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Europäische Jugendstudie: Handy statt Gott?

Bischof Stefan Oster von Passau

06/04/2017 14:55

Um glücklich zu sein, brauchen junge Erwachsene in Europa allerhand, aber offenbar nicht Gott – das geht aus der soeben vorgestellten Jugendstudie „Generation What?“ hervor. Es ist die größte europäische Jugendstudie jemals, rund 200.000 junge Menschen zwischen 18 und 34 Jahren aus zehn europäischen Staaten beantworteten Fragen über ihre Einstellung zu Arbeit, Familie, Freunde, Liebe, Sex, Politik und Religion. Wie kommt es, dass 85 Prozent der jungen Erwachsenen Europas gottlos glücklich sind?  Das fragten wir den Passauer Bischof Stefan Oster, Vorsitzender der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz:

„Bei uns hat man leicht das Gefühl von einem Klima der Verschlossenheit in Richtung Himmel, weil wir auf der Erde meinen, den Himmel schon verwirklichen zu können. Wir leben jetzt schon Jahrzehnte in Europa in einer Gesellschaft voller materiellen hohen Standards mit einer Zeit des Friedens, und wir sind überwiegend eine reiche Gesellschaft in Europa. Das heißt, unsere vordergründigen Bedürfnisse können viele junge Menschen schnell stillen, und das führt womöglich dazu, dass die tieferen Bedürfnisse des Lebens nicht mehr so leicht wahrgenommen werden.“

„Glück“ sei in dieser Konstellation durch „Markt und Medien“ bestimmt. Der Jugendbischof zählt auf:

„Sein Leben genießen zu können, in romantischen Beziehungen leben zu können, es sich gut gehen zu lassen, verreisen zu können, Freiheit und Möglichkeiten zu haben – das verbinden Menschen mit dem „Glück“. Die Frage nach dem Unendlichen und nach dem, worauf das Menschenherz überhaupt ausgelegt ist, stellt sich da gar nicht mehr. Wenn dann die Menschen gemeinsam diese Frage gar nicht mehr stellen, dann denkt man, man kann auch glücklich sein ohne. Einem vordergründigen Sinn würde ich dem wohl auch zustimmen, aber das ist nicht der ganze Sinn des Menschenlebens.“

86 Prozent der jungen Leute betonen laut der Studie, kein oder sehr wenig Vertrauen in die religiösen Institutionen zu haben. Um dieses Dilemma soll es unter anderem bei der für 2018 im Vatikan angesetzten Jugendsynode gehen. Das Vertrauen in Institutionen lasse allgemein nach, so Bischof Oster. Man müsse die Situation differenziert sehen, schlägt er vor: So erreichten die katholischen Jugendverbände in Deutschland etwa mit ihrer Arbeit immerhin 660.000 Jugendliche. Einerseits gibt es also eine aktive Jugend in Verbänden und auch Ordensgemeinschaften.

„Aber darüber hinaus gibt es eine nachwachsende Generation, die Kirche eher von außen wahrnimmt, und die Außenwahrnehmung ist dann oft nicht positiv dargestellt. Deswegen kommen viele junge Menschen in unserer Kultur gar nicht auf Idee, dass sie in der Kirche vielleicht Glück und Zufriedenheit oder den Sinn ihres Lebens finden könnten. Insofern wächst in der jungen Generation die Distanzierung. Natürlich glaube ich, dass bei vielen jungen Menschen die Sinnsuche da ist. Es ist aber wohl so, dass viele das der Kirche nicht zutrauen, dass sie das dort finden könnten. Das hängt auch mit unserer Darstellung und unserer Glaubwürdigkeit zusammen.“

In Hinblick auf die Synode und den Umgang der Kirche mit Jugendlichen hält der Jugendbischof „das Programm, das uns Papst Franziskus vorgibt und auch vorlebt“ für nachahmenswert.

„Dass wir zu den jungen Menschen hingehen müssen, mit ihnen ins Gespräch kommen müssen, von ihrem Leben erzählen lassen und auch bereit sind, von ihnen zu lernen, aber auch zu sagen: Wir haben einen Vorschlag, nämlich den Glauben an Christus, der sich durch die Zeit und Geschichte hin so bewährt hat, dass er viele Menschen in eine tiefe Freude und auch in eine Sinn- und Glückserfahrung geführt hat. Es gilt als Vorschlag und als Einladung. Wir haben die Zeiten hinter uns, in denen wir mit Druck arbeiten oder zuerst mit Drohungen kommen konnte; das ist lange vorbei.“

Sinnsuche und „die Sehnsucht nach dem ganz anderen, dem größeren“ gebe es auch bei Europas Jugend, zeigt sich der Bischof überzeugt. Die Komplexität der Gesellschaft und ihrer Angebote allerdings würden hier so manchen Kanal zu Gott vernebeln:

„Wir wissen alle, dass wir auch medial in einer Art Ablenkungsgesellschaft leben. Vor allem junge Menschen bewegen sich sehr viel im Netz und in digitalen Welten. So viel uns auch die Welt des Internets nützt, auf der anderen Seite suggeriert das Internet so etwas wie Transzendenz, also das Unendliche, die Beziehung aller mit jedem. Ich kann dort gewissermaßen hineintauchen und mich ins Mysterium begeben. Es ist durchaus möglich, dass sich junge Menschen täuschen lassen in ihrer Suche nach dem ganz anderen, indem sie in Netzwelten eintauchen und es meinen, dort zu finden. Oberflächlich gesehen kennen wir das alle, wenn wir uns mal am Abend zum Fernsehen hinreißen lassen und dann merken, dass es ganz schön leer ist und wir nichts erfahren haben. Diese digitale, mediale Welt bietet sich als vordergründiger Ersatz an, ist aber nicht das Eigentliche.“

Nach Angaben der Studienautoren ist die Befragung repräsentativ für diese Altersgruppe in Europa. Die Ergebnisse der Studie basieren auf Befragungen im Internet zwischen April 2016 und März 2017. Insgesamt rund eine Million junger Erwachsener aus 35 Ländern nahmen teil. Die in Zusammenarbeit mit dem Berliner Sinus-Institut veröffentlichte Studie bezieht sich auf rund 200.000 Internetbefragungen aus zehn Staaten: aus Belgien, Deutschland, Griechenland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Schweiz, Spanien und Tschechien. In der Bundesrepublik beteiligten sich mehrere öffentlich-rechtliche Sender an dem Projekt.

 

(rv 06.04.2017 pr)

06/04/2017 14:55