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Menschen in der Zeit: Arnold Geiger – eine Erfolgsgeschichte

Der Bandingilo Nationalpark im Südsudan. - AFP

06/03/2016 10:37

Den Menschen helfen, in Würde und Unabhängigkeit ihr eigenes Leben selbst zu bestimmen und nachhaltig zu gestalten, so lautet das Lebensmotto dieses Philantropen. Nach mehreren Hilfstransporten und -einsätzen in viele Länder, Sudan, Malawi, Äthiopien, Russland, Rumänien, Türkei und Iran, entschloss er sich mit seiner Frau und fünf Kindern nach Pogradec in Albanien zu ziehen, um dort bis heute langfristige und nachhaltige Entwicklunshilfe zu leisten.

 

RV: War die Entscheidung notleidenden Menschen zu helfen, eine plötzliche Eingebung oder hatten Sie schon länger diesen Gedanken in sich getragen?

Geiger: Der Gedanke konkrete Hilfe im Ausland zu leisten, ist Schritt für Schritt gewachsen durch viele Erfahrungen. In der Bundespolizei haben wir ja immer wieder Menschen bekommen, die aus verschiedenen Ländern kamen. So haben wir ein bisschen miterlebt, in welchen Situationen die leben und wir haben uns dann entschieden, in unseren, sozusagen Überstunden, diesen Menschen zu helfen, sind in verschiedene Länder gefahren und als wir dann in Rumänien zum ersten Mal die bettelnden Kinder in Lumpen am Straßenrand gesehen habe, die so im Alter meiner Kinder waren, hat uns das doch sehr bewegt und motiviert und so haben wir dann auch weitergemacht, als Kollegen, ehrenamtlich, Firmen anzusprechen, ob sie uns mit Fahrzeugen helfen, ob sie uns mit Lebensmittel helfen. Wir sind dann in den Iran, in die Kurdengebiete, nach Russland, wir sind in den Irak gefahren, also haben verschiedene Flüchtlinge dort versorgt und eines Tages kamen wir dann eben auch nach Albanien und Albanien war anders. Wenn man heute sich vorstellt, dass vielleicht Nordkorea auch gehen würde, man sieht Menschen die isoliert waren. Isoliert in der Information, im festen Glauben an ihre Ideologie, die waren erschüttert und die haben gemerkt, dass diese Ideologie eben nicht mehr funktionieren kann. Und so kamen wir damals nach Albanien und haben gesagt: „Hier muss jemand vor Ort sein, um diese Nothilfe wirklich an den Mann zu bringen und um Missbrauch auszuschließen“. Und so sind wir eigentlich Schritt für Schritt in diese Hilfsarbeit hineingekommen.

RV: Als plötzlich und unerwartet 1989/1990 die Sowjetunion und deren Satellitenländer zusammenbrachen, war auch das bitterarme Albanien ein offenes Land geworden. Man nannte es das Armenhaus Europas. Sie haben zunächst erste Hilfstransporte in das ex-kommunistische Land organisiert, doch Sie kamen bald zu dem Schluss, dass die Menschen mehr brauchten, als Lebensmittel und Kleidung. Sie entschlossen sich zusammen mit Ihrer Frau und Ihrer Familie Ihr sicheres Zuhause in Deutschland zu verlassen und in Albanien ganz konkrete Hilfe zu leisten. Übrigens war Albanien auch das erste Land, dass Papst Franziskus besuchte. Welche waren nun die Triebfedern, die Sie dazu veranlassten, den Menschen vor Ort zu helfen, ihr Leben in Eigenverantwortung, in Würde und mit Nachhaltigkeit selbst aufzubauen?

Geiger: Sie haben ja schon den Papst Franziskus ganz kurz erwähnt und ich denke, dass was er kürzlich in einer Hausmesse gesagt hat, dass Christentum eine Religion des Handels, nicht des Redens ist, das bringt das genau auf den Punkt. Religion war ja verboten in Albanien, damals in der Zeit des Kommunismus. Und die Enttäuschung über diesen Grundgedanken des Kommunismus, der ja fast einer Religion vergleichbar war, hat natürlich dazu geführt, dass man gegenüber jeder Ideologie sehr skeptisch war. Und so haben wir festgestellt, dass man in Albanien Nächstenliebe praktisch ausführen kann und dass Menschen auch daran interessiert sind, Sichtbaren zu sehen und Werte die funktionieren und die nicht nur eine Theorie bringen und das hat uns dazu bewegt zu sagen, wir handeln dort. Sie haben es ja kurz schon erwähnt: Wir haben Dorf für Dorf mit Lebensmitteln versorgt. Wir haben unsere Helfer in den Kirchengemeinden, unseren Kollegen, die haben 250.000 Hilfspakete gepackt, mit Hygieneartikeln, mit Grundnahrungsmitteln. Und gerade da haben wir zeigen können, dass es drum geht Menschen zu helfen, dass – wie Sie es auch erwähnt haben – in Würde und Unabhängigkeit ihr eigenes Leben selbst gestalten können. Das war für uns ganz ganz wichtig, dass durch Hilfe keine Abhängigkeiten entstehen, sondern dass sie für sich selbst sorgen können und deshalb haben wir da relativ bald kleine Handwerksbetriebe aufgebaut. Wir haben ihnen geholfen einen Mehrwert zu schaffen. Ich denk noch dran, mein Bruder kam dann nach Albanien, um die in den Schreinereien- Maschinen dann einzuweisen. Da war eine große Bereitschaft da, da war viel Erfahrung da, aber die Arbeit mit modernen Maschinen die war einfach noch nicht ausgeprägt. Und so haben wir feststellen können und konkret helfen können, dass eben keine Abhängigkeiten entstehen. Und durch die Familienpakete die wir dort gegeben haben, da haben wir auch bewusst in jedes Paket eine kleine Kinderbibel in Albanisch mit rein und die hat dann auch viele Gespräche geleitet, weil die Menschen auch gesehen haben, dass der christliche Glaube eben auch Werte vermittelt, die einfach greifbar sind und in sofern war das dann eine Erklärung und eine Antwort, was diese Werte konkret bewirken können.

RV: Doch ein bisschen später ging nicht mehr alles so wie Sie es sich vorgestellt haben. Die Entwicklung machte zwar gute Fortschritte, doch bald, 1997, brachen in Albanien landesweit finanzielle Strukturen zusammen und die Gesellschaft rutschte in die Anarchie, wenn man so sagen kann. Ähnliches erlebt die Welt zur Zeit ja durch die politische Lage mehrerer Länder im Nahen Osten. Vor allem in Syrien und im Libanon. Und die daraus folgende größte Flüchtlingswelle der modernen Zeit. Doch Herr Geiger, Sie blieben in Albanien und kehrten nicht nach Deutschland zurück. Vielmehr spielten Sie und Ihr Team in der um die Jahrtausendwende entstandenen Kosovo-Flüchtlingskrise eine ganz entscheidende Rolle. In was genau bestand diese Hilfe? In welcher Form hat sich Ihr Einsatz erfolgreich gezeigt?

Geiger: Innerhalb von zwei Wochen musste Albanien damals, rund 100.000 Menschen verkraften, bei einer Einwohnerzahl von knapp 3 Millionen ist das natürlich eine riesen Herausforderung. Man muss vielleicht dazu auch wissen, dass Kosovo und Albanien, sich zwar sehr nahestehen, sich sehr verbunden fühlen, die Sprache sehr gleich ist, sehr ähnlich ist, die Kultur sehr ähnlich ist. Und trotzdem gibt’s Unterschiede und diese Unterschiede wurden natürlich deutlich, vor allem weil die ersten Flüchtlinge dann auch sehr herausgefordert waren. Die Infrastrukturen 97 waren in Albanien ja zerstört und 99 mussten Flüchtlinge da sehr primitiv untergebracht werden und für uns hat sich das Problem so dargestellt, wir hatten 80 Betten bereitgestellt und ein paar 100 Flüchtlinge hatten wir aber in der ersten Nacht bekommen und dann mussten wir in zwei Wochen 3000 Flüchtlinge unterbringen. Die Hälfte davon in Gastfamilien und die andere Hälfte in sieben verschiedenen Kamps. So hat sich natürlich sehr schnell die Frage gestellt: „Geht’s hier um einen temporären Schutz oder wollen die Flüchtlinge sich integrieren und dort bleiben?“ Was ja eigentlich nahe gelegen wäre. Und deshalb hat sich diese Frage relativ schnell beantwortet. Wir haben festgestellt, die wollen trotzdem in ihre Heimat zurück. Und so konnten wir ihnen nicht nur temporären Schutz gewähren, sondern ihnen auch helfen, dass sie in ihrem Land dann wieder einen guten Start und eine gute Basis gefunden haben.

RV: Dann 2010 ging es wieder aufwärts und die Arbeit wuchs zusehends. Vom Bildungsangebot, vom Kindergarten bis zur Hochschule. Es war die Zeit der Gründung der heute international tätigen Hilfsorganisation Nehemiah Gateway. Deren Gründer und Geschäftsführer Sie sind und deren Geburtsort Albanien ist. Den Menschen helfen in Würde und Unabhängigkeit ihr eigenes Land selbst zu bestimmen und nachhaltig zu gestalten, ist Ihr Motto. Welche Bausteine liegen diesem Caritasgedanken zugrunde?

Geiger: Genau auf diesem Motto – den Menschen helfen in Würde und Unabhängigkeit ihr eigenes Leben selbst zu bestimmen – daraus leiten wir vier Säulen ab. Einmal aus der Nothilfe, hat sich eine soziale und medizinische Hilfe entwickelt. Also vom Hauspflegedienst über konkrete medizinische Fälle, die wir dann teilweise auch im Ausland, also in Deutschland und so weiter behandeln. Wir haben die Bildungssäulen aufgebaut. Einmal von der 1. bis 3. Klasse mit der wir damals in der Nehemiah Schule begonnen haben, sind wir heute bis zu einer Hochschule gewachsen, die im Dualenstudium unterrichtet und allen, sowohl in Deutschland als auch in Amerika, anerkannt ist. Aus der Suppenküche hat sich ein Stuhlzweig für benachteiligte Kinder am Marotanschule – Schule, also es heißt eine Hilfe für Roma-Kinder entwickelt. Und diese Roma-Kinder sind in 15 Jahren…und seit Jahren haben wir da Kinder die teilweise schon ihren eigenen Arbeitsplatz gefunden haben, teilweise sogar sind sie im Studium. Und dann haben wir noch weiterhin unser Projekt Empowerment. Also wir helfen mit Start-Ups der Wirtschaftentwicklungen. Und als viertes gerade dann auch die Implementierung von Grundwerten. Also wir brauchen natürlich Mitgefühl, um Nothilfe zu leisten. Wir brauchen Respekt oder wollen Respekt vermitteln, um nachhaltige Hilfe zu leisten. Vergebung brauchen wir, um Vertrauen wieder herzustellen. Und insofern komm ich wieder auf Papst Franziskus, der sagt „Christentum ist einfach eine Religion des Handelns“ und Werte werden dann dadurch sichtbar.

RV: Herr Geiger Sie haben wieder von Papst Franziskus gesprochen und Sie haben vorher erwähnt, Sie hätten an einer Morgenmesse von Papst Franziskus teilgenommen. Darf ich Sie fragen, welche Eindrücke haben Sie über dieses Erlebnis mitgenommen?

Geiger: Ja gerade natürlich, dass dieses Thema so konkret und lebendig für uns geworden ist, deshalb ist mir das auch so gut in Erinnerung geblieben. Weil genau das ist, war wir erleben. Wir wurden oft gefragt, „Ist das eine neue Religion?“. Wir haben gesagt, „nein, das ist keine Religion, es ist einfach ein Leben das funktioniert.“ Und das wurde eben gerade durch die Handlungen bewusst, durch das was wir konkret geleistet haben. Und dadurch war man auch sehr aufgeschlossen, dann wieder verschiedenen Kirchen wieder das Tor zu öffnen. Wir sind keine Religionsgemeinschaft oder Kirche, aber das hat doch viele Menschen bewegt, sich dann damit auseinander zusetzten.       

RV: Vielen Dank.

(rv 06.03.2016 ap)

 

06/03/2016 10:37