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Venezuela: Die Ursachen der Krise

Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Nationalpolizei diese Woche in Caracas - EPA

21/04/2017 14:10

Die Lage in Venezuela wird immer dramatischer. Das lateinamerikanische Land erlebte am Mittwoch die größten Demonstrationen seit drei Jahren gegen Präsident Nicolás Maduro. Leider forderten sie einmal mehr Todesopfer, diesmal drei, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ an diesem Freitag berichtet. Reiner Wilhelm ist Venezuela-Referent des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. Er erläutert im Gespräch mit Radio Vatikan, weshalb die Menschen auf die Straße gehen.

„Die Krise in Venezuela hat bereits eine sehr lange Geschichte, aber sie eskalierte, als der Präsident Maduro den Obersten Gerichtshof angewiesen hatte, das Parlament zu entmachten. Die Situation ist im Laufe der vergangenen drei Wochen regelrecht eskaliert. Es gibt insgesamt mindestens neun Tote zu beklagen. Viele wurden verhaftet. Neuerdings sind etwa 400 Menschen ins Gefängnis gebracht worden. Es gibt sehr viele Verletzte. Die Auseinandersetzungen sind in den letzten Tagen regelrecht eskaliert. Schlägergruppen wurden auf Demonstranten angesetzt und schrecken nicht davor zurück, auf diese Menschen zu schießen.“

Schwere Versorgungskrise

Aktuell erlebt Venezuela eine schwere Versorgungskrise, die aufgrund von Engpässen etwa bei der medizinischen Versorgung bereits Todesopfer forderte. Neben den autoritären Vorgehen des Präsidenten erregt auch das den Unmut der Bevölkerung. Dazu Wilhelm:

„Venezuela ist eigentlich ein sehr reiches Land. Es ist weltweit eines der Länder mit dem meisten Erdölvorkommen und es ist ein sehr fruchtbares Land. Doch der Sozialismus des 21. Jahrhunderts hat die Menschen arm gemacht. Man sieht es daran, dass in dem Land kaum etwas produziert wird. Man verließ sich einzig auf die Einnahmen der Erdölgewinnung. Als die Preise des Erdöls massiv fielen, kam es zu Ausfällen.“

Menschen, die Essen im Müll durchsuchen, seien in Venezuela mittlerweile keine Seltenheit. Adveniat bemüht sich auf unterschiedliche Weise, den Menschen vor Ort zu helfen, wie Wilhelm ausführt:

„Im Moment gibt es zwei Arten der Hilfe: einerseits geht es um die Weitergabe von Medikamenten und andererseits geht es um die Friedenssicherung. Das Land ist gespalten und wir unterstützen Projekte, die die Einheit fördern.“

Einsatz der Kirche

Die Ortskirche habe einen Dialogprozess geführt, der nach den ersten Ausschreitungen und den Problemen, die schon 2014 entstanden, aber eingestellt worden sei, so Wilhelm. Der Vatikan hatte diesen Dialog mit begleitet.

„Bereits damals war die Kirche auf der Seite der Armen und derjenigen, die unter der Notlage leiden. Es gab in der Vollversammlung der Bischofskonferenz Anfang dieses Jahres eine klare Ansage der Bischöfe: die Lebenssituation müsse sich verändern. … Die Regierung solle auch die Rechte des Parlaments wahren, forderten die Bischöfe. Als sich die Lage zuspitzte, haben die Bischöfe dazu aufgefordert, keine Gewalt anzuwenden, das Recht der Demonstranten zu akzeptieren und das von der Regierung entmachtete Parlament zu respektieren.“

,Eine Nation ohne Parlament ist ein Körper ohne Geist', lautete der Spruch der Bischöfe. Im Dezember 2015 erzielte die Opposition eine klare Mehrheit bei den Parlamentswahlen, doch das Maduro-hörige Oberste Gericht beraubte die Nationalversammlung de facto ihrer Kompetenzen. Vor einem Jahr sammelte die Opposition ein Vielfaches der nötigen Unterschriften für ein Referendum zur Abberufung von Maduro, doch unter Verletzung der Verfassung weigerte sich die Regierung, dieses durchzuführen.

 

(nzz/rv 21.04.2017 mg)

21/04/2017 14:10