Artikel lesen Zum Menü

Social Networks:

RSS:

Radio Vatikan

Die Stimme des Papstes und der Weltkirche

Andere Sprachen:

Papst Franziskus \ Begegnungen

Papst: Theologie muss die Sprache der Menschen sprechen

Papst Franziskus - OSS_ROM

05/09/2015 09:50

Nur der Blick von der Peripherie her erlaubt wirkliche Theologie; das Subjekt der Theologie sind das Volk Gottes und der Heilige Geist; es gibt keinen Gegensatz zwischen „Lehre“ und „Pastoral“ – drei der zentralen Gedanken Papst Franziskus in einer Videobotschaft an die Teilnehmer an einem theologischen Kongress in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires in dieser Woche. In seiner über dreißig Minuten dauernden Ansprache identifizierte der Papst grundlegende Linien des Nachdenkens über Gott.

Als ein erstes Prinzip von Theologie erscheint in der Papstbotschaft das Zusammenwirken von der Wirklichkeit vor Ort und der Gemeinschaft in der einen Kirche. „Es gibt keine Ortskirche, die für sich dasteht, die für sich selber entscheiden kann, als wäre sie die Herrin und alleinige Interpretin der Wirklichkeit und des Handelns des Heiligen Geistes“, so der Papst. Aber gleichzeitig gelte auch: „Es gibt keine Gemeinschaft, die ein Monopol der Interpretation hat oder der Inkulturation. Im Gegenteil gibt es aber auch keine Universalkirche welche die Wirklichkeit vor Ort ignoriert oder sich unwissend stellt.“ Katholizität entstehe in der spannungsreichen Pluralität zwischen dem Einen und dem Vielen, zwischen dem Einfachen und dem Komplexen, zwischen dem Besonderen und dem Universalen. „Diese Spannungen auszulöschen geht gegen das Leben des Geistes.“

 

Tradition und Wirklichkeit

Daraus folgt bei Papst Franziskus ein zweites Prinzip, die Beziehung zwischen der empfangenen Tradition des Glaubens und der konkreten Realität des Lebens. Das eine könne es ohne das andere nicht geben, die Beziehung zu stören bedeute, „aus unserem Blick und unserer Theologie eine Ideologie“ zu machen.

Die Kirche sei heute nicht mehr dieselbe als vor 100 Jahren, als die Universität von Buenos Aires ihre theologische Fakultät – deren Geburtstag in der Konferenz gefeiert wurde – bekam. Das Gleiche gelte für alle Kirchen, für Indien wie für Kanada oder auch für Rom, so der Papst. Ein drittes Prinzip entwickelnd betonte er: „Deswegen ist es eine der wichtigsten Aufgaben des Theologen zu unterscheiden und zu reflektieren, ‚was bedeutet es heute, Christ zu sein?’, im ‚Jetzt und Hier?’“ Der Papst zitierte einen seiner Lieblingstheologen, den französischen Jesuitenpater Michel de Certeau: „Eine Theologie antwortet auf die Fragestellungen einer Zeit und niemals antwortet sie anders als in genau den Worten, welche die Worte sind, die die Menschen sprechen und in welchen sie leben.“

Papst Franziskus griff in seiner Ansprache außerdem die Versuchungen auf, deren sich die Theologie ausgesetzt sehe, ein beliebtes Mittel bei ihm die Schwächen aufzuzeigen, deren man sich ganz konkret, im eigenen Leben und Tun wie als Gruppe, stellen kann. Als erstes sei da die Versuchung zu glauben, dass früher alles besser gewesen sei, „in einen Konservatismus oder Fundamentalismus fliehend; im Gegensatz dazu ist es eine Versuchung, alles für heilig zu erklären, alles für unwichtig zu halten, was nicht nach Neuigkeit riecht, die empfangene Weisheit und das reiche kirchliche Erbe zu relativieren.“ Um diese Versuchung zu überwinden brauche es das bereits angesprochene Prinzip des Zusammenspiels von Tradition und Wirklichkeit, es brauche einen Dialog. Gerade hier sei das Studium der Theologie zu Hause.

 

Weder Fundamentalismus noch Relativismus

Ausgehend von diesem Dialog wies der Papst auf ein Phänomen hin, dass sich gerade in jüngerer Zeit und in aktuellen Debatten der Kirche oft zeigt, ohne auf eine bestimmte Frage einzugehen. „Nicht selten wird ein Gegensatz konstruiert zwischen der Theologie und der Pastoral, als ob es zwei gegensätzliche Wirklichkeiten wären, getrennt voneinander, die nichts miteinander zu tun hätten. Nicht selten wird die Lehre mit ‚konservativ’ identifiziert, rückwärts gewand. Im Gegensatz denken wir oft an die Pastoral als Anpassung, Reduzierung, Adaption.“ Der hier gemachte Gegensatz zwischen „Pastoralen“ und „Akademikern“, zwischen denen an der Seite des Volkes und denen an der Seite der Lehre, sei falsch. „Diese Trennung von Theologie und Pastoral, Glaube und Leben, zu überwinden, war einer der wichtigsten Beiträge des Zweiten Vatikanischen Konzils. Ich fühle mich ermutigt zu sagen, dass es in gewisser Weise die Theologie und die Weise, als Christ zu denken, revolutioniert.“ Das fortzusetzen sei die Aufgabe heute. Das nicht zu tun sei im Gegenteil ein Verrat der Botschaft Jesu, sie höre auf, eine frohe Botschaft zu sein und werde zu sterilen Worten. Die Lehre sei kein geschlossenes System, unfähig Fragen, Zweifel und Anfragen hervorzubringen.

 

Begegnung ist konstitutiv

„Diese Begegnung zwischen Lehre und Pastoral ist nicht optional, sie ist konstitutiv für eine Theologie, die kirchlich ist“, fasste Papst Franziskus seine Überlegungen zusammen. „Die Fragen des Volkes, seine Ängste, seine Steitigkeiten, seine Träume, seine Kämpfe, seine Sorgen haben einen hermeneutischen Wert, den wir nicht ignorieren können, wenn wir das Prinzip der Menschwerdung ernst nehmen.“ Gott sei in Jesus Mensch geworden inmitten von Konflikten, Ungerechtigkeiten, Gewalt, aber auch von Hoffnungen und Träumen. Und um diesen Gedanken noch etwas zu präzisieren sprach der Papst ein weiteres seiner zentralen Themen an.

„Die Menschen in ihren Konflikten, an den Peripherien, sind nicht optional, sondern Bedingung für ein besseres Verstehen des Glaubens. Deswegen ist es wichtig sich zu fragen, ‚an  wen denken wir, wenn wir Theologie betreiben?’, ‚wen haben wir vor uns?’. Ohne diese Begegnung mit dem Volk Gottes gerät die Theologie in das Risiko, zur Ideologie zu werden. Vergessen wir niemals, dass der Heilige Geist und das glaubende Volk das Subjekt der Theologie sind. Eine Theologie, die nicht daraus geboren wird, wäre vielleicht schön, aber sie wäre nicht echt.“

 

(rv 05.09.2015 ord)

05/09/2015 09:50