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„Trump-Wähler nicht als Verlierertypen abstempeln“

Donald Trump - REUTERS

11/11/2016 13:27

Der deutsche Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas hat sich dagegen ausgesprochen, bei der Analyse der jüngsten US-Wahl die Trump-Wähler über einen Kamm zu scheren und als „Wutbürger“ oder „Modernisierungsverlierer“ abzustempeln. Diese gerade in den Nachwahl-Kommentaren immer wieder zu lesende These sei empirisch viel zu einfach und zeuge von einer unlauteren „Herablassung“ und einer Ignoranz gegenüber den tatsächlichen Wahlmotiven, sagte Joas im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress.

Es sei durchaus nachvollziehbar, wenn etwa Arbeiter in Industrieregionen aufgrund akuter Jobverluste der Ansage einer stärker protektionistischen Wirtschaftspolitik folgen. Dass diese Sorgen nicht ernst genommen wurden, sondern ihnen in einer „herablassenden Haltung“ seitens der Eliten begegnet wurde, zeuge von einer weitreichenden Entfremdung von Politik und Bürgern, die letztendlich die Wahl Donald Trumps befördert habe.

Zugleich warnte Joas davor, den Faktor Religion bei der jüngsten Wahl überzubewerten. „Anders als bei vorherigen Wahlen waren es diesmal gerade nicht die kulturkämpferischen und stark religiös aufgeladenen Polarisierungsachsen wie etwa die Homosexuellen-Ehe oder die Abtreibungsfrage, die den Wahlkampf bestimmt haben“, so Joas, der an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin die Ernst-Troeltsch-Honorarprofessur innehat und seit mehr als fünfzehn Jahren an der Universität von Chicago lehrt. „Trump steht ja nicht dezidiert für eine Form eines konservativen Christentums ein - diese Flanke hat er mit seinem Vize Mike Pence abgedeckt.“ Sein Zugang zu religiösen Fragen sei insofern „offensichtlich eher taktischer Natur“ - die Motivation der republikanischen Wähler habe sich wesentlich stärker etwa an sozialen und wirtschaftlichen Fragen entzündet.

Gegen Pauschalisierung „christliche Wähler“

Kritik übte Joas außerdem daran, allzu pauschal von „den Evangelikalen“ bzw. „den christlichen Wählern“ zu sprechen und diese zugleich als durchwegs konservativ einzustufen. Dies treffe gerade auf den politisierten Katholizismus in den USA keineswegs zu, so Joas, der seit Jahrzehnten ein informierter Kenner der amerikanischen Gesellschaft ist. Man dürfe schließlich nicht vergessen, dass sich gerade die evangelikalen Bewegungen einem starken „demokratischen Motiv“ verdanken, insofern sie Anfang des 20. Jahrhunderts als gleichsam basisdemokratische Bewegungen gegen religiöse Bevormundung entstanden seien. Sie alle eine jedoch der „Widerwille gegen eine prononciert säkularistische Intellektualität“, so Joas.

Dass sich dieser Widerwille ausgerechnet in der Wahl des Milliardärs Trump Ausdruck verschaffe, zeuge somit auch von einer demokratischen Krise. Es gelinge gerade der Demokratischen Partei kaum mehr, dass sich ihre traditionellen Wählermilieus mit dem Spitzenpersonal identifizieren. Dieses entstamme auch immer weniger diesen Milieus. Diesbezüglich gebe es durchaus Parallelen zur europäischen Sozialdemokratie, so Joas.

Dennoch sei er kein Schwarzmaler, der in Trump einen „verrückten Diktator“ sehe. Trump habe sehr bewusst und strategisch mit den Ängsten in der Bevölkerung sowie der gezielten Überschreitung eingeübter Kommunikationsstile gespielt. Auch verfüge das amerikanische politische System weiterhin über ein funktionierendes System der „checks and balances“, und auch innerparteilich dürfte Trump mit seinen Vorhaben auf nicht geringe Widerstände stoßen, stellte der Soziologe fest.

(kap 11.11.2016 sk)

11/11/2016 13:27