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Aleppo: Befreit, aber kaputt und hoffnungslos

Pater Ibrahim Alsabagh aus Aleppo - ANSA

15/07/2017 10:40

Hält sie, oder hält sie nicht, die Waffenruhe in Syrien, die erst kürzlich zwischen Trump und Putin ausgehandelt worden ist? Besonders gute Nachrichten kommen nicht aus dem kriegsgeschüttelten Land; Aleppo beispielsweise kommt nicht zur Ruhe. Bombenangriffe gehören dort weiter zum Alltag, berichtet im Gespräch mit Radio Vatikan der katholische Pfarrer, Franziskanerpater Ibrahim Alsabagh:

„Das, was wir hier vor Ort erleben, ist ein bisschen anders als das, was man sich vorstellen könnte. Am Mittwoch und am Donnerstag hat es unglaublich viele Bombeneinschläge im neuen Teil der Stadt gegeben, und viele Zivilisten sind durch Marschflugkörper getötet worden, die von bewaffneten Gruppen außerhalb der Stadt abgefeuert wurden. Nachts gehen schwere und grausame Bombenangriffe weiter. Das Wasser kommt und geht, Elektrizität haben wir sowieso nicht…“

Ist es jetzt vorbei oder nicht?

Ganz zu schweigen von Internet - dabei stellt das für viele die einzige Verbindung zur Außenwelt dar. Auch der tägliche Überlebenskampf wird durch immer weiter steigende Preise härter, berichtet Pater Ibrahim. „Das Leben ist sehr schwer für die Menschen. Sie blicken um sich und fragen: Ist es jetzt vorbei oder nicht? Werden wir die Möglichkeit zu einem neuen Leben bekommen?“

Besonders beunruhigend: Man wisse derzeit einfach nicht, wer hinter den Angriffen stecke, meint der Pater. Man höre den Lärm und sehe die Auswirkungen – aber, so der Franziskaner, „man versteht es nicht.“ „Oft sagen die Leute, dass es der IS ist, oft aber auch, dass es sich um andere Gruppen handelt. Von unserer Seite aus versuchen wir, für Versöhnung und Dialog zu arbeiten… Wir versuchen mit allen Kräften, eine Hand auszustrecken, um hier vor Ort eine friedliche Situation zu erreichen…“

Die Kirche tue einiges, um Vertriebenen zu helfen. Schon 18 Familien seien in die Stadt zurück gekehrt, und er wisse, dass noch weitere Familien an Rückkehr dächten, erzählt der Pater:

„Und wenn wir dann fragen, warum, dann antworten sie uns: ,Wir haben gehört, dass die Kirche beisteht, hilft, ermutigt – und dass sie also auch bereit ist, beim Wiederaufbau eines zerstörten Hauses zu helfen, einem Familienvater zu helfen, eine Arbeit zu finden und Nötiges zu kaufen, ein Lebensmittelpaket zu spenden…' Und das freut uns sehr und ermutigt uns auch, mehr Menschen aufzunehmen!“

Viele getrennte Familien: Ein Teil hier, ein Teil in Europa

Doch es gebe auch weiter den gegenläufigen Trend, denn viele Familien hätten nun das Limit ihrer Leidensfähigkeit erreicht und dächten im Gegenzug daran, die Stadt zu verlassen. „Das scheint ein Widerspruch zu sein, doch es gibt heute viele getrennte Familien, ein Teil hier, ein Teil in Europa, von wo aus ihre Eltern anrufen, ihre Kinder… Sie wollen abreisen, weil sie keine Hoffnung mehr haben für die Stadt und für das Land.“

Syrien sei so gut wie zerstört, sagt Pater Ibrahim. Es fehle an allem, an Arbeit, Strom und Wasser, und auch der muslimische Fastenmonat Ramadan habe die Geschäfte nicht wie erhofft angekurbelt. Nur der Markt für Lebensmittel, der sei – auch dank der Kirche, die das Vorhandene kaufe und an Bedürftige weiter verteile – nach wie vor nicht eingebrochen: „Es ist ein verletztes Land, ein zerstörtes Land, ein Land, das wirtschaftlich gelähmt ist und vollständig vom Ausland abhängig wird. Die Währung ist spürbar abgewertet worden, und die Menschen schauen sich um, auf der Suche nach einer Zukunft, die man jedoch, aus menschlicher Perspektive, nicht zu sehen vermag…“

(rv 15.07.2017 cs)

15/07/2017 10:40