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Lutheraner in Rom: Zwischen Papst-Kelch und 95 Thesen

Gottesdienst anlässlich des Papstbesuches in der Christuskirche, Rom, 2015 - OSS_ROM

02/04/2017 09:07

Mit handgeschriebenen Werbezetteln im Cafè Greco und einem Gottesdienst in einer Diplomatenwohnung fing es 1817 an: In diesem Jahr feiert die evangelisch lutherische Gemeinde Roms ihren 200. Geburtstag. Und wie damals standen auch beim Festakt an diesem Samstag deutsche Diplomaten Pate, die Botschafterinnen der Bundesrepublik Deutschland in Italien und beim Heiligen Stuhl, Susanne Wasum-Rainer und Annette Schavan, hatten geladen.

Es ist vor allem eine deutschsprachige Gemeinde, damals wie heute, stark mit Deutschland verbunden. Aus dem Kernland der Reformation war deswegen Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haselhoff gekommen, um den Festvortrag zu halten, als Geschenk hatte der Wittenberger Katholik ein Faksimile der 95 Thesen Luthers mitgebracht.

Beginn in einer Hauskirche

Von den Anfängen bis heute war es ein langer Weg, das wurde immer wieder betont, allen voran vom Pfarrer der Gemeinde, Jens-Martin Kruse. Der Anfang musste noch heimlich geschehen: „Es war halböffentlich, in einer privaten Wohnung, von daher kann man sagen, dass es urchristliche Züge gehabt hat.“ Der Gottesdienst in der Wohnung im Marcellus-Theater musste damals noch ohne eigenen Pfarrer gefeiert werden. „Es hat angefangen als eine Hauskirche, die sich verstecken musste“, ergänzt Heinrich Bedford-Strohm, lutherischer Landesbischof Bayerns und Vorsitzender der EKD. „Die Gemeinde hatte nicht die Möglichkeit, frei ihren Glauben zu leben. Das haben die Evangelischen hier in Rom inmitten der Katholischen erfahren, das haben die Katholischen aber in anderen Kontexten, wo die Evangelischen in der Mehrheit waren, auch umgekehrt erfahren.“ Das Reformationsgedenken in diesem Jahr war und ist Anlass, gemeinsam und voreinander um Vergebung zu bitten, gerade für solche Ausgrenzung, „und gerade die evangelische Gemeinde hier in Rom, die das nun selbst erduldet hat, die weiß um diese Geschichte und nimmt das nicht als Sprungbrett zur Abgrenzung von den anderen sondern als Ausgangspunkt für neue Geschwisterlichkeit.“

„Ein ökumenisches Biotop zur Überwindung von Ängsten“

Überhaupt waren „Ökumene“ und „gemeinsam“ unter den am meisten genannten Worten an diesem Samstag Abend, dass mit Frère Alois, dem Prior von Taizé, eine ausdrücklich ökumenische Gemeinschaft prominent vertreten war, war deswegen auch kein Zufall.

200 Jahre lutherische Gemeinde bedeute auch 200 Jahre lutherisches Bekenntnis zu Rom, die Christen hier wollten ihren Glauben leben, aber auch in Rom sein, betonte Pfarrer Kruse.

Drei Papstbesuche hat die Gemeinde bisher empfangen, das schaffen auch wenige katholische Gemeinden, wie Kardinal Kasper in seinen Glückwunschworten sagte. Ist das noch eine lutherische Gemeinde, oder muss man sie nicht besser einer ökumenische Gemeinde nennen? „Ich glaube, dass wir in einem guten Sinn eine ‚evangelisch-katholische’ Gemeinde sind“, sagt Pfarrer Kruse, „oder auch eine ‚katholisch-evangelische’ Gemeinde. ‚Katholisch’ im Sinn der gesamten Kirche Jesu Christi. Dieser Tradition wissen wir uns hier in Rom sehr verpflichtet und wir versuchen, das im Miteinander mit den katholischen Brüdern und Schwestern hier in Rom zu leben.“

Gemeinsam Richtung mehr Gemeinsamkeit

„Die evangelische Gemeinde hier in Rom steht in der reformatorischen Tradition und sie strahlt aus, was das bedeutet, nämlich Christus neu zu entdecken.“ Landesbischof Bedford Strohm betont den Eigencharakter der Gemeinde und der Kirche. Die Anfänge der Gemeinde lagen in einem Lutherjahr – 300 Jahre Reformation – und so findet auch diese Feier wieder in einem solchen statt. Kardinal Kasper hatte in seinem Grußwort betont, dass das, was man früher ‚Reformation’ genannt habe, heute ‚Neue Evangelisierung’ heißen könne, nämlich die Wiederentdeckung Christi für das Leben und die Welt. Aber anders als damals bedeutet das nicht, sich abzugrenzen, sagt Bedford-Strohm. „Nicht Konfessionslinien verstärken oder Mauern erhöhen, sondern Mauern überwinden im gemeinsamen Christuszeugnis.“ Christus stehe im Zentrum, nicht die Konfession: Diesen Geist strahle die evangelische Gemeinde Rom aus. Und das Geschenk des Kelches durch Papst Franziskus bei seinem Besuch 2015 zeige, in welche Richtung die Reise gehe, zu immer mehr Gemeinsamkeit. Kardinal Walter Kasper hofft jedenfalls noch in diesem Jahr des Gedenkens auf weitere Schritte.

Eine Hoffnung  die auch auch Pfarrer Kruse teilt: „Ich bete jeden Abend, dass die Einheit der Christenheit  möglich wird.“

 

(rv 02.04.2017 ord)

02/04/2017 09:07