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Jean Ziegler: Streiter im Auftrag der Menschenrechte

Jean Ziegler - EPA

15/01/2017 07:43

Der Schweizer Jean Ziegler ist als Hans Ziegler 1934 in Thun in der Schweiz geboren. Er pflegte in jungen Jahren u.a. die Bekanntschaft von Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre und Che Guevara. Ziegler war Professor der Soziologie in Genf und Paris, Abgeordneter im Schweizer Nationalrat und von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Vier Jahre gehörte er dem Beratenden Ausschuss des Menschrechtsrats der Vereinten Nationen an, im September 2013 wurde er erneut in dieses Gremium gewählt. Er ist gläubiger Christ. Aldo Parmeggiani hat ihn zu seinem Leben befragt.

AP: Herr Professor Ziegler, Sie sind Kämpfer im Auftrag der Menschenrechte, ein großes Wort, ein weiter Begriff. Sie gelten als Hüter der Gerechtigkeit, Beobachter der Ungerechtigkeit, Wegweiser für den Frieden auf der Welt und all dies seit einem halben Jahrhundert. Auch zeigen Sie keine Müdigkeit, im Gegenteil.....Obwohl Sie schon über achtzig sind, sind Sie kämpferisch wie eh und je. Sie kämpfen gleich an mehreren Fronten: gegen den Hunger, gegen die Armut, gegen die Korruption und setzen sich für mehr soziale Gerechtigkeit in der Welt ein. Herr Ziegler, Sie haben jetzt gerade ein Buch herausgegeben mit dem Titel: „Ändere die Welt“. Wie wollen Sie denn die Welt, wie wollen Sie diese Zustände ändern?

JZ: Ganz sicher ist, Sie haben recht, dass der Zustand der Welt, wie er heute ist, außerordentlich besorgniserregend und schrecklich ist. Das Problem des Hungers, das tägliche Massaker von tausenden und abertausenden von Menschen, das ist der absolute Skandal unserer Zeit. Die UNO sagt, alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Hunger, sie sagt, dass die Weltwirtschaft von heute problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte, das ist fast das Doppelte der heutigen Menschheit. Ein Kind, das jetzt an Hunger stirbt, wird ermordet. Hunger in der Welt heute ist Massenmord.

AP: Herr Ziegler, wir befinden uns am Beginn eines neuen Jahres. Millionenfach werden in diesen Tagen Glückwünsche ausgetauscht. Man wünscht einander Glück, Wohlergehen und Erfolg. Was aber kann darüber hinaus jeder Einzelne von uns tun, um den weltweiten Hunger, die Korruption, den Krieg nicht nur zu bedauern, sondern auch tatkräftig zu bekämpfen?

JZ: Ganz sicher gibt es keine Ohnmacht in den Demokratien, wie Italien, Österreich, Frankreich, Deutschland und so weiter. Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Das ist sicher anders in Honduras und in Peking. Ich glaube, wenn der Heilige Vater in seinem unglaublich bewegenden Buch: „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“ sagt, dass jeder für jeden verantwortlich ist, hat er absolut recht. Und diese kannibalische Weltordnung, die der Papst so deutlich und eindrücklich beschreibt, wenn er sagt, die Menschen sind nicht mehr unterdrückt oder ausgebeutet, sondern die Menschen sind ausgeschlossen aus der Gesellschaft! Sie werden behandelt wie Abfall. Diese Aussage verpflichtet zum Aufstand des Gewissens!

AP: Ein Umdenken wäre also in erster Linie gefordert bei uns selbst und vor allem bei denen, die die Macht besitzen, bei den UNO-Vetomächten, bei den Politikern, den Börsenspekulanten, den Finanzgrößen und einer Handvoll von Superreichen. Sie besitzen eine Macht, wie sie kein Kaiser, kein König, kein Papst jemals hatte. Wird dieses Umdenken jemals Erfolg haben?

JZ: Ihre Frage ist absolut berechtigt: ein Prozent der Welt besitzt so viel Vermögen wie 99 Prozent der Weltbevölkerung. Das Vermögen der 85 reichsten Milliardäre entspricht dem Vermögen von 3,5 Milliarden armen Menschen. Diese Oligarchien des konzentrierten Finanzkapitals beherrschen die Welt heute. Die haben eine Diktatur errichtet, die stärker ist als alle Nationalstaaten, die jeder Kontrolle entschwindet, die nur nach einem Prinzip funktioniert: den Profit maximalisieren: Das ist eine kannibalische Weltordnung, die diese Oligarchien dem Planeten aufgezwungen haben. Und der Heilige Vater sagt das so deutlich und klug: das menschliche Wissen, das menschliche Bewusstsein ist ein Bewusstsein gegen die Identität. Ich bin der andere und der andere bin ich.

AP:  Es gibt weltweit viele Sozialethiker und Wissenschaftler - unter ihnen auch Agnostiker - die das jüngste Lehrschreiben von Papst Franziskus „Laudato Si“ mit Begeisterung aufgenommen haben. Rein thematisch liegen Ihre Anliegen, Herr Ziegler, und die des Oberhauptes der katholischen Kirche ja nicht so weit auseinander: Kampf gegen Hunger, Korruption, Waffenhandel, Einsatz für Frieden, Solidarität und die Menschenrechte und natürlich Hilfe für die Armen ? Ist das nicht auch Ihr Programm?

JZ: Ja erstens teile ich mit dem Heiligen Vater den Glauben an das Evangelium, an die Vorsehung, an die Wiederauferstehung und das Wirken des Heiligen Geistes. Denn das ist ja die Hoffnung. Wir arme Menschen kämpfen und bemühen uns, was dann tatsächlich gelingt, das liegt jenseits unserer Vernunft und jenseits unserer so schwachen Kräfte. Der Papst in seinen außerordentlich klar formulierten, nie zweideutigen Aussagen wie zum Beispiel das Buch: ,Eine Wirtschaft, die nicht trügt´, das ist ein Text von unglaublicher Weitsicht, wie eine Offenbarung. Und das ist eigentlich nichts anderes als die Aktualisierung des Matthäusevangeliums.

AP: Sie sind der Sonderbeauftragte der UNO für Nahrung und kennen die Situation aus erster Hand. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind - in einer Welt, die unter Überfluss leidet. Eine absurde Konstellation, ein Spott auf die menschliche Kultur und moralisch und juristisch gesehen ein Verbrechen. Sehen Sie irgendwo einen Ausweg aus diesem Inferno der Ärmsten? Auf die politische Klasse setzen Sie, Herr Ziegler, offensichtlich keine große Hoffnungen, ebenso wenig wie auch auf die Mächtigen der Welt – bleibt dann eigentlich nur mehr die Zivilgesellschaft? Viele Menschen glauben, dass die Welt seit ihrer Entstehung sich zwar physisch verändert hat, der Mensch im Grund genommen aber immer gleich geblieben ist. Es hat im Lauf der Zeiten immer Kriege, Hunger und Not und große Ungerechtigkeiten gegeben. Kann der Mensch oder will der Mensch nichts von der Geschichte lernen? Glauben Sie an die Veränderbarkeit der Welt?

JZ: Ja, ganz sicher! Ich glaube, die Geschichte hat einen Sinn. Unsere Präsenz auf diesem Planeten ist nicht ein Zufall, sondern jemand hat uns hier hingesetzt. Hat uns erschaffen. Hat uns einen Auftrag gegeben auf dieser Welt. Die Geschichte hat einen Sinn und sie führt auf die zunehmende Menschwerdung des Menschen hin. Einerseits hat die Wissenschaft unglaubliche Fortschritte gemacht, das ist auch gottgewollt, die Produktionskräfte der Menschheit haben sich unglaublich potentialisiert durch eine Abfolge industriell-technologischer-elektronischer Revolutionen. Wenn wir beim Hunger bleiben: Heute gibt es zum ersten Mal in der Geschichte keinen objektiven Mangel mehr. Was den Hunger heute ausmacht, ist der fehlende Zugang zur Nahrung. Und das ist ein objektiver, unglaublicher Fortschritt. Wo es aber keinen Fortschritt gegeben hat, ist in der sozialen Organisation der menschlichen Gesellschaft. Aber das kommt ganz langsam, es gibt die tatsächliche absolute Gerechtigkeit, die ist im Moment, wie das Martyrium des syrischen Volkes, regressiv, die ist fürchterlich. Aber es gibt eine andere, geheime Geschichte, nämlich die der Eschatologie, des Bewusstseins der Gerechtigkeit, jene Gerechtigkeit, die das menschliche Bewusstsein einfordert. Und diese Gerechtigkeit steigt. Eines Tages wird dieses erwachte Bewusstsein zur sozialen, revolutionären, umstürzenden Bewegung.

AP: In vielen Ländern gelten Sie als moralische Instanz und Vorzeigefigur, ich denke für Erwachsene und Jugendliche zugleich. Ein Hauptmerkmal Ihrer Persönlichkeit erkennt man aus Ihrem ausgeprägten Gerechtigkeits- und Freiheitssinn. Das sind bestimmt auch die Triebfedern für Ihre Stärke gegenüber so manchen korrupten Politik- und Wirtschaftssystemen in der Welt, die Sie mit Ihrer Autorität und Ihrem Wissen bekämpfen. Wann haben Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben erkannt, dass diese Eigenschaften Ihr ganzes Dasein bestimmen werden?

JZ: Für mich war das in grauer Urzeit in den 60er Jahren in Kongo. Das war mein erster Posten bei der UNO. Im vom Bürgerkrieg zerrissenem Kongo waren wir eingeschlossen in letzten noch funktionierenden Hotel in Caliga. Und jede Nacht haben die indischen Köche die Essensreste über den Stacheldraht hinaus geworfen. Und ich sah vom 2. Stock aus nach einem jedes Mal guten Nachtessen den Umzug der hungernden Menschen. Männer, Frauen und Kindern auf Beinen wie Streichhölzer, mit abgemagerten kleinen Hände und Armen. Ich sah sie auf diesen Stacheldraht zugehen, die Essensreste herunterreißen, die da noch dran hingen, ein Stück Fleisch und etwas Brot, und die Soldaten haben sie zurückgestoßen mit ihren Gewehrkolben. Und da habe ich mir vorgenommen: Was immer auch in meinem Leben geschieht, ich werde auf der Seite der Ärmsten stehen. Wenn ich da nicht kämpfen würde, könnte ich mich nicht mehr im Spiegel ansehen.

AP: Warum, Herr Ziegler, ist die Demokratie bei vielen Entscheidungen so hilflos? Sie, die Demokratie, hätte, möchte man meinen, alle Mittel in der Hand, um fast alle Probleme demokratisch lösen zu können? Warum gelingt ihr das nicht?

JZ: Ich glaube das Schlüsselwort ist Entfremdung. Das Kollektivbewusstsein wird beherrscht von den Herren der Welt. Ich habe gesagt, es gibt eine Weltdiktatur des Finanzkapitals. Letztes Jahr haben die 500 größten transkontinentalen Konzerne, alle Sektoren zusammengenommen, also Industrie, Dienstleistung, Banken usw. 52,8 Prozent des Weltsozialproduktes d.h. alle in einem Jahr auf der Welt produzierten Reichtümer waren von diesen Kapitalisten beherrscht. Die unterliegen keiner inneren, parlamentarischen Kontrolle. Sie beherrschen die Welt nicht nur physisch, das heißt ökonomisch und militärisch, sondern eben auch ideologisch, dank der absurden, obskurantistischen Doktrin des sogenannten Neoliberalismus. Diese Doktrin gehorcht nur noch Naturgesetzen, der Mensch ist nicht mehr Subjekt seiner Geschichte, Geschichte wird gemacht durch die objektiven Marktkräfte. Und deshalb ist das menschliche Bewusstsein betoniert, zugedeckt mit diesen obskurantistischen, ideologischen Aussagen, sich selbst fremd geworden. Mein kleiner Kampf ist dieses Bewusstsein der Identität aller Menschen, die Kinder Gottes sind und Ebenbild Gottes sein sollten, dieses Bewusstsein nicht nur wieder hergestellt wird, sondern mobilisiert wird und diese kannibalische Welt durchbrechen wird.

AP: Mit welcher großen Gestalt der Geschichte möchten Sie gerne verglichen werden?

JZ: Brecht hat gesagt: Unglücklich das Volk, das Helden braucht. Wer mich sehr beeindruckt - neben Papst Franziskus - ich habe bereits gesagt warum, sind Nelson Mandela, Che Guevara und Menschen, die ihr Leben riskieren, damit Gerechtigkeit auf die Welt kommt.

AP: Gibt es auch eine Frauengestalt, die sie besonders verehren?

JZ: Ja, natürlich: Teresa von Avila!

AP: Wenn man in zwei, drei Jahrhunderten in einem geschichtlichen Nachschlagewerk Ihren Namen sucht und findet, - was sollte da über Sie geschrieben stehen?

JZ: (lacht) Er hat versucht, der göttlichen Gnade, die er in so reichem Maße erhalten hat, würdig zu werden.

(rv 15.01.2017 ap)

15/01/2017 07:43