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Versöhnungstreffen in Villavicencio: Text der Papstworte

Der Gekreuzigte von Bojayá, im Zentrum des Treffens - AP

08/09/2017 23:00

Die Worte von Papst Franziskus bei der Gebetsbegegnung zur Nationalen Versöhnung in Villavicencio. (rv)

Liebe Brüder und Schwestern,

vom ersten Tag an habe ich den Moment unseres Treffens herbeigesehnt. Ihr tragt in eurem Herzen und an eurem Fleisch Spuren, die Spuren der lebendigen jüngeren Geschichte eures Volkes, die von tragischen Ereignissen gekennzeichnet ist, aber auch voll von vielen heroischen Gesten, von großer Menschlichkeit und von großem geistlichen Wert an Glauben und Hoffnung. Das haben wir gehört. Ich komme in Ehrfurcht und im klaren Bewusstsein, wie Moses die Füße auf heiligem Boden zu setzen (vgl. Ex 3,5). Erde, die vom Blut Tausender unschuldiger Opfer und dem herzzerreißenden Schmerz ihrer Familien und Bekannten getränkt ist. Wunden, die kaum heilen können und uns alle schmerzen, weil jede gegen einen Menschen begangene Gewaltakt eine Wunde am Fleisch der Menschheit ist; jeder gewaltsame Tod mindert unser Person-Sein.

Ich bin nicht so sehr hier, um zu sprechen, sondern um euch nahe zu sein und in die Augen zu schauen, um euch zuzuhören und mein Herz für euer Lebens- und Glaubenszeugnis zu öffnen. Und wenn ihr es mir erlaubt, möchte ich euch auch umarmen; und wenn Gott mir die Gnade dazu gibt – denn es ist eine Gnade –, will ich mit euch weinen; ich möchte, dass wir gemeinsam beten und uns verzeihen – auch ich muss um Verzeihung bitten – und dass wir so alle in Glaube und Hoffnung gemeinsam vorwärtsschauen und voranschreiten können.

Wir haben uns zu Füßen des Kruzifixes von Bojayá versammelt, das am 2. Mai 2002 das Gemetzel von Dutzenden von Menschen, die in der Kirche Zuflucht genommen hatten, erleben und erleiden musste. Dieses Bild hat einen großen symbolischen und geistlichen Wert. Wenn wir es anschauen, betrachten wir nicht nur das, was an jenem Tag geschah, sondern auch den vielen Schmerz, den vielen Tod, die vielen gebrochenen Leben und das viele vergossene Blut im Kolumbien der letzten Jahrzehnte. Christus so zu sehen, verstümmelt und verwundet, ist ein Weckruf an uns. Er hat keine Arme mehr und sein Leib ist nicht mehr vorhanden, aber er bewahrt sein Antlitz und mit ihm schaut er uns an und liebt uns. Der zerbrochene und amputierte Christus ist für uns „noch mehr Christus“, weil er uns einmal mehr zeigt, dass er gekommen ist, um für sein Volk und mit seinem Volk zu leiden; und um uns auch zu lehren, dass der Hass nicht das letzte Wort hat, dass die Liebe stärker ist als Tod und Gewalt. Er lehrt uns, den Schmerz in einen Quell des Lebens und der Auferstehung zu verwandeln, damit wir mit ihm und von ihm die Kraft der Vergebung und die Größe der Liebe erlernen.

Ich danke euch vier, die ihr bereit wart, im Namen sehr vieler anderer euer Zeugnis zu geben. Wie gut tut es uns, – es scheint egoistisch –, aber wie gut tut es uns, euren Geschichten zuzuhören! Ich bin tief bewegt. Es sind Geschichten von Leid und Bitterkeit, aber auch und vor allem Geschichten von Liebe und Vergebung, die uns vom Leben und der Hoffnung erzählen und davon, nicht zuzulassen, dass sich Hass, Rachsucht und Schmerz unseres Herzens bemächtigen.

Die letzte Weissagung von Psalm 85 lautet: »Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich« (v. 11) und folgt auf die Danksagung und die flehentliche Bitte an Gott: Erneuere uns! Danke, Herr, für das Zeugnis derer, die Schmerz zugefügt haben und um Verzeihung bitten, und für das Zeugnis derer, die ungerechterweise leiden mussten und verzeihen. Dies ist nur mit deiner Hilfe und deiner Gegenwart möglich … und es ist bereits ein gewaltiges Zeichen dafür, dass du den Frieden und die Eintracht in diesem Land Kolumbien wiederaufbauen willst.

Liebe Pastora Mira, du hast es sehr gut ausgedrückt: Du möchtest deinen ganzen Schmerz und den von Tausenden von Opfern zu Füßen des gekreuzigten Jesus niederlegen, auf dass er mit Ihm vereint werde und so in Segen und Fähigkeit zum Verzeihen verwandelt werde, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, der in Kolumbien geherrscht hat. Und du hast Recht: Gewalt bringt mehr Gewalt hervor, Hass erzeugt mehr Hass und Tod führt zu weiterem Tod. Wir müssen diesen scheinbar unvermeidlichen Kreislauf durchbrechen, und das ist nur durch Vergebung und konkrete Versöhnung möglich. Und du, liebe Pastora, und viele andere wie du, ihr habt uns gezeigt, dass es möglich ist. Mit der Hilfe Christi – Christus, der mitten in unserer Gemeinschaft lebendig ist –, ist es möglich, den Hass zu besiegen, ist es möglich, den Tod zu besiegen, ist es möglich, wieder von neuem zu beginnen und Kolumbien ein neues Leben zu schenken. Danke, liebe Pastora; du tust uns allen heute mit dem Zeugnis deines Lebens viel Gutes! Es ist der Gekreuzigte von Bojayá, der dir die Kraft gegeben hat zu verzeihen und zu lieben und der dir geholfen hat, im Hemd, das deine Tochter Sandra Paola deinem Sohn Jorge Aníbal geschenkt hat, nicht nur die Erinnerung an den Tod der beiden, sondern auch die Hoffnung zu sehen, dass der Friede in Kolumbien endgültig triumphieren möge. Danke, danke!

Uns bewegt auch das, was Luz Dary in ihrem Zeugnis gesagt hat: Die Wunden des Herzens sind tiefer und schwieriger zu heilen als die körperlichen. So ist es. Und was noch wichtiger ist, du bist dir darüber klargeworden, dass man nicht im Groll leben kann, dass nur die Liebe befreit und aufbaut. Und auf diese Weise hast du begonnen, auch die Wunden anderer Opfer zu heilen, ihre Würde wiederherzustellen. Dieses Aus-sich-selbst-Herausgehen hat dich bereichert, hat dir geholfen, nach vorne zu schauen, Frieden und Seelenruhe zu finden und zudem einen Beweggrund, um weiterzugehen. Ich danke dir für die Krücke, die du opferst. Auch wenn dir die Wunden bleiben, wenn dir körperliche Folgen deiner Wunden bleiben, ist dein geistlicher Gang zügig und sicher. Diese spirituelle Gehweise braucht keine Krücken … Und es ist zügig und sicher, weil du an die anderen denkst – danke! – und ihnen helfen willst. Deine Krücke ist ein Symbol für jene wichtigere Krücke, derer wir alle bedürfen, nämlich die Liebe und die Vergebung. Mit deiner Liebe und deiner Vergebung hilfst du vielen Menschen, auf dem Weg des Lebens weiter zu gehen. Danke!

Ich will auch für das beredte Zeugnis von Deisy und Juan Carlos danken. Sie haben uns begreifen lassen, dass wir letztlich alle auf die eine oder andere Weise auch Opfer sind, schuldig oder unschuldig, aber alle Opfer. Die von der einen Seite und die von der anderen, sie sind alle Opfer. Alle vereint in diesem Verlust von Menschlichkeit, den die Gewalt und der Tod mit sich bringen. Deisy hat es klar gesagt: Du hast verstanden, dass du selbst Opfer warst und die Gewährung einer neuen Chance nötig hattest. Als du es sagtest, schwang dieses Wort in meinem Herzen mit. Du hast zu studieren begonnen und arbeitest jetzt, um Opfern zu helfen und damit die Jugendlichen nicht in das Netz von Gewalt und Drogen geraten. Die Droge ist eine andere Form von Gewalt. Es gibt Hoffnung auch für die, die Böses getan haben; es ist nicht alles verloren. Dafür ist Jesus gekommen: Es gibt Hoffnung für den, der Böses getan hat. Sicherlich muss auch in diesem moralischen und geistlichen Regenerationsprozess der Täter Gerechtigkeit walten. Wie Deisy gesagt hat, muss man positiv seinen Beitrag dazu leisten, die von der Gewalt zerrissene Gesellschaft wieder zu heilen.

Es ist schwer, den Wandel derer zu akzeptieren, die grausame Gewalt angewendet haben, um ihre eigenen Ziele voranzutreiben, um widerrechtlichen Handel zu schützen und sich zu bereichern oder um, wie sie sich einbildeten, das Leben der eigenen Brüder zu verteidigen. Gewiss ist es für jeden von uns eine Herausforderung, darauf zu vertrauen, dass diejenigen einen Schritt vorwärtsgehen können, welche ganze Gemeinschaften und ein ganzes Land haben leiden lassen. Natürlich gibt es auf diesem weiten Feld, das Kolumbien ist, noch Raum für Unkraut. Täuschen wir uns nicht! Gebt auf die Früchte acht: Kümmert euch um den Weizen; verliert nicht den Frieden wegen des Unkrauts. Wenn der Sämann das Unkraut inmitten des Weizens aufkeimen sieht, reagiert er nicht allarmiert. Er findet den Weg, um dafür zu sorgen, dass das Wort Gottes in einer konkreten Situation Gestalt annimmt und Früchte neuen Lebens trägt, auch wenn diese scheinbar unvollkommen und unvollendet sind (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 24). Auch wenn Konflikte, Gewalt oder Rachegefühle fortbestehen, dürfen wir nicht verhindern, dass Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sich umarmen und so die Leidensgeschichte Kolumbiens auffangen. Heilen wir diesen Schmerz und nehmen wir jeden Menschen auf, der Straftaten begangen hat, sie bekennt, bereut und sich zur Wiedergutmachung verpflichtet, indem er zum Aufbau der neuen Ordnung beiträgt, in dem Gerechtigkeit und Friede aufleuchten mögen.

Wie Juan Carlos in seinem Zeugnis angedeutet hat, erweist sich in diesem langen und schwierigen Prozess, der gleichzeitig reich an Hoffnung auf Versöhnung ist, die Annahme der Wahrheit als unverzichtbar. Das ist eine große, aber notwendige Herausforderung. Die Wahrheit ist die untrennbare Gefährtin der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Die drei vereint sind wesentlich, um den Frieden aufzubauen, und andererseits verhindert jede Einzelne von ihnen, dass die anderen verfälscht werden oder sich in Rachewerkzeuge gegen Schwächere verwandeln. Die Wahrheit darf nämlich nicht zu Rache führen, sondern vielmehr zu Versöhnung und Vergebung. Wahrheit heißt, den vom Schmerz zerstörten Familien zu berichten, was mit ihren vermissten Angehörigen geschehen ist. Wahrheit heißt, das zu bekennen, was den von den Gewalttätern angeworbenen Minderjährigen passiert ist. Wahrheit heißt, den Schmerz der Frauen anzuerkennen, die Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden sind.

Ich möchte schließlich als Bruder und als Vater sagen: Kolumbien, öffne dein Herz als Volk Gottes, lass dich versöhnen. Fürchte dich weder vor der Wahrheit noch vor der Gerechtigkeit. Liebe Kolumbianer: Habt keine Angst, um Vergebung zu bitten und sie zu gewähren. Widersetzt euch nicht der Versöhnung, die euch als Brüder und Schwestern einander nähern und wiederfinden hilft und die Feindschaften überwinden lässt. Es ist an der Zeit, Wunden zu heilen, Brücken zu bauen und Unterschiede einzuebnen. Es ist an der Zeit, den Hass auszulöschen, auf Rache zu verzichten und sich dem Miteinander zu öffnen, das auf Gerechtigkeit, Wahrheit und auf der Schaffung einer authentischen Kultur der solidarischen Begegnung gründet. Mögen wir in Eintracht und Brüderlichkeit leben, wie es der Herr will! Bitten wir Ihn darum, Werkzeuge des Friedens zu sein, damit wir dort, wo Hass und Groll herrscht, Liebe und Barmherzigkeit bringen (vgl. dem heiligen Franz von Assisi zugeschriebenes Gebet).

All diese Anliegen, die Zeugnisse, die wir gehört haben, die Dinge, die jeder von euch in seinem Herzen trägt, die Geschichten von Jahrzehnten des Schmerzes und des Leidens möchte ich vor dem Bild des Gekreuzigten, dem schwarzen Christus von Bojayá, niederlegen:

O schwarzer Christus von Bojayá,
du erinnerst uns an dein Leiden und deinen Tod;
mit deinen Armen und Füßen
hat man dir deine Kinder entrissen,
die Zuflucht suchten bei dir.

O schwarzer Christus von Bojayá,
du schaust uns zärtlich
und mit heiterem Antlitz an;
es schlage auch dein Herz, 
um uns in deiner Liebe aufzunehmen.

O schwarzer Christus von Bojayá,
gib, dass wir uns dafür einsetzen,
deinen Leib wiederherzustellen;
dass wir deine Füße sind,
um dem Bruder in Not entgegenzugehen;
deine Arme, um den zu umarmen, 
der seine eigene Würde verloren hat;
deine Hände, um den zu segnen und zu trösten, 
der in der Einsamkeit weint.

Gib, dass wir zu Zeugen 
deiner Liebe und deiner unendlichen Barmherzigkeit werden.

(rv 08.09.2017 ord)

08/09/2017 23:00