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Buchtipp: Bischof Reinhold Stecher, von Martin Kolozs

Eine Biografie des Innsbrucker Diözesanbischofs Reinhold Stecher - RV

08/08/2015 08:49

Reinhold Stecher ist bis heute einer der beliebtesten Bischöfe Österreichs. Er leitete die Diözese Innsbruck von 1981 bis 1996, fand immer offene Worte, wenn es darum ging, Fehlentwicklungen in seiner geliebten katholischen Kirche aufzuzeigen; und er war ein passionierter Bergsteiger, Schreiber und Zeichner. Martin Kolozs, Tiroler wie Bischof Stecher selbst, hat eine Biografie des 2013 verstorbenen Kirchenmannes vorgelegt.  Gudrun Sailer sprach mit dem Autor.

 

„Als Tiroler kommt man um Bischof Stecher nicht herum, weil er gerade auch für meine Generation allgegenwärtig war. Das war Anfang der 1980er Jahre bis Ende der 1990er Jahre. Er galt immer als Volksbischof, ein volksnaher Bischof, und wenn eine solche Persönlichkeit verstirbt, entsteht eine Lücke, die man gerne füllen möchte – auch um das Phänomen zu erklären, wie kann jemand über Jahrzehnte hinweg so prägend für die österreichische Kirche sein. Dass jemand so wirksam ist, hat damit zu tun, dass er gute Dinge bewirkt hat.“

RV: Geboren wurde Reinhold Stecher 1921 in Mühlau, das ist heute ein Stadtteil der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck, damals war es ein Dorf.  Der Vater war Germanist, Reinhold hatte zwei Brüder.  Was war das für eine Familie?

„Es war ein sehr lebendiges Haus, ein offenes Haus trotz eines starken Fundaments im Glauben, und auf der anderen Seite – so wie er über seine Eltern, seine Brüder spricht – ein sehr liebevolles Haus: das Paradies meiner Kindheit, so sagt er es explizit, dass da die Wurzeln liegen von allem, was ihn als Persönlichkeit ausgezeichnet hat.“

RV: Ins Priesterseminar eingetreten ist Reinhold Stecher ausgerechnet 1939. Was ist dann passiert?

„Das war die Reaktion darauf, was er gerade im Reichswehrdienst erfahren musste. Er hat da erlebt, wie man der Kirche begegnet ist, mit Ablehnung, mit Aggression. Dann hat er sich innerlich bekannt und wurde Theologiestudent und hat sich auch immer betätigt nicht im Widerstand, das wäre zu viel, aber er hat sich kirchenpolitisch engagiert und kam auch in den Fokus der Gestapo. Eine Zeit lang wurde er inhaftiert und stand schon auf dieser Deportationsliste, von der der aus nicht ganz geklärten Gründen wieder herunterkam. Sehr wahrscheinlich ist, dass [der damalige Innsbrucker] Bischof Rusch sich dafür eingesetzt hat, weil Bischof Rusch schon damals versucht hat, gegen die Nazis in Innsbruck zu opponieren und Leute, die in Gefangenschaft kamen, aus der Schusslinie zu nehmen. Aber Stecher kam dann gleich an die Front. Er wirkte da als Funker und hat seine Kriegserlebnisse gehabt, die ihn auch prägten für vieles danach, was den Antisemitismus betrifft.“

RV: Die Priesterweihe erfolgte nach dem Krieg. 1980 hat Papst Johannes Paul II. Reinhold Stecher zum Nachfolger von Bischof Rusch ernannt. Wie kam das?

„Es ist kein Geheimnis, dass Rusch Stecher präferiert hat als seinen Nachfolger. Er hat in ihm eine verwandte Seele gesehen und ihm zugleich zugetraut, vieles, was vielleicht Bischof Rusch in seinem langen Episkopat nicht geschafft hat, mit Kenntnis und Traditionsbewusstsein weiterzuführen, dennoch aber offen für Neues zu sein.“

RV: Offen für Neues, aber auf dem Fundament der Tradition – das lässt uns an das II. Vatikanische Konzil denken. Wie hat Bischof Reinhold Stecher versucht, das in der diözesanen Arbeit umzusetzen?

„Bischof Stecher hat das Vatikanum nicht miterlebt, er war da ein junger Theologe. Aber er hat immer gesagt, als Bischof Rusch zurückkam, der ein introvertierter und intellektueller Charakter war, dass dieser eine unglaubliche Begeisterung, ein unglaubliches Feuer mitgebracht hat und versucht hat, das in der Diözese weiterzugeben. Da gab es eine Aufbruchsstimmung auch bei jemandem, der sonst eher für sich war, und das hat wiederum bei Stecher ausgelöst, dass er dieses Konzil nicht bloß als Aufgabe sah, sondern als Verpflichtung. Am Ende seines Bischofseins hat er gesagt, er lässt sich von niemandem die offenen Fenster des II. Vatikanischen Konzils wieder zuschlagen.“

RV: Stichwort reformierte Christen und Judentum: Was war der grundsätzlich neue Zugang, den Bischof Stecher da im Nachgang des Konzils wählte?

„Bischof Stecher wollte nie das Thema Religion als Hindernisgrund nehmen. Er sagte, es gibt Berührungspunkte und auch Dinge, die uns trennen, aber das sind  Sachen, wo man sich an einen Tisch setzen und reden kann. Er wurde dann auch eingeladen nach Israel – er hat kaum Auslandsreisen gemacht und dann aufgrund dieser sehr guten und neuen Beziehung nach Israel eingeladen und hat dort seine einzige größere Auslandsreise gemacht.“

RV: Das große Beispiel für die von Stecher eingenommene neue Haltung zu den Juden ist der Kult um das Anderl von Rinn. Bischof Stecher hat diesen Kult verboten. Es geht um eine Wallfahrt in Tirol zu den vermeintlichen sterblichen Überresten eines christlichen Buben, der von Juden einem Ritualmord zugeführt worden sein soll. Der Innsbrucker Bischof hat dem 1988 einen Riegel vorgeschoben – und sich damit nicht nur Freunde gemacht.

„Im Gegenteil. Das war ein über Jahrhunderte sich entwickelnder Kult, der entsprechend tief sich eingegraben hat ins Bewusstsein. Dass der antisemitische Wurzeln hatte, war eigentlich immer schon bekannt. Das war bis zu einem gewissen Zeitpunkt den Menschen relativ egal, man hat es als Volksbrauch gesehen, es gab ein Theaterstück dazu, das die Geschichte nacherzählt hat, und da wurden klar archetypisch Juden dargestellt als die Kaufleute, die nur das Geld im Sinn haben und diesen okkulten Mord an dem Kind begehen. Es ist gerade Bischof Stecher, der die Gräuel des Weltkriegs erlebt hat und selber immer mit jüdischen Bürgern zusammenkam, er schreibt auch in seinen Büchern immer, wie stark die Judenverfolgung gerade in Innsbruck war, wie er die miterlebt hat und wie ihn das schockiert hat, und wie er dann später in den Kriegsgeschehnissen immer mit Gefangenen zu tun hatte, und dann eben auch das Konzil, wo klargestellt wurde, wie der christliche Glaube sich zum Judentum positioniert – dieses Dekret [Nostra Aetate], diese Handhabe, die er hatte, konnte er verwenden um zu sagen, das ist mir nicht nur persönlich zuwider, sondern es ist auch etwas, das in der Kirche schon Gesetz ist. Wir haben die Verpflichtung, das Antisemitische auszuradieren. Deswegen hat er das dann verboten. Aber da hat er sich nicht nur lieb Kind damit gemacht, wenngleich von der Mehrheit auch bestätigt worden ist, dass es klar der richtige Weg war. Aber die Altvorderen gibt’s immer, und bis heute gibt es im Kleinen diesen Kult weiterhin.“

RV: Der heutige Bischof von Innsbruck Manfred Scheuer hat eben erst wieder dieses Verbot des Kultes bestätigen müssen. Wie viele Leute nehmen heutzutage an dieser „Wallfahrt“ im Juli teil?

„Vielleicht 150, 200 Leute, ich weiß es nicht genau. Die kommen aus aller Herren Länder.“

RV: Welchen Ort hatte Bischof Stecher in der österreichischen Bischofskonferenz?

„Er war immer jemand, er offen Stellung bezogen und sich nicht gescheut hat, sich mit anderen anzulegen. Gerade mit den als konservativ geltenden Kräften wie [dem St. Pöltner] Bischof Krenn hat er immer seine Auseinandersetzungen gehabt, etwa zu Anderl von Rinn, da gab es öffentliche Dispute . Und so wurde er immer wahrgenommen als jemand, der eine klare Position bezieht.“

RV: Haben Sie herausfinden können, in welchem Ansehen Bischof Stecher in Rom stand?

„Es wird berichtet, dass er Privataudienzen bei Papst Johannes Paul II. hatte und befragt wurde zum Thema Bischofsernennungen. Er schriebt auch 1997 einen Brief, kurz bevor er ausgeschieden ist aus dem Bischofsamt, bezüglich der Art der Bischofsernennung, die ihm nicht gefallen hat. Es war ein Brief an Johannes Paul, in dem Stecher diesen Zentralismus kritisiert. Der Brief wurde öffentlich, obwohl Stecher gesagt hat er sei nur für bestimmte Leute gedacht. Der Bischof, der sich gegen den Papst stellt, so wurde das in den Medien. betitelt; er war immer als der liberale Bischof bekannt, obwohl er sich dagegen verwehrt und gesagt hat, ich bin kein liberaler Mensch, aber als solcher war er bei den Leuten bekannt. Bei ihm war das große Thema, wie steht die Kirche als bürokratischer Apparat ihren Schäfchen gegenüber. Wo sind die Laien? Wo sind die Frauen? All die Leute, die den Dienst in der Kirche versehen, aber nicht repräsentiert sind in der Hierarchie, das war sein großes Thema.“

RV: Themen, die in der Kirche bis heute in der Schwebe sind. Sie sagten, Bischof Stecher hat sich nicht gescheut, sich unbeliebt zu machen. Er war aber nicht unbeliebt. Warum?

„Stecher hat auch eine gewisse Art gehabt, Kritik vorzubringen, ohne dass man ihm böse sein konnte. Er war schelmisch. Er war anschaulich, und er hat immer versucht, trotzdem er Kritik geübt hat, diese so vorzubringen, dass er niemanden beleidigt. Er war ja Rahner-Schüler. Und er hat Karl Rahner sein Leben lang verehrt. Was die beiden miteinander verbindet, ist, dass sie beide Kritik an der Kirche geübt haben, aber die war immer mit der Liebe zur Kirche verbunden. Man hat gesagt, Kritik zu üben bedeutet nicht, etwas einreißen zu wollen, sondern immer mitbauen zu wollen.“

RV: Stecher war ein künstlerisch begabter Mann. Was hat ihm das bedeutet, zu malen und zu schreiben?

„Das Schreiben war ihm noch mehr in die Wiege gelegt, hat er mehr als sein Talent gesehen, weil er die Liebe zur Literatur über den Vater früh kennen gelernt hat. Er hatte für das darstellende Erzählen immer eine Vorliebe. Seine Bücher und Predigten: er ist ein Fabulierer gewesen, er hat gewusst, wie kann er Geschichten einfach und für jeden verständlich erzählen und gleichzeitig den Haken werfen. Was das Zeichnen betrifft: Bischof Stecher hat immer gesagt, er sei ein Dilettant im Malen, und seine Bekanntheit hat es ihm erlaubt, karitative Projekte damit zu unterstützen: Brunnenbauten, Schulbauten, vieles im Ausland, in armen Gegenden. Ihm war wichtig, dass es umverteilt wird.“

RV: Das Karikaturenzeichnen – war das für Bischof Stecher eine Art Ventil?

„Vielleicht in den Sitzungen der Bischofskonferenz – denn da hat er auch gemalt. Aber allgemein war es eine Möglichkeit der Meinungsäußerung, der schnellen Meinungsäußerung.“

RV: 2013 ist Bischof Stecher verstorben. Was bleibt von ihm?

„Dass er Themen angestoßen hat, die, wie Sie sagten, noch immer keine Lösung haben. Außerdem sein Schreiben und seine Bücher – ich habe von vielen Leuten gehört, dass sie die gern lesen, weil dadurch vieles erklärt und versöhnt wird. Da hat das Wort ein bleibendes Denkmal gesetzt. Das sind keine theologisch hochstehenden Traktate und Abhandlungen, sondern ganz lebensnahe und mit einfachen Beispielen versehen Texte, die jeder lesen kann. Und die Vorbildhaftigkeit im Umgang mit anderen: diese ganz banalen Tugenden des Alltags, die er so vermittelt und ihnen ein Denkmal gesetzt hat, dass sie bleiben - und somit auch ein Teil von ihm.“

RV: Den Papst Franziskus hätte er gut gefunden!

„Ich glaube schon! Und auch umgekehrt wäre die Sympathie groß gewesen.“

 

Martin Kolozs: Bischof Reinhold Stecher. Leben und Werk. Styria 2015. Rund 25 Euro.

 

(rv 08.08.2015 gs)

08/08/2015 08:49