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Die zwei Martyrien des Oscar Romero

Die Verehrung ist international groß: Oscar Romero - REUTERS

11/08/2017 10:00

Er steht für die Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils und den Einsatz für Arme und Leidende aus dem Geist des Evangeliums. Und genau deswegen wurde er ermordet: Vor genau 100 Jahren wurde Oscar Arnulfo Romero geboren, der 1980 während der Feier einer Messe von einem Soldaten erschossen wurde.

Gefeiert wird aber nicht nur in seinem Heimatland El Salvador, sondern auch in Europa. Überhaupt war Romero seit seiner Ermordung immer schon über sein Land hinaus eine bedeutende Gestalt, auch vor seiner Seligsprechung 2015. Der Grund dafür sei sein klares, universell verstehbares Zeugnis, das er für die Frohe Botschaft abgelegt habe. Das sagt Erzbischof Vincenzo Paglia, Promotor im Heiligsprechungsprozess Romeros.

Feiern in London und in El Salvador

Konsequenterweise predigt Paglia bei einer großen Feier an diesem Samstag in London, bei der Romero geehrt wird. Und Romero wird in London nicht nur katholisch geehrt: Außer der Messe in der Kathedrale Southwark im Süden der Stadt wird es im September eine ökumenische Vesper im der Westminster Abbey geben, also der anglikanischen Kirche, die bereits 1998 eine Statue des katholischen Märtyrers zentral an ihrer Fassade angebracht hat. Neben Romero stehen dort auch Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer und Maximilian Kolbe.

Das Zeugnis Oscar Romeros geht über El Salvador und über die katholische Kirche hinaus, so Paglia. „Es ist kein Zufall, dass am 24. März, also am Tag seines Martyriums, die Kirche alle zeitgenössischen Märtyrer feiert. Außerdem haben die Vereinten Nationen diesen Tag ausgewählt, um ihn als ‚Tag des Rechts auf Wahrheit und für die Würde der Opfer’ zu begehen.“ Heute an diesen Mann zu erinnern und ihn zu feiern sei wichtig besonders in der Welt heute, wo Leben immer mehr genommen und immer weniger geschenkt werde, so Paglia.

Widerstände

Romero stehe aber nicht nur für nationen- und konfessionsübergreifende Einheit. Es habe auch immer Widerstand gegen Romero gegeben, zu seinen Lebzeiten, aber auch nach seinem Tod, auch in der Kirche. Selbst sein eigenes Bistum und seine Nachfolger haben ihn als politischen Unruhestifter gesehen, das war mit Ursache für die lange Verzögerung der Seligsprechung. „Nicht nur bei ihm in seiner Heimat, sondern auch außerhalb hat es diese Widerstände gegeben, auch hier bei uns“, kommentiert Paglia. „Dieser Widerstand ist geboren als Reaktion auf das, was das Zweite Vatikanische Konzil gelehrt und die lateinamerikanische Kirche sofort nach dem Konzil bekräftigt hat: Das Evangelium ist nicht indifferent. Das Evangelium ist nicht nur eine Devotion. Das Evangelium ändert die Welt und Romero hatte verstanden, dass man, um die Welt zu ändern - wie das Evangelium sagt - mit der Liebe für die Armen beginnen muss. Viele haben geglaubt, dass diese Option für die Armen eine politische Entscheidung gewesen sei, aus marxistischer Analyse heraus. Das war aber nicht so. Die Entscheidung für die Armen ist dieselbe Entscheidung, die Jesus getroffen hat.“

Widerstand gegen das Konzil

Das Zweite Vatikanische Konzil habe diese Option Jesu noch einmal deutlich in den Mittelpunkt gestellt, Romero sei in diesem Sinn auch ein Märtyrer für das Konzil. „Mich beeindruckt immer noch, mit welchen Worten Papst Paul VI. das Konzil beendet hat. Er stelle sich das Konzil vor wie den barmherzigen Samariter, der sich um den Mann am Straßenrand kümmert. Genau das hat Romero getan.“

Papst Franziskus unterstreiche genau diese Botschaft heute neu, so Erzbischof Paglia. Und er kenne auch die Opposition gegen Romero in der Kirche, bis heute. Deswegen habe der Papst vor Pilgern aus El Salvador ausdrücklich vom „Martyrium post mortem“, also quasi einem zweiten Martyrium an seinem Ruf und seiner Würde, gesprochen. „Eine solche Opposition richten heute auch einige gegen die Botschaft von Papst Franziskus.“

Die Frohe Botschaft will die Welt verändern

Die Frohe Botschaft lasse die Welt nicht, wie sie ist, betont Erzbischof Paglia noch einmal. Sie könne und dürfe nicht gleichgültig bleiben, im Gegenteil, sie verändere wie Welt. „Das Evangelium verlangt eine Entscheidung, verlangt an der Seite der Armen und Leidenden zu sein. Deswegen hat Papst Franziskus ja auch die Opposition ‚post mortem’ gegen Romero betont und an Jesu Worte angeschlossen: ‚Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen’.“

Am 23. Mai 2015 sprach Papst Franziskus Erzbischof Romero selig. Die letzte Zweifel, ob es eine politische Tat war und keine gegen Glaube und Kirche gerichtete, waren damit ausgeräumt. Wann es zur Heiligsprechung komme, darüber will sich Paglia nicht festlegen, aber wenn der Prozess gut verlaufe, dann könne es schon im kommenden Jahr soweit sein.

Hintergrund

Romero starb am 24. März 1980, erschossen am Altar auf Befehl der politisch Mächtigen. Seine Ermordung war ein Fanal im heraufziehenden Bürgerkrieg zwischen Sicherheitskräften, rechten Todesschwadronen und linken Guerillagruppen. Bis 1992 kamen rund 75.000 Menschen ums Leben.

Romero wusste um die Gefahr, denn er predigte noch unmittelbar vor seinem Tod: „Wer sich davor hütet, die Gefahren des Lebens auf sich zu nehmen, so wie es die Geschichte von uns verlangt, der wird sein Leben verlieren. Wer sich hingegen aus Liebe zu Christus in den Dienst der anderen stellt, der wird wie das Samenkorn, das stirbt, aber in Wirklichkeit lebt."

In El Salvador gibt es zu Ehren Oscar Romeros eine nationale Pilgerreise, von der Kirche im Land organisiert. Unter der Überschrift „Camino de Monseñor Romero”, „Der Weg von Bischof Romero“, geht es ab diesem Freitag in der Hauptstadt San Salvador an der Bischofskirche los.

(rv 11.08.2017 ord)

11/08/2017 10:00