Social Networks:

RSS:

App:

Radio Vatikan

Die Stimme des Papstes und der Weltkirche

Andere Sprachen:
Radio Vatikan

Home / Kultur und Gesellschaft

Unser Buchtipp: Jorge Luis Borges


RealAudioMP3 Jorge Luis Borges: Werke. Übersetzt von Gisbert Haefs und Fritz Arnold. Eine Besprechung von Stefan v. Kempis

„Mein Gott, mein Träumer, träum mich weiterhin“
Er gehört zu der Riege der großen Autoren des 20. Jahrhunderts, die den Nobelpreis für Literatur nicht bekommen haben: der Argentinier Jorge Luis Borges. Vor allem seine phantastischen Geschichten haben ihn bekannt gemacht, etwa „Die Bibliothek von Babel“ oder „Das Aleph“. In äußerster Verknappung und Verrätselung rührte der Leiter der Nationalbibliothek in Buenos Aires, der die Buchrücken wegen seiner Erblindung nur noch ertasten konnte, in seinen Geschichten an die großen Menschheitsfragen. „Seine Erzählungen und seine Gedichte sind Erfindungen des Dichters und des Metaphysikers“, formuliert Octavio Paz in einem Aufsatz, „daher befriedigen sie zwei entscheidende Fähigkeiten des Menschen: den Verstand und seine Phantasie.“ Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, Borges` Interesse an Religion und Metaphysik lediglich damit zu erklären, beide gehörten eben aus seiner Sicht zur phantastischen Literatur; vielmehr erweist sich der argentinische Homer, auch wenn er sich in „bester“ Tradition seiner Familie als Freidenker gerierte und der Metaphysiker in ihm immer mit dem Skeptiker im Widerstreit lag, bei näherem Hinsehen doch als eminent spiritueller Autor. Für das Ineinander von Glaube und Zweifel, von Suche und Skepsis hat er eine Sprache gefunden, die durch ihre Eigenwilligkeit besticht, aber auch durch ihren tiefen Ernst.

Das macht die Werkausgabe deutlich, die der Fischer Verlag vorgelegt hat: Es lohnt sich, diese zwanzig Bände (lies: Taschenbücher) mit ihren sorgfältigen, vor allem aber auch leicht lesbaren Übersetzungen einmal konsequent auf religiöse Themen zu durchkämmen. Schon in den ersten Gedichten des jungen Borges entdecken wir sein „Staunen vor dem Wunder, / dass trotz unendlicher Zufälle, / dass obwohl wir die Tropfen / von Heraklits Fluss sind, / etwas in uns überdauert: / unbeweglich.“ Und damit ist gleich zu Beginn eines seiner großen Themen aufgeworfen: die Unsterblichkeit. „Blindlings verlangt die willkürliche Seele nach Dauer“, sinniert er in einem weiteren frühen Poem, „…obgleich du selbst der Spiegel und die Antwort / jener bist, die deine Zeit nicht erreichten, / und andere werden sein (und sind) deine Unsterblichkeit / auf Erden.“ Seine „erste Ahnung vom Problem der Unendlichkeit“ führt der Autor auf eine Keksdose zurück, die seiner Kindheit „Mysterium und Taumel“ gegeben habe: „Auf der Seite dieses ungewöhnlichen Gegenstand war eine japanische Szene zu sehen; ich erinnere mich nicht mehr an die Kinder oder Krieger, die sie bevölkerten, wohl aber daran, dass in einer Ecke dieses Bilds die gleiche Keksdose auftauchte mit dem gleichen Bild, und darauf das gleiche Bild, und so (zumindest potentiell) unendlich weiter…“ Diese Worte zeigen gut die Methode Borges auf: ausgehen vom Einfachen, Augenfälligen, und von dort aus umbiegen ins Phantastische, das nur ein paar Schritte entfernt ist.

Mit einer genialen denkerischen Volte tut Borges nun so, als wäre nicht die Unsterblichkeit das Besondere, sondern vielmehr die Sterblichkeit. Unsterblich zu sein sei doch bei Licht besehen „bedeutungslos“: „Vom Menschen abgesehen sind es alle Geschöpfe, da sie den Tod nicht kennen; das Göttliche, das Schreckliche, das Unbegreifliche ist das Wissen um die eigene Unsterblichkeit.“ Die Beweise dafür, dass der Mensch sterben müsse, seien „nur statistisch“, dichtet er anderswo, „und jeder läuft Gefahr, / der erste Unsterbliche zu sein…“ Wenn man ihn einstmals auf dem Friedhof La Recoleta von Buenos Aires zur Ruhe bette – diesem Friedhof gilt schon eines seiner ersten veröffentlichten Gedichte – , dann würden ihm, so sagte er voraus, die Fuss- und Fingernägel auch in seinem „aschefarbenen Haus mit verdorrten Blumen und Talismanen“ weiterwachsen und „ihr stures Werk fortsetzen... Sie, und der Bart auf meinem Gesicht.“ Für den Autor ein unabweisliches Zeichen für das Drängen zur Unsterblichkeit, das wir in uns tragen. „Tatsache“ sei doch, so notiert Borges in einer Erzählung mit dem ihm eigenen lakonischen Ton, „dass wir immerfort alles hinausschieben, was nur hinauszuschieben ist; vielleicht wissen wir alle zutiefst, dass wir unsterblich sind, und dass jeder Mensch früher oder später alles tun und alles wissen wird.“

Borges nimmt, das machen diese Zitate zur Genüge deutlich, die Möglichkeit einer menschlichen Unsterblichkeit sehr ernst. Was auf spielerische Weise beginnt, wird zu einer Blickumkehr: Hier ändert sich sein Blick auf den Menschen, hier beginnt er hinter der überall lauernden Sinnlosigkeit einen Plan zu behaupten, der aus unendlicher (aus göttlicher) Perspektive auf einmal einen Sinn erkennen läßt: „Die Schritte, die ein Mensch vom Tag seiner Geburt bis zu dem seines Todes tut, zeichnen in die Zeit eine unbegreifbare Figur. Die göttliche Intelligenz erfasst diese Figur so unmittelbar wie die menschliche ein Dreieck. Diese Figur hat (vielleicht) ihre bestimmte Funktion in der Ökonomie des Universums.“ Er wäre aber nicht Borges, wenn er das Spiel unendlicher Perspektivenverschiebungen und Spiegelungen nicht noch weiter triebe: „Gott rückt den Spieler, dieser die Figur. / Welcher Gott jenseits Gottes eröffnet / das Spiel aus Staub, Zeit, Traum und Agonien?“

Wir haben – die Fischer-Ausgabe macht es uns möglich – in großer Ausführlichkeit all diese Zitate zusammengetragen, um zu belegen, wie schnell in Borges Schreiben das Spielerische ins Ernsthafte umkippt: Dieser Mann ist unbedingt in einer Linie mit Denkern des Religiösen wie Augustinus zu sehen. Das Schöne an dieser Werkausgabe ist nun aber, dass sie uns den ganzen Borges bietet, das ganze Labyrinth – also auch die Rückspiegelungen und Momente an anderen Stellen seines Werkes, an denen auch entgegengesetzte Einsichten aufleuchten als die eben genannten: „Das flüchtige Heute ist zart und ewig, / erhoff nicht andren Himmel, andre Hölle“, rät ein Gedicht mit skeptischem Unterton. Geradezu brutal formuliert eines der letzten zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Gedichte: „Auf der anderen Seite der Tür läßt / ein Mensch seine Fäulnis fallen. Vergebens / wird er heut nacht ein Bittgebet zu seinem / seltsamen Gott schicken, der drei, zwei, eins ist, / und sich sagen, er sei unsterblich. Jetzt / hört er die Prophezeiung seines Todes / und weiß, dass er nur ein sitzendes Tier ist. / Du, Bruder, bist dieser Mensch. Danken wir / den Würmern und dem Vergessen.“ Erst wenn wir diesen radikal-desillusionierten Ton auf dem Hintergrund all dessen hören, was Borges anderswo zum Thema Unsterblichkeit anbringt, haben wir den ganzen Borges: nie auf Gewißheiten setzend, immer suchend, im ewigen Hin und Wider zwischen Pessimismus und dem Wahrnehmen von Sinn im scheinbar Zufälligen. Nur eine Werkausgabe, die diese schon von ihrer Form (Gedichte, Erzählungen, Rezensionen, Anthologien, Vorworte…) ganz unterschiedlichen Texte nebeneinanderstellt, kann Borges Irrlichtern wirklich nachzeichnen.

Beim ersten Eindruck darf man nicht stehenbleiben – Borges liest sich beim zweiten Mal immer anders als beim ersten. Das „Du, Bruder, bist dieser Mensch“ des eben zitierten Gedichtes erinnert einen dann auf einmal an die berühmte Szene, in der der Prophet Natan dem jüdischen König David seine Verbrechen vorhält: Damit wird dem scheinbar so illusionslos-direkten Poem ausgerechnet ein biblischer Resonanzboden gegeben. Nur das Wort „Bruder“ hat Borges in das biblische Zitat eingefügt – seltsam mitfühlend, wenn man an den Rest des Gedichtes denkt. Tausende solcher kleiner Beobachtungen lassen sich beim Lesen in diesen zwanzig Bänden aus dem Fischer-Verlag machen: Der große alte Mann aus Buenos Aires steht bei allem, was er schreibt, im Gespräch mit der Bibel, mit Homer, mit Cervantes. Borges` Unsterblichkeits-Ahnungen oder –Fragen, von denen früher die Rede war, nehmen dem Tod nichts von seinem einschneidenden Ernst: „Wir sind die gehen“, das ist in genialer Kürze eine richtiggehende Definition des Menschen. Der Dichter ist darum beinahe neugierig auf seinen Tod, weil er sich dann endlich Aufschluß über die großen Fragen verspricht, die ihn lebenslang umgetrieben haben. Nach dem Tod eines Freundes notiert der Seher vom Rio de la Plata: „In dieser Nacht kann ich weinen wie ein Mensch, kann spüren, wie die Tränen über meine Wangen rinnen, weil ich weiß, dass es auf Erden nichts gibt, das sterblich wäre und nicht seinen Schatten würfe. In dieser Nacht hast du mir ohne Worte gesagt, Abramowicz, dass wir in den Tod gehen müssen, wie man zu einem Fest geht.“

Der diesen Anspruch ins Wort fasst, ist – mehr noch als der Gentleman, den Schwarzweißfotos belegen – ein Humanist durch und durch: überzeugt davon, „… dass ein Mensch die anderen Menschen, dass ein Mensch alle Menschen ist“. Was ein beliebiger Mensch irgendwo auf unserem Planeten tue, sei so, „als ob es alle Menschen täten“ – darauf kommt der Autor in immer neuen Spiegelungen zurück. „Deswegen ist es nicht ungerecht, dass der Ungehorsam in einem Garten das ganze Menschengeschlecht befleckt; deswegen ist es nicht ungerecht, dass die Kreuzigung eines einzigen Juden genügt, es zu erlösen. Vielleicht hat Schopenhauer recht: Ich bin die anderen, jeder Mensch ist alle Menschen…“ Das bedeutet nicht nur eine tiefe Grundsolidarität aller Menschen untereinander bis hin zu ihrer Austauschbarkeit, sondern auch einen tiefen Zusammenhang des Menschen mit der Natur – in einem nahezu romantischen Weltgefühl, das an Eichendorffs „Schläft ein Lied in allen Dingen“ gemahnt. „Die Musik, die Zustände des Glücks, die Mythologie, die von der Zeit gewirkten Gesichter, gewisse Dämmerungen und gewisse Orte wollen uns etwas sagen oder haben uns etwas gesagt, was wir nicht hätten verlieren dürfen, oder schicken sich an, uns etwas zu sagen; dieses Bevorstehen einer Offenbarung, zu der es nicht kommt, ist vielleicht der ästhetische Vorgang.“

Nirgendwo strahlt dieses Gefühl eines tiefen Zusammenhangs aller Menschen, Dinge, Orte und Zeiten schöner auf als in Borges` Erzählung „Das Aleph“. Aber anders als in einer Borges-Auswahl steht diese in der Fischer-Werkausgabe eben nicht an prominenter Stelle, sondern wird – nur einige Seiten lang, in einem von zwanzig Bänden – als kleines Steinchen in einem Gesamtmosaik kenntlich. Unwillkürlich will der Dichter für sein kaum sagbares Sinn-Erfühlen, für die geschenkte Beheimatung in der Welt danken: „… zu meiner Stadt… / kehrte ich heim… / und gewann ihre Häuser zurück und das Licht ihrer Häuser / … Also erstatte ich Gott einige Heller zurück / von dem unendlichen Schatz, den er in meine Hände legt.“

So skeptisch er auch sein mag – Borges fragt nie direkt, erst recht nicht mit polemischem Unterton: Gibt es Gott? Er dreht stattdessen zunächst spielerisch, wie wir das von ihm schon kennen, den Spieß um – „Gott existiert doch; wir sind diejenigen, die nicht existieren...“ – und fragt dann: Gibt es uns Menschen überhaupt, oder sind wir der Traum anderer Menschen oder gar ein Traum Gottes? „Ich bin der einzige Mensch auf Erden, und vielleicht gibt es / weder Erde noch Mensch“, legt er Descartes in den Mund. „Vielleicht täuscht mich ein Gott. / Vielleicht hat ein Gott mich zur Zeit verdammt, dieser langen Illusion... / Ich habe den Hügel von Golgatha und die Kreuze Roms geträumt... / Ich will weiter Descartes träumen und den Glauben seiner Väter.“ Die Welt: ein Traum. „Ich glaube, dass es sich so verhält. Wir (die ungeteilte Gottheit, die in uns wirkt) haben die Welt geträumt. Wir haben sie resistent geträumt, geheimnisvoll, sichtbar, allgegenwärtig im Raum und fest in der Zeit; aber wir haben in ihrem Bau schmale und ewige Zwischenräume von Sinnlosigkeit offengelassen, damit wir wissen, dass sie falsch ist.“

Aus diesem gleichsam göttlichen Blick auf die Welt und ihre Ungereimtheiten entwickelt Jorge Luis Borges eine Haltung großer Gelassenheit, die beispielhaft sein könnte für unsere aufgeregten Zeiten: „Wenn nämlich die Welt der Traum eines Jemand ist, wenn es Jemanden gibt, der uns in diesem Augenblick träumt und der die Geschichte der Welt träumt, … dann hat die Vernichtung der Religionen und der Künste, die allgemeine Verbrennung der Bibliotheken nicht viel mehr zu bedeuten als die Verbrennung der Einrichtungsgegenstände eines Traums. Der Geist, der sie einmal geträumt hat, wird sie abermals träumen; solange der Geist zu träumen fortfährt, ist nichts verlorengegangen.“ Es ist aus tiefer Sympathie zum Menschen heraus, dass dieser argentinische Weltliterat zu einem Blick aufs Ganze und auf das über uns Hinausweisende, der ihn zu einem Pascal unserer Zeit macht. Wobei er, das muss man gleich hinzusetzen, mit dessen Gotteswette überraschend wenig anzufangen weiß. „Pascal, wird uns gesagt, fand Gott, aber seine Bekundung dieses Glücks ist weniger beredt als die Bekundung seiner Einsamkeit. Darin war er unvergleichlich…“

Kaum ein Zeitgenosse hat so bestechende Bilder für unsere Welt gefunden wie Borges. Wie ein Labyrinth aus Spiegeln erschien sie ihm, wie eine Bibliothek. Gerade diese Metapher gerann ihm zu einer seiner bekanntesten Fiktionen: „Ich behaupte, dass die Bibliothek unendlich ist… Die Bibliothek existiert ab aeterno. An dieser Wahrheit, aus der unmittelbar die künftige Ewigkeit der Welt folgt, kann kein denkender Verstand zweifeln. Der Mensch, der unvollkommene Bibliothekar, mag ein Werk des Zufalls oder böswilliger Demiurgen sein; das Universum, so elegant ausgestattet mit Regalen, rätselhaften Bänden, unerschöpflichen Treppen für den wandernden und Latrinen für den sesshaften Bibliothekar, kann nur Werk eines Gottes sein.“ Das ist nichts anderes als der klassische Gottesbeweis von der Schöpfung her, aber mit der für Borges charakteristischen Brechung, denn die Bibliothek, die in der Erzählung beschrieben wird und die als Bild fürs Weltganze herhält, ist ein Moloch, ein Wirrwarr. Der Text endet – und wer denkt da nicht an die Figur des blinden Bibliothekars Jorge von Burgos, den Umberto Eco in seinem „Namen der Rose“ an Borges` Silhouette entlanggeschrieben hat – mit einer Art Gebet um Sinn: „Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass es in irgendeinem Regal des Universums ein totales Buch gibt; ich flehe zu den unerkannten Göttern, es möge einen Menschen geben – einen einzigen, und habe er auch vor tausend Jahren gelebt! –, der es untersucht und gelesen hat. Wenn Ehre, Weisheit und Glück nicht für mich sind, mögen sie doch für andere sein. Möge der Himmel existieren, auch wenn mein Platz die Hölle ist. Mag ich beschimpft und zunichte werden, aber möge in einem Augenblick, in einem Wesen Deine ungeheure Bibliothek ihre Rechtfertigung finden.“

Geradezu obsessiv kommt Borges in seinen Erzählungen, Essays und Gedichten immer wieder auf biblische Themen zurück. Dabei sind besonders seine Variationen auf das Thema Jesus tief bewegend: Der Autor geht davon aus, dass die Erzählung „von der Opferung eines Gottes“ eine von nur wenigen Ur-Geschichten ist, die die Menschheit immer wieder neu erzählt „und dabei verwandelt“, und an diesen Verwandlungen, Brechungen, Spiegelungen schreibt Borges mit. Außerdem hält er Jesus „jenseits unseres fehlenden Glaubens“ für „die lebendigste Gestalt der menschlichen Erinnerung“: „Es fiel ihm zu, seine Lehre, die heute den Planeten umfaßt, in einer entlegenen Provinz zu predigen. Seine zwölf Jünger waren arme Analphabeten. Außer wenigen Wörtern, die seine Hand in den Staub schrieb und sofort verwischte, hat er nichts geschrieben. (Auch Pythagoras und der Buddha waren mündliche Meister.) Er verwendete niemals Argumente; die natürliche Form seines Denkens war die Metapher... Noch jung starb er unbekannt am Kreuz, das damals eine Art Galgen war und heute ein Symbol ist... Keiner hat wie er den Lauf der Geschichte beherrscht und beherrscht ihn noch immer.“

Eine Erzählung aus „Spiegel und Maske“ verlegt die Passionsgeschichte in die argentinische Pampa, wo Dörfler einen Studenten, der ihnen mehrere Tage lang aus dem Neuen Testament vorgelesen hat, schließlich kreuzigen; eine andere spielt – und das kann einen gläubigen Christen tief nachdenklich stimmen – die Vorstellung durch, dass Gott, um „voll und ganz Mensch“ zu werden, Mensch werden muss „bis zur Ruchlosigkeit, Mensch bis zur Verworfenheit und zum Abgrund. Zu unserer Errettung konnte er jedes beliebige unter den Schicksalen wählen, aus denen sich das verschlungene Netz der Geschichte webt; er konnte Alexander werden oder Pythagoras oder Rurik oder Jesus; er wählte ein allerniedrigstes Schicksal: Er wurde Judas.“ Es ist bewegend, wie der alte Spötter aus Buenos Aires sich in Jesus hineinfühlt („Manchmal denke ich mit Heimweh / an den Geruch dieser Tischlerei“, heißt es in dem Gedicht „Johannes 1: 14“) – und immer wieder dieses Bild vom gekreuzigten Christus umkreist: „Christus am Kreuz. Die Füße berühren die Erde. / Die drei Kreuze sind gleich hoch. / Christus ist nicht in der Mitte. Er ist der dritte. / ... Das Gesicht ist nicht das von den Bildern. / Es ist spröde und jüdisch. Ich sehe ihn nicht / und werde ihn weitersuchen bis zum letzten / Tag meiner Schritte auf Erden...“

Mit dieser Suche nach Jesus, die an das „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“ des Psalmisten erinnert, ist es Borges ernst: „Die Menschen haben ein Gesicht, ein unwiederbringliches Gesicht verloren“, klagt er einmal – und meint das Gesicht Jesu. „Das Profil eines Juden in einem Kellergeschoss ist vielleicht das Profil Christi; die Hände, die uns an einem Schalter ein paar Geldstücke zuschieben, sind vielleicht ein Widerschein der Hände, die ein paar Soldaten eines Tages ans Kreuz schlugen. Vielleicht wartet ein Zug des gekreuzigten Angesichts in jedem Spiegel; vielleicht starb das Gesicht, erlosch, damit Gott alle Menschen sei.“ Aber das Gesicht Jesu ist, so eine weitere Volte des Denkers, nicht wirklich verloren: Jeder Mensch kann es annehmen, wenn er tut, was Jesus tat. „So kommt zum Beispiel jedesmal, wenn jemand einen Feind liebt, die Unsterblichkeit Christi zum Vorschein. In diesem Moment ist jener Mensch Christus…“

Fazit unserer Beschäftigung mit dem ganzen Borges, so wie ihn uns die Fischer-Werkausgabe vor Augen stellt: Wir dürfen uns Jorge Luis Borges als gläubigen Menschen vorstellen – jedenfalls, wenn wir im Glauben entsprechend Joseph Ratzinger die Haltung sehen, mit der jeder Mensch sich zu den großen Fragen von Leben und Tod zwangsläufig verhält. „„Santayana glaubt, dass es keinen Gott gibt, und dass die Jungfrau die Mutter Gottes ist“: Diese scherzhafte Sentenz, die der Argentinier auf einen anderen Autor münzt, passt durchaus auch auf ihn selbst. Wer sich auf Borges` Suche nach dem Jenseitigen, Transzendenten einläßt, der wird „a Game of Shifting mirrors“ erleben, „ein Spiel mit sich verschiebenden Spiegeln“, das ist der angebliche Untertitel eines von Borges erfundenen Buches. Aber er wird nicht an der Ernsthaftigkeit dieser Suche zweifeln können, die den erblindeten Denker in einem seiner letzten Werke sogar ein radikal aufrichtiges Gebet formulieren läßt: „Tausendmal hat mein Mund das Vaterunser gesprochen…, aber ich verstehe es nur teilweise. Heute, am 1. Juli 1969, möchte ich ein Gebet versuchen, das persönlich sei, nicht ererbt. Ich weiß, dass es sich um ein Unterfangen handelt, das eine fast übermenschliche Aufrichtigkeit erfordert. Zunächst ist klar, dass es mir versagt ist, zu bitten. Zu bitten, dass es in meinen Augen nicht Nacht werde, wäre Wahnsinn… Der Fortgang der Zeit ist ein Gewebe aus Wirkungen und Ursachen, daher heißt eine noch so kleine Gnade erbitten darum bitten, ein Glied des eisernen Gewebes möge reißen… Niemand verdient ein solches Wunder. Ich kann nicht flehen, meine Fehler mögen mir vergeben sein; Vergebung ist die Tat eines anderen, und nur ich kann mich retten.“

Mit der Fischer-Werkausgabe läßt sich ein großer spiritueller Denker unserer Zeit wiederentdecken – gerade in einem Moment, in dem die katholische Kirche etwa über die „Vorhof der Völker“-Initiative mit neuem Schwung das Gespräch mit den Zweiflern und Suchenden aufnimmt. Borges schenkt uns nicht nur eindrucksvolle, unvergeßliche Bilder von diesem Suchen, sondern auch die Vorstellung, dass ein plötzliches Finden möglich wäre. „Ein Bibliothekar mit schwarzer Brille fragte ihn: Was suchen Sie? Hladik antwortete: Ich suche Gott. Der Bibliothekar sagte: Gott ist in einem der Buchstaben auf einer der Seiten eines der vierhunderttausend Bände des Clementinums. Meine Eltern und die Eltern meiner Eltern haben diesen Buchstaben gesucht. Ich habe mich blind danach gesucht. Er nahm die Brille ab, und Hladik sah die Augen, die tot waren. Ein Leser kam herein, um einen Atlas zurückzugeben. Dieser Atlas taugt nichts, sagte er und reichte ihn Hladik. Der öffnete ihn aufs Geratewohl… Mit plötzlicher Gewissheit berührte er einen der winzig kleinen Buchstaben.“

(rv 09.06.2012 sk)