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Vatikan-Antwort für Missbrauchsopfer: „Zeitnah, persönlich“

Pater Hans Zollner - AP

27/03/2017 16:06

Die Päpstliche Kinderschutzkommission hat vorgeschlagen, dass an den Vatikan gerichtete Briefe von Missbrauchsopfern zeitnah beantwortet werden sollten. Dies geht aus der Erklärung der Kommission zu deren jüngster Plenarsitzung hervor. Was das genau bedeuten kann und wie die bisherige Praxis dazu aussieht, darüber hat Radio Vatikan mit dem Jesuiten Pater Hans Zollner gesprochen. Er ist Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana und Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission.

Das ganze Interview hören Sie über das Anklicken des Lautsprechersymbols oben links. 

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RV: Pater Zollner, die Kinderschutzkommission plädiert dafür, der Vatikan solle Briefe von Missbrauchsopfern beantworten. Wie kann man sich das vorstellen?

Zollner: „Betroffene von Missbrauch, aber auch Leute, die etwas von Missbrauchsopfern wissen (...), schreiben an verschiedene Stellen im Vatikan, alle möglichen Stellen werden da angeschrieben. Es kommen Briefe beim Staatssekretariat an, bei der Ordensleutenkongregation, auch bei der Glaubenskongregation, aber auch in anderen Büros oder anderen Dienststellen. Sehr viele kommen mittlerweile auch direkt zum Büro unserer Kinderschutzkommission, ich selber bekomme jede Woche einige Zusendungen, entweder per E-Mail oder per Brief.

Die Frage ist dann erstens: Wie kann man antworten? Wer soll antworten? Und was soll geantwortet werden? Da gibt’s natürlich sehr viele Dinge, zu beachten. Das erste ist - wenn es sich um direkt Betroffene von Missbrauch handelt -, dann soll und muss so schnell wie möglich geantwortet werden! Im Sinne von ,Ich habe Ihre Zusendung erhalten und ich werde mich darum kümmern'. Das mache ich z.B., wenn das direkt an mich geht oder die Kinderschutzkommission macht das, und das wird dann weitergeleitet an die zuständigen Stellen.

Das muss in einem Ton und einer Zugewandtheit geschehen, dass die Leute, die sich da auch vertrauensvoll oder auch zum Teil mit großen Erwartungen an diese Stellen wenden, einerseits wissen, dass jemand das bekommen hat und dass man sich drum kümmert. Andererseits kann freilich auch nicht sehr schnell zum Sachverhalt etwas gesagt werden, weil das ja Untersuchungen braucht, das ja auch in den jeweiligen Kontext gehört…

Wir bekommen Zusendungen in vielen verschiedenen Sprachen, und einerseits haben wir vom Vornherein drauf investiert, dass diese Eingangsbestätigungen tatsächlich auch immer postsendend geschehen. Andererseits ist uns auch klar, wie auch aus dem Text der Stellungnahme hervorgeht, dass das sehr viel mehr impliziert als jetzt nur zu sagen: ,Ich kümmere mich drum‘, sondern das da ein ganzer weiterer Vorgang folgen muss. Über dessen Schnelligkeit und dessen Konsistenz müssen wir uns eben kümmern. Das ist bei Weitem nicht in der Schnelligkeit und bei weitem nicht auch mit der Fachinformation, die die Leute erwarten.“

„Es kann nicht nur eine bürokratische Antwort sein“

RV: Also im Klartext heißt das: Die Kommission plädiert dafür, eine zentrale Stelle im Vatikan einzurichten, wo dann das entsprechende Personal mit der nötigen Sensibilität sitzt, das erstmal grundsätzlich sagt: ,Wir haben euch gehört, wir kümmern uns, dass eure Briefe auch bearbeitet werden‘?

Zollner: „Ja, das ist sachlich richtig. Wir schlagen vor, dass es entweder eine zentrale Stelle oder dann jeweils bei den verschiedenen Dikasterien, bei den verschiedenen Ministerien, wo diese Briefe anlangen, dass man sich dann eben Gedanken macht, wer dort in diesen Stellen die Briefe beantwortet und wer sie so beantwortet, dass auch daraus hervorgeht: ,Wir kümmern uns. Und sobald als möglich werden Sie eine Antwort erhalten.‘ Aber das wird auch dazu führen, dass man Leute speziell auch ausbilden muss!

Das gab es bisher nicht, man wusste bisher nicht, wer z.B. zuständig ist für bestimmte Fälle, weil es sich bei manchen Zusendungen nicht um Missbrauch bei Minderjährigen handelt, sondern um andere Arten von Missverhalten, also wo grenzüberschreitende, beleidigende oder andere Arten von Missbrauch, auch physischer Missbrauch stattfindet, wo es bei vielen um Missbrauch von erwachsenen Personen geht. Also da ist jeweils eine andere Stelle zuständig.

Unser größtes Anliegen ist, dass die Betroffenen von Missbrauch als Minderjährige, dass die wissen, dass ihre Anzeige eingegangen ist, dass ihre Beschwerde angekommen ist und dass wir uns darum kümmern. Wobei dieses „wir“ halt immer dann die entsprechende Stelle im Vatikan ist. Ob es eine einzige zentrale Stelle geben kann – ja, vielleicht wäre das das Beste. Das müssen aber gut ausgebildete, sensible Leute sein, die sowohl was die Rechtfragen angeht, sich auskennen als auch solche Antworten auf eine Weise formulieren können, dass die Betroffenen oder andere, die sich eben melden, auch – sagen wir mal – die menschliche Seite, die Seite des ,Ich nehme deine Botschaft wahr und an‘ spüren, dass das auch tatsächlich ankommt.

Es kann nicht nur eine bürokratische Antwort sein, wo dann drinsteht: ,Ja, Brief ist eingegangen und wir kümmern uns drum‘. Es muss auch eine Note haben, die sagt: ,Es tut uns Leid, was Ihnen geschehen ist, und wir hoffen, dass Sie die Hilfe empfangen, die Sie wollen und die Sie brauchen‘.

Das kann ein Gericht, das kann eine Behörde nur sehr schwer tun, und deshalb braucht man Leute, die speziell sich auch damit auskennen und die auch das nötige Gespür haben, die nötige Empathie haben und auch die Sprachfähigkeit. Wir reden von Zusendungen in sehr vielen Sprachen, also da muss man auch schauen, wie da die entsprechende Ressourcen sobald als möglich zur Verfügung gestellt werden können.“

Ortskirchen gefragt: „Das kann keine einzige Kongregation alleine leisten“

RV: Der Präfekt der Vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, sieht solche Aufgaben eher an die Ortsbischöfe verwiesen. Wie geht das mit der aktuellen Forderung der Päpstlichen Kinderschutzkommission zusammen?

Zollner: „Das steht der nicht entgegen. Wir sind uns sehr bewusst, dass die Glaubenskongregation ein Gericht ist in erster Linie und über die Fälle von Missbrauchsanklagen urteilt. Was wir gefordert haben ist, dass eine Eingangsbestätigung kommt und zwar von den Stellen, wie ich vorhin gesagt habe, wo Missbrauchsopfer hinschreiben, und das ist bei Weitem nicht nur die Glaubenskongregation. Über die pure Eingangsbestätigung hinaus braucht es auch eine pastorale Note, und das kann tatsächlich bisher mit den vorhandenen Mitteln keine einzige Kongregation alleine leisten. Dazu braucht es Leute – wie ich gesagt habe – die geschult sind und die auch wissen, wie man menschlich mit diesen Briefen umgeht und den Personen, die dahinter stehen und den Schicksalen, und wie man auch mit der rechtlichen Seite umgeht.

Wir merken das ja selber, bei der letzten Tagung mit der Kinderschutzkommission haben wir ja selber gemerkt, dass bei uns im Büro mittlerweile so viele Fragen ankommen, die wir kaum selber direkt beantworten können. Man muss sich dann ja auch vorstellen: Manche dieser Personen, wenn sie per Email schreiben, schreiben dann am Tag ein, zwei Mal, oder pro Woche vier, fünf Mal! Und das über Monate und unter Umständen auch Jahre hinweg. Ich habe Betroffene von Missbrauch, die mir praktisch täglich aus verschiedenen Teilen der Welt schreiben, und ich versuche, wenigstens kurz zu antworten. Aber das sind ja auch menschliche und pastorale Situationen, wo man dann auch sehr schnell an die Grenzen kommt.

Und insofern stimmen wir (mit Herrn Kardinal Müller, Anm.) überein, dass der menschliche Kontakt und die pastorale Sorge für die Menschen natürlich auf der Ebene von der Diözese, von der Ordensprovinz, von der Institution, wo der Missbrauch geschehen ist, ausgehen muss. Wie sollten denn Tausende von Missbrauchsopfern hier eine pastorale Betreuung erleben? Das kann nicht zentral geschehen, das muss tatsächlich auch auf der Ortsebene geschehen. Die sprachliche Schwierigkeit ist da ja auch schon gegeben. Das fließt natürlich mit ein, dass zunächst mal eine entsprechende Reaktion – eine Eingangsbestätigung kommt, aber darüber hinaus kann sich die Glaubenskongregation sicherlich nichts leisten.

Opfer wenden sich an den Vatikan, weil „viele Bischöfe nicht reagieren“

RV: Aber es wird ja einen Grund haben, warum sich Missbrauchsopfer vielleicht nicht an ihre Ortskirche wenden, sondern an den Vatikan. Wie ist dieses Problem denn zu lösen?

Zollner: „Wie ich versucht habe zu erklären, das ist zu lösen, indem hier gesagt wird: ,Wir haben diesen Brief bekommen, wir haben das ernst genommen, wir tun, was wir können, und wir suchen z.B. den Ortsbischof auf, dass er sich mit Ihnen in Verbindung setzt.‘ Anders geht es ja rein energie-/kräftemäßig kaum, wie sollte das geschehen? Würden dann Opfer hierherkommen, würde sie in Betreuungsinstitutionen herkommen - das ist ja alles faktisch nicht möglich.

Wir sehen das Problem, dass manche Bischöfe halt nicht entsprechend reagieren und dass sich dann Betroffene an verschiedene Stellen des Vatikans wenden in der Hoffnung, dass hier war geschieht. Was hier geschieht – das kann ich Ihnen schon auch sagen – ist das, was menschenmöglich ist: Die Glaubenskongregation ist viel zu wenig personell ausgestattet, das sind viel zu wenig Leute, es gibt jetzt grad eine Umgruppierung. Zum ersten Mal ist jetzt jemand angestellt worden, der portugiesischer Muttersprachler ist! Das sind alles Dinge, die mit sehr wenig Personal passieren muss, es gibt eine Unmenge von Quellen, von Briefen, von Kommunikation, die beantwortet werden muss. Also das ist kein böser Wille der Glaubenskongregation, sondern das ist tatsächlich eine zu geringe Personalausstattung!

Wir haben den Papst gebeten, dass er da hinschaut und dass er z.B. die Glaubenskongregation, aber unter Umständen auch die Kinderschutzkommission und andere Stellen, z.B. das Staatssekretariat, entsprechend personell ausstattet, damit hier wenigstens eine erste Reaktion kommen kann, die menschlich angemessen ist und die dem Sachverhalt angemessen ist."

RV: Das heißt, die Glaubenskongregation hat diesen Vorschlag der Kommission bislang auch positiv aufgenommen, dass man eben da aufstockt und eine erste Antwort auf diese Briefe gibt, um dann eben in einem weiteren Schritt an die Ortsbischöfe zu verweisen, die sich dann pastoral kümmern sollen?

Zollner: „Ich hab gestern mit dem Oberstaatsanwalt, wenn man den so nennen will, der Glaubenskongregation zu diesen Fragen gesprochen. Und die Leute dort sind sich sehr wohl dessen bewusst, dass die viel zu langsam arbeiten, dass es viel zu schleppend vorangeht und dass vor allem auch diese pastorale Note nicht von ihnen geleistet werden kann.

Ein Betroffener aus Irland, der in einem Brief mir schrieb, aber der Brief ging auch an andere, unter anderem auch an die Glaubenskongregation - dieser Herr aus Irland sagt zu Recht: ,Die Glaubenskongregation ist ein Gericht‘. Wenn ich mir das jetzt parallel vorstelle, wenn ich an einem Zivilgericht bin, kann ich von einem Gericht, von einem Richter auch nicht erwarten, dass er mir als anschuldigende Person, als betroffene Person, dass dieser Richter mir schreibt: ,Ja, wir haben Ihre Anzeige erhalten und es tut uns Leid, was Ihnen geschehen ist‘. Wenn das ein Richter schreibt, ist ja schon der Prozess sozusagen vorentschieden, dann brauche ich ja gar keinen Prozess mehr machen, sondern dann hab ich ja vorher schon sozusagen festgelegt, dass das, was diese Person mir sagt, tatsächlich auch wahr ist, ohne dass ich das überprüft hätte.

Also außer einer Eingangsbestätigung pur, die sagt: ,Ich habe Ihre Anzeige erhalten mit diesem Datum‘, kann ja ein Richter nicht antworten, bevor der Prozess nicht zu Ende ist. Und wenn das von der Glaubenskongregation erwartet wird, dann kann man das sicher auf diesem Niveau behandeln – glaube ich – aber das wäre ja nichts, was eine betroffene Person will. Die will ja eine menschliche, angemessene, empathische Antwort, und das kann ein Gericht, jedenfalls nicht vor einer Entscheidung, mitteilen.

Also insofern stehen wir da wirklich in einer Spannung: ,Wer kümmert sich um diese Briefe, wer kümmert sich um den Sachverhalt? Ich habe selber sehr viele von diesen Anfragen und Anzeigen, die an mich gegangen sind, an die Glaubenskongregation weitergeleitet. Ich habe auch verfolgen können, dass das sehr bald zur Prozessaufnahme kam, dass da Prozesse auch abgeschlossen wurden, dass zum Teil auch Betroffene, wenn sie in Italien waren, da auch hingehen konnten und angehört wurden.

Aber auf der anderen Seite habe ich auch die Erfahrung, dass diese Betroffenen mit der einfachen Prozessaufnahme nicht zufrieden sind, und ich kann das natürlich verstehen. Die brauchen eine andere Art von Nähe, eine andere Art von Aufnahme auch ihrer Schmerzen, ihrer Wunden, ihres Ärgers und so. Und wie soll das in Rom geschehen? Das muss auf der lokalen Ebene geschehen, und deshalb sind wir ja dabei, auch in der Präventionsarbeit und in der Interventionsarbeit, die Diözesen und die Orden dazu zu bringen, dass sie entsprechende Strukturen, entsprechendes Personal vor Ort zur Verfügung stellen. Das kann nicht auf Rom einfach nur abgeschoben werden."

RV: Danke, Pater Zollner, für dieses Gespräch!

Die Fragen stellte Anne Preckel.

(rv 27.03.2017 pr)

 

27/03/2017 16:06