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Papst Franziskus \ Begegnungen

D: „Der Populismus bereitet dem Papst Sorge“

Albig nach der Papstaudienz (r.) mit Hamburgs Erzbischof Heße - RV

10/10/2016 14:30

Kirche und Gesellschaft müssen sich gegen die wachsende Fremdenfeindlichkeit in Europa stemmen – das war der Tenor einer Audienz des Papstes für den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Torsten Albig, an diesem Montag im Vatikan. Zur Sprache kamen weiter Konfliktherde in der Welt, die Umweltenzyklika ,Laudato si' und die Lübecker Märtyrer.

Bei der gut fünfzehnminütigen Begegnung sei der Papst von sich aus auf ausländerfeindliche Tendenzen in Deutschland zu sprechen bekommen, berichtete der SPD-Politiker im Anschluss gegenüber Radio Vatikan: „Er hat ihn kommentiert, den Populismus, und dass er das wahrnimmt, die Xenophobie in Europa wahrnimmt, und dass ihm das Sorge macht und dass das die Herzen ergreift und das wir - Kirche und Gesellschaft - dem entgegen eine Geschichte erzählen müssen.“

Von der Begegnung mit Franziskus zeigte sich Albig tief bewegt. Die Einfachheit und authentische Sorge des Papstes hätten besonderen Eindruck bei ihm hinterlassen, Franziskus sei auch „ziemlich konkret“ gewesen: „Dass jemand sich interessiert dafür, wie die jungen Leute bei uns sich zur Ausländerfeindlichkeit verhalten, mit welcher Sorge er auf dieses Europa sieht, von dem er glaubt, dass es eine Aufgabe hat, in der Welt für Frieden zu sorgen, mit welcher Sorge er auf die vielen kriegerischen und militärischen Konflikte der Welt schaut und wie sehr ihn das bedrückt... Und man spürt, wie ihn das bedrückt, das ist wirklich greifbar, dass das auf ihm lastet. Er hat dann bei dem Punkt einige Sekunden tatsächlich die Augen geschlossen und geschwiegen, und man merkte, dass er richtig rang mit dieser Last. Es war schon ein besonderer Moment, den ich habe erleben dürfen und den ich so noch nicht in meinem Leben kannte; das war bedeutend heute.“

Die Angst vor Überfremdung gehe auch in Schleswig-Holstein um, greift der Politiker ein bestimmendes Thema der Audienz nochmals auf. Dabei hat Schleswig-Holstein nach 1945 - pro Kopf gerechnet - wie kein anderes Bundesland Flüchtlinge aufgenommen, vor allem aus dem Osten. Die aktuellen Flüchtlinge aus Nahost würden von vielen Menschen als Bedrohung wahrgenommen. Albig spricht von einem Mentalitätswandel: „Wir erleben – und das hat sowohl der Kardinalstaatssekretär soeben angesprochen als auch der Papst -, dass es eine gegenläufige Wahrnehmung zu unserer objektiven Fähigkeit bei den Menschen gibt. Die subjektiven Veränderungen sind spürbar, auch in Schleswig-Holstein, dass die Menschen ängstlicher werden, besorgter werden. Selbst wenn sie in ihrem Leben gar keinen objektiven Anlass für die Sorge sehen, nehmen sie trotzdem auch aus der öffentlichen Debatte Sorge auf.“

Dies bildet einen unguten Nährboden für Populisten, die gegen Flüchtlinge hetzen. Dieses „Angst-Säen“ verfange und verändere die Menschen, obwohl es mitnichten auf Tatsachen baue, formulierte der Politiker. „Das Besorgniserregende oder das Traurige daran ist: Dass wir in einer Zeit, in der wir einer solch humanitären Aufgabe in Deutschland eigentlich eindrucksvoll gerecht geworden sind und Anlass hätten, uns über diesen Erfolg zu freuen – dass wir gerade dabei sind, uns in dieser Angst zu verfangen. Und diese Angst führt uns auf eine schiefe Bahn, das merken wir auch in Schleswig-Holstein.“

Auf die Frage, ob sich Schleswig-Holsteins Politik in der Lage sehe, angemessen auf die Flüchtlingskrise zu reagieren, zeigte sich der Politiker optimistisch und er gab dem Papst Recht: „Ich habe gar keinen Zweifel, dass wir die Fähigkeiten, die Herzen, die Ressourcen haben, das zu bewältigen! (…) Wir haben es auf eindrucksvolle Weise in Schleswig-Holstein und in Deutschland im letzten Jahr geschafft, (den Menschen, Anm.) erst mal Raum zu geben, um anzukommen. Ob wir die Aufgabe schaffen, in der nächsten Dekade (und auch darüber hinaus) die Integration zu bewerkstelligen, das wird sich in der Dekade zeigen, ganz sicherlich nicht von Quartal zu Quartal.“

Albig war gemeinsam mit Hamburgs Erzbischof Stefan Heße nach Rom gekommen, der nach eigenem Bekunden die Heiligsprechung der
Lübecker Märtyrer vorantreiben will. Die Kapläne Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange sowie der evangelische Pastor Karl Friedrich
Stellbrink waren am 10. November 1943 in Hamburg hingerichtet worden, weil sie sich gemeinsam gegen die Ideologie der Nazis gewandt hatten.
Am 25. Juni 2011 waren die Kapläne in Lübeck seliggesprochen worden. Als Gastgeschenk überreichte der Ministerpräsident dem Papst eine Grafik mit einer originalgetreuen Nachbildung einer Notiz des Lübecker Märtyrers Eduard Müller, wie die Staatskanzlei mitteilte. Die Notiz hatte Müller am Tag des Todesurteils in seine Bibel geschrieben.

(rv 10.10.2016 pr)

 

 

10/10/2016 14:30