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Franziskus kommt nicht bis Shkoder


RealAudioMP3 Der Papst reist am Sonntag für elf Stunden nach Albanien: Es ist seine erste Europareise, wenn man Italien einmal ausnimmt. Der Papst aus der Neuen Welt hat den sogenannten Alten Kontinent warten lassen, und – typisch für ihn – er fängt an der „Peripherie“ an. Albanien gehört nicht zur EU, es ist eine der ärmsten Ecken Europas, und abgesehen vom Kosovo ist Albanien Europas einziges Land mit einer muslimischen Mehrheit der Bevölkerung.

Bis Shkoder kommt Papst Franziskus nicht – dabei wird seine Reise vor allem von dieser Stadt aus aufmerksam verfolgt. Es ist die größte im Norden von Albanien, nur ein paar km von der Grenze zu Montenegro entfernt. Hier und im dazugehörigen Bergland leben viele Katholiken, und hier litten die Menschen besonders, als Albanien – zu kommunistischer Zeit – offiziell ein atheistischer Staat war, der keine Religionen zuließ. Aus Shkoder kommt ein Großteil der katholischen Märtyrer dieser etwa fünfzig Jahre: Hunderte von Priestern, Ordensleuten und Laien. Verfolgt, gefoltert, umgebracht. Johannes Paul II. ehrte sie bei seinem Besuch im Jahr 1993. Von Franziskus erwarten die Menschen in Shkoder jetzt vor allem eine Ankündigung, wann er vierzig albanische Märtyrer seligsprechen wird.

Die Spuren der Religionsverfolgung sind noch überall zu sehen in Shkoder. Etwa in dem Kloster mitten im Zentrum, wo heute Klarissen leben. „Die Zimmer waren damals Sitz der Geheimpolizei, Büros der Geheimpolizei“, berichtet Schwester Sonia. „Und die Räume neben dem Kloster waren Gefängniszellen, dort wurden auch Verhöre durchgeführt und Menschen gefoltert. Heute ist das alles renoviert, und man hat da eine Gedenkstätte eingerichtet. Hier bei uns sprechen die Steine, das Blut unserer Brüder ist in diesen Fluren vergossen worden. Heute kann man das alles besichtigen: etwa zwanzig kleine Zellen, in denen es vollkommen dunkel ist, der Hof, wo gefoltert wurde, und an den Mauern Inschriften, die an die Verfolgung aller Religionen erinnern. Da sind Kirchen genauso abgebildet wie Moscheen.“

Die Verfolgung, die das Regime von Enver Hodscha in einem der damals isoliertesten Staaten lostrat, traf unterschiedslos alle: die muslimische Mehrheit, die nach heutigen Schätzungen bei fast sechzig Prozent der Bevölkerung liegt, wie die Orthodoxen oder Katholiken. 1968 hatten die Kommunisten auch in die Verfassung geschrieben, dass Albanien ein „atheistischer Staat“ sei; erst Ende 1990 wurden Religionen wieder zugelassen.

„Wir haben gelitten wie Jesus Christus“

„In fünfzig Jahren der Verfolgung hat es so etwas wie eine Ökumene des Leidens gegeben, würde ich sagen... Denn in den Gefängniszellen trafen ja unsere muslimischen Brüder auf unsere katholischen Priester, und sie haben gemeinsam Unglaubliches erlitten. Wir erleben es auch heute noch öfters, dass Muslime aus der älteren Generation, die diese Verfolgung miterlebt haben, zu uns kommen und sagen: ‚Wir haben gelitten wie Jesus Christus.’“

Ein paar hundert Meter weiter: ein Kloster der Stigmata-Schwestern, das nach dem Sturz der Kommunisten 1991 dem Orden zurückgegeben wurde. Hier leben fünf Schwestern, alle älter als 85. Schwester Pina erinnert sich, wie das war, als sie wieder in ihren früheren Konvent zurückkehren durfte: „Ich habe vor Freude geweint; es war für mich eine Wiedergeburt. Das war wirklich eine Wiedergeburt! Geistlich, aber auch materiell. Die hatten das Kloster vollkommen zerstört. Niedergebrannt. Hier war nichts mehr drin zu finden. Wir haben soviel Schreckliches erlebt – ich kann es bis heute kaum glauben, dass ich wieder hier bin! Stellen Sie sich vor, welcher Terror hier gewütet hat: Alle Priester, die wir kannten, auch die ganz jungen, haben sie umgebracht. So war der Kommunismus.“

Die genaue Zahl der katholischen Opfer des Regimes ist bis heute nicht ermittelt – fest steht nur: Es waren Hunderte. Nur vierzig davon, eine Auswahl, ist derzeit auf dem Weg zur Seligsprechung (unter ihnen sind übrigens zwei Deutschstämmige). Pater Mario Imperatori leitet die Abteilung für Philosophie und Theologie am Priesterseminar von Shkoder. Er sagt: „Schade, dass es nicht noch mehr Frauen unter den vierzig albanischen Märtyrern gibt! Denn die waren ja sehr zahlreich. Etwa die Frauen, die alles Mögliche getan haben, um den Inhaftierten Nahrung zukommen zu lassen. Auch diese haben gelitten...“

Unter den vierzig albanischen Märtyrern ist nur eine Frau: Maria Tuci, gestorben mit 22 Jahren, nach vier Jahren im Gefängnis. Sie war eine Postulantin bei den Stigmata-Schwestern.

(rv 20.09.2014 sk)