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Papst Franziskus \ Reisen

Im Wortlaut: Papstpredigt in Medellín

Papst Franziskus am Flughafen von Medellín - EPA

09/09/2017 18:08

Text der Predigt von Papst Franziskus bei der Messfeier in Medellín.

Liebe Brüder und Schwestern,

in der heiligen Messe am Donnerstag in Bogotá haben wir von der Berufung der ersten Jünger durch Jesus gehört; dieser Teil des Lukasevangeliums, der mit jener Erzählung beginnt, gipfelt in der Berufung der Zwölf. An was erinnern die Evangelisten zwischen den beiden Ereignissen? Sie erinnern daran, dass dieser Weg der Nachfolge von den ersten Jüngern Jesu eine große Mühe der Reinigung verlangte. Eine Reihe von Vorschriften, Verboten und Geboten gab ihnen das Gefühl von Sicherheit. Bestimmte Verhaltensweisen und Riten zu erfüllen, befreite sie von einer Unruhe, der Unruhe zu fragen: Was gefällt unserem Gott? Jesus, der Herr, zeigte ihnen, dass Gehorchen bedeutet, hinter ihm herzugehen, und dass jenes Hinterhergehen sie zu den Aussätzigen, den Gelähmten und Sündern führte. Diese Wirklichkeit erforderte von ihnen sehr viel mehr als eine Anweisung oder eine festgelegte Norm. Sie lernten, dass das Hinter-Jesus-Hergehen andere Prioritäten beinhaltet, andere Überlegungen, um Gott zu dienen. Für den Herrn und auch für die erste Gemeinde ist es von höchster Bedeutung, dass wir alle, die wir uns Jünger nennen, uns nicht an einen bestimmten Stil klammern. Wir sollen uns nicht an bestimmten Verhaltensweisen festhalten, die uns mehr der Lebensweise mancher Pharisäer von damals annähern als der von Jesus. Die Freiheit Jesu steht dem Mangel an Freiheit der Gesetzeslehrer jener Zeit gegenüber, die durch eine rigoristische Deutung und Anwendung des Gesetzes gelähmt waren. Jesus bleibt nicht bei einer scheinbar „korrekten“ Einhaltung des Gesetzes stehen. Er bringt das Gesetz zu seiner Fülle und will uns daher in diese Richtung ziehen, zu jenem Stil der Nachfolge, der beinhaltet, zum Wesentlichen zu gehen, sich zu erneuern und sich zu beteiligen.

Zunächst zum Wesentlichen gehen. Das heißt nicht, „mit allem zu brechen“, zu brechen mit all dem, was nicht zu uns passt; denn selbst Jesus ist nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen (vgl. Mt 5,17). Zum Wesentlichen gehen bedeutet, in die Tiefe zu gehen, zu dem, was zählt und für das Leben Wert hat. Jesus lehrt, dass die Beziehung zu Gott kein starres Hängen an Normen und Gesetzen sein kann, und ebenso wenig ein Vollzug von bestimmten äußeren Handlungen, die nicht zu einer wirklichen Änderung des Lebens führen. Unsere Jüngerschaft kann auch nicht einfach von einer Gewohnheit motiviert sein, weil wir einen Taufschein haben; sie muss vielmehr von einer lebendigen Erfahrung Gottes und seiner Liebe ausgehen. Die Jüngerschaft ist nicht etwas Statisches, sondern ein ständiger Weg auf Christus zu. Sie ist nicht einfach ein Festklammern an die Erklärung einer Lehre, sondern die Erfahrung der freundschaftlichen, lebendigen und wirksamen Gegenwart des Herrn, eine andauernde Lehrzeit mittels des Hörens seines Wortes. Und dieses Wort – wir haben es gehört – drängt sich uns in den konkreten Bedürfnissen unserer Brüder und Schwestern auf: Es wird der Hunger der Nächsten sein, wie es der heute vorgetragene Abschnitt (vgl. Lk 6,1-5) sagt, oder die Krankheit, über die Lukas im Anschluss daran spricht.

Das zweite Wort lautet sich erneuern. Wie Jesus die Gesetzeslehrer „aufrüttelte“, damit sie aus ihrer Verhärtung herausfänden, so wird jetzt auch die Kirche vom Geist „geschüttelt“, damit sie ihre Bequemlichkeit und ihre Anhänglichkeiten loslasse. Die Erneuerung darf uns keine Angst machen. Die Kirche ist immer in Erneuerung – Ecclesia semper renovanda. Sie erneuert sich nicht aus einer Laune heraus, sondern sie bleibt fest im Glauben und in ihm verwurzelt und lässt sich nicht von der Hoffnung des Evangeliums abbringen, das sie gehört hat (vgl. Kol 1,23). Die Erneuerung verlangt Opfer und Mut, nicht um sich für besser oder untadelig zu halten, sondern um dem Ruf des Herrn besser zu entsprechen. Der Herr des Sabbats, der Grund aller unserer Gebote und Vorschriften, lädt uns ein, die Normen abzuwägen, wenn es um seine Nachfolge geht; wenn seine offenen Wunden, sein Schrei vor Hunger und sein Durst nach Gerechtigkeit uns anfragen und neue Antworten abverlangen. Und in Kolumbien gibt es so viele Situationen, die von den Jüngern den Lebensstil Jesu fordern, besonders die Liebe, die sich in Taten der Gewaltlosigkeit, der Versöhnung und des Friedens äußert.

Das dritte Wort lautet sich beteiligen. Auch wenn es für manchen wie ein Sich-schmutzig-Machen oder ein Beflecken aussieht. Wie David und die Seinen in den Tempel gingen, weil sie Hunger hatten, und die Jünger Jesu in das Weizenfeld hineingingen und von den Ähren aßen, so wird heute von uns verlangt, in der Kühnheit zu wachsen, in einem Mut, der dem Evangelium entspricht. Dieser entspringt dem Wissen, dass es viele gibt, die Hunger haben, Hunger nach Gott – wie viel Menschen haben Hunger nach Gott! – Hunger nach Würde, weil sie beraubt worden sind. Und ich frage mich, ob der Hunger nach Gott von so viel Menschen vielleicht nicht daher kommt, dass wir sie mit unseren Aktivitäten seiner beraubt haben. Als Christen wollen wir ihnen helfen, sich an Gott zu sättigen. Wir wollen ihnen die Begegnung nicht erschweren oder verbieten. Brüder und Schwestern, die Kirche ist keine Zollstation; sie mag offene Türen, weil das Herz ihres Gottes nicht nur geöffnet ist, sondern von der Liebe, die zum Schmerz geworden ist, durchbohrt ist. Wir dürfen nicht Christen sein, die ständig das Schild „Durchgang verboten“ hochheben. Wir dürfen auch nicht meinen, dass dieser Raum mein Eigentum ist, indem ich von etwas Besitz ergreife, das absolut nicht mir gehört. Die Kirche gehört nicht uns, liebe Brüder und Schwestern, sie gehört Gott. Er ist der Eigentümer des Tempels und der Herr der Ernte. Für alle gibt es Platz; alle sind eingeladen hier und unter uns ihre Nahrung zu finden. Alle. Und Er, der die Hochzeit für seinen Sohn bereitet hat, befiehlt, alle zu holen, die Gesunden und die Kranken, die Guten und die Schlechten, alle. Wir sind einfache „Diener“ (vgl. Kol 1,23), wir dürfen nicht jene sein, die diese Begegnung verhindern. Vielmehr bittet uns Jesus, wie Er das mit seinen Jüngern machte: »Gebt ihr ihnen zu essen« (Mt 14,16); das ist unser Dienst. Das Brot Gottes zu essen, die Liebe Gottes zu essen, das Brot zu essen, das uns hilft zu überleben. Petrus Claver, den wir heute in der Liturgie feiern und den ich morgen in Cartagena verehren werde, hat dies verstanden. »Sklave der Schwarzen für immer« war der Leitspruch seines Lebens, weil er als Jünger Jesu verstanden hatte, dass man angesichts des Leidens der am meisten Verlassenen und Gedemütigten seiner Zeit nicht gleichgültig sein konnte und etwas tun musste, um ihnen Erleichterung zu schaffen.

Brüder und Schwestern, die Kirche in Kolumbien ist aufgerufen, sich mit größerer Kühnheit in der Ausbildung von missionarischen Jüngern zu engagieren. Darauf haben wir Bischöfe hingewiesen, als wir in Aparecida versammelt waren. Jünger, die zu sehen, zu beurteilen und zu handeln vermögen, wie es das lateinamerikanische Dokument vorgeschlagen hat, das hier an diesem Ort entstanden ist (vgl. Medellín 1968). Missionarische Jünger, die sehen können ohne ererbte Kurzsichtigkeit; die die Realität mit den Augen und dem Herzen Jesu prüfen und von dort her beurteilen. Solche, die etwas wagen, die handeln und die sich einsetzen.

Ich bin bis hierhergekommen, eben um euch im Glauben und in der Hoffnung des Evangeliums zu stärken: Bleibt unerschütterlich und frei in Christus – unerschütterlich und frei in Christus, weil jede Standhaftigkeit in Christus uns Freiheit gibt –, so dass ihr ihn in allem, was ihr tut, widerspiegelt. Tretet mit all euren Kräften die Nachfolge Jesu an; lernt ihn kennen; lasst euch von ihm rufen und unterweisen; sucht Ihn im Gebet und lasst euch von Ihm im Gebet suchen, verkündigt ihn mit der größtmöglichen Freude.

Auf die Fürsprache unserer Mutter Maria, Unserer Lieben Frau von La Candelaria, die uns auf unserem Weg als Jünger begleiten möge, bitten wir Gott, dass wir in der Ausrichtung unseres Lebens auf Christus immer Missionare seien, die das Licht und die Freude des Evangeliums zu allen Menschen bringen.

(rv 09.09.2017 ord)

09/09/2017 18:08