanums und es würde aus meiner Sicht keinen Sinn machen, nur rückwärts zu schauen.“

Radio Vatikan: Abgesehen von der Frage des Zugangs zu Weiheämtern und auch des Diakonats – also auch wenn man das Diakonat vielleicht herausnimmt aus dieser dreistufigen Weiheform - hat Papst Franziskus in den gut drei Jahren seines Amtes oft betont: Es braucht mehr Frauen in den Entscheidungsprozessen der katholischen Kirche. Passiert ist seither aber wenig in dieser Richtung. Woran liegt das?

Schwester Katharina: „Er würde es wahrscheinlich anders sehen. Er hat auch heute betont, dass er in verschiedenen Dikasterien Frauen in Führungspositionen gebracht hat. Er sagte heute auch, es wäre kein Problem, dass eine Dikasterie von einer Frau geleitet wird. Natürlich, ich gebe Ihnen Recht, auch ich sehe es so: Es ist wenig passiert. Woran liegt das? Ich glaube, es liegt am Machtapparat in der katholischen Kirche, an vielen Menschen, die um ihm herum sind. Es liegt an der Angst vor Frauen. Es liegt daran, dass die Männer, die ja die kirchliche Hierarchie ausmachen, weil viele Ämter eben für Frauen nicht zugänglich sind. Es ist eine Machtfrage. Man hat Angst, die Macht zu teilen. Das ist meine persönliche Meinung.“

Radio Vatikan: Es waren fast 900 Ordensoberinnen bei der Audienz beim Papst und auch 900 Ordensoberinnen, die zu dieser Konferenz zusammenkamen. Man kann sich da gut vorstellen, dass Ordensschwestern in verschiedenen Teilen der Welt sehr verschiedene Sensibilitäten haben und ganz verschiedene Anliegen. Was ist denn diesbezüglich deutlich geworden in der Konferenz?

Schwester Katharina: „Bei unserer Konferenz wurde sehr spürbar und auch schmerzhaft bewusst, wie viele Länder der Welt mit Armut, mit Elend, mit Unterdrückung der Frauen zu tun haben und wie Schwestern in allen Ländern der Welt an der Basis den Menschen dienen. Im Vergleich dazu leben wir in Europa – auch speziell in Deutschland – ich sage es mal so: wie in Zuckerwatte gebettet. Mich hat es sehr berührt und auch nachdenklich gemacht die Berichte, auch Projektberichte aus aller Welt zu hören. Es gibt ein Talitha-Kum-Projekt, also wo Menschen – vor allem Mädchen und Frauen, die vom Frauenhandel betroffen sind, geholfen wird. Es gibt eine neue Initiative von Ordensfrauen über die Kongregation hinweg Flüchtlingen beizustehen und anderes mehr. Da sind unsere Fragen, die wir haben, weit weg von anderen Ordensleuten. Und dennoch: Unser Thema ist, eine globale Solidarität weben. Es ist auch spürbar, dass die Kirche weiblich ist, dass es Ordensfrauen gibt, eine Frauenpower, bunt, vielfältig, Afrikanerinnen im Panje, Asiatinnen, die elf Sprachen in die übersetzt wird. Da wird eben spürbar: Die Kirche lebt von den Frauen. Sie lebt auch von den Ordensfrauen, sie lebt von den Menschen, die sich ganz in den Dienst der Kirche und des Evangeliums und des Reiches Gottes stellen. Und diese Präsenz brauchen wir und wir brauchen sie noch mehr. Der Papst hat auch gesagt, er wünscht sich, dass die Ordensfrauen mehr gehört werden.“

Radio Vatikan: Hat denn Papst Franziskus in dieser Vielfalt und dieser Kraft, die aus dem weiblichen Ordensleben spricht – hat er Sie da bestärkt oder ermutigt?

Schwester Katharina: „Er hat uns ermutigt unseren Weg zu gehen und unsere Charismen zu leben, also auch nicht so sehr auf das Kirchenrecht zu schauen. „Das Kirchenrecht ist ein Instrument“, hat er gesagt. „Folgt dem Charisma, traut dem Geist Gottes“, das hat er immer wieder betont, „Überlegt in euren Entscheidungen, betet, redet miteinander, seid dialogisch, lasst euch beraten und dann geht mutig voran. Lebt das, was die Geistkraft Gottes euch eingibt.“ Ganz klar. Und auch: „Fürchtet euch nicht vor Schwierigkeiten.“ Im Gegenteil, er sagt: „Verfolgt zu werden ist eine der Seligpreisungen.“ Also wer etwas Gutes tut, sich für das Reich Gottes einsetzt, wird auch verfolgt, verleumdet werden und dem wird man auch übel nachreden.“

Radio Vatikan: Wo sehen Sie in unserer heutigen Zeit, wo es an weiblichen Ordensberufungen in Europa sehr mangelt, wo sehen Sie die Rolle der Schwestern?

Schwester Katharina: „Es geht schon darum, eine Stimme zu sein in der Kirche für die Frauen. Dieses weibliche Antlitz Gottes in der Kirche zu verkörpern. Das haben Ordensfrauen immer gemacht. Wir haben auch nichts zu verlieren. Wir können alles riskieren. So gut wie niemand redet uns rein. Wir werden von niemandem bezahlt, ja. Wir leben – ich sag immer: nach der VGTO, - nach der Vergelts-Gott-Tarifordnung. Das macht frei und das macht unabhängig. Franziskus ermutigt uns auch diese Freiheit zu leben und letztlich auch prophetisch zu sein. Das Ordensleben hatte immer schon ein prophetisches Charisma – auch in der Kirche. Und wir haben nichts zu verlieren. Wir haben alles zu gewinnen. Die Zukunft lässt uns viele Möglichkeiten.“

Radio Vatikan: Papst Franziskus und die Frauen-Frage – Wie sehr ist ihm das wirklich ein Anliegen, dass Frauen auch wahrgenommen werden?

Schwester Katharina: „Ich hatte die Metapher, dass Franziskus schmutzige Wäsche einweicht. Sie können nicht sofort den Hauptwaschgang bei einer sehr verschmutzten oder eingetrockneten Wäsche anstellen. Da wird die Wäsche nicht sauber. Er möchte klare, überlegte Entscheidungen. Und vielleicht braucht es eben dieses Einweichen der Wäsche. Verkrustete Strukturen müssen erst aufgeweicht werden, bevor man neue schaffen kann. Vielleicht ist es auch nicht mehr sein Pontifikat, was letztlich dann Dinge umsetzt und verändert, sondern er bereitet wieder den Weg, er öffnet Fenster und Türen, damit überhaupt neu über die Frauenfrage nachgedacht werden kann. Das ist mein Eindruck.“

Radio Vatikan: Ihre Namenspatronin ist die heilige Katharina von Siena. Sie waren gestern Abend noch an ihrem Grab. Wofür haben Sie da gebetet?

Schwester Katharina: „Katharina von Siena beeindruckt mich in ihrer Mystik und Politik. Sie hat beide Pole zusammengebracht; aus dem Glauben heraus in der Nächstenliebe zu stehen, sich für Menschen einzusetzen, aber auch politisch, sich zu äußern. Mächtige zu mahnen, auch dem Vatikan ins Gewissen zu reden. Und diese beiden Dimensionen sind heute nötiger denn je. Auch das hat Papst Franziskus gesagt: „Es gibt kein Tun, keinen Dienst in der Kirche ohne Mystik. Und gleichzeitig muss man eben auch politisch sein.“ Und das möchte ich leben und darum bitte ich Katharina von Siena, dass sie mir hilft, diesen Weg, meinen Weg zu finden im Leitungsdienst einer katholischen Frauengemeinschaft.“

(rv 12.05.2016 gs)

13/05/2016 01:15