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„Migration sollte uns in Europa weniger erschrecken“

Papst Franziskus mit Flüchtlingen und ihren Helfern am 1.10.2017 in Bologna - REUTERS

30/10/2017 10:48

Zu einem etwas ruhigeren, abgewogenen Blick auf den Themenkomplex Flüchtlinge und Migranten rät die europäische Caritas. Man sollte die Dinge in einem „globalen Zusammenhang“ zu sehen versuchen, sagte der Generalsekretär von Caritas Europa, Jorge Nuño Mayer, in einem Gespräch mit Radio Vatikan.

„Migration ist keine spezifisch europäische Herausforderung: Der größte Teil von Migration weltweit betrifft vielmehr arme Länder. Das müssen wir uns vor Augen führen. Migration sollte uns in Europa weniger erschrecken oder aufregen, wenn sie in großem Stil vor allem in den armen Ländern selbst vor sich geht, motiviert oft durch große Hungersnöte, Kriege, Gewalt, Stammeskonflikte.“

Was die Europäer hingegen aus Caritas-Sicht durchaus beunruhigen dürfte, ist, so Jorge Nuño Mayer, die hohe Zahl an Armen und Benachteiligten. Zwischen zwanzig und 25 Prozent der Europäer leben nach seiner Darstellung „unterhalb der Armutsgrenze“, und auch wenn man über solche Statistiken immer streiten kann, ist doch kaum zu leugnen, dass Armut viele Europäer betrifft. Hier will die Caritas nach Nuño Mayers Worten „als Barmherziger Samariter wirken“, ja tue dies vielfach bereits.

Europäische Waisenkinder

„Was die Migration betrifft – da ist die Caritas in den betroffenen Staaten vor Ort. In afrikanischen, in lateinamerikanischen Staaten, aus denen Migranten kommen, aber auch in europäischen Staaten, wo die Einwanderung eine schwierige Realität ist. Ich meine die sogenannten europäischen Waisenkinder: Eltern ziehen zum Arbeiten nach Westeuropa, und die Kinder bleiben allein zurück, entweder bei den Großeltern oder auch auf der Straße. Caritas ist da präsent, in Moldawien, in der Ukraine, auch in Deutschland, um den Bedürftigen beizustehen.“

Gleichzeitig versucht sich Caritas Europa auch immer mehr als Lobbygruppe auf dem politischen Parkett. „Uns wird immer klarer, wie wichtig es ist, dass es eine Politik gibt, die Familien hilft. Wenn das familiäre Netz, das oft in schwierigen Momenten Rückhalt gibt, nicht funktioniert, dann muss der Sozialstaat handeln. Und dazu drängen wir ihn: Es muss eine Art Mindesteinkommen und grundlegende soziale Dienstleistungen geben.“

Niemand tut so viel für die armen Länder wie Europa

Papst Franziskus wird immer wieder kritisiert für den Satz „Diese Wirtschaft tötet“, der sich in seinem programmatischen Schreiben Evangelii Gaudium vom Herbst 2013 findet. Doch der Satz stimmt, sagt Jorge Nuño Mayer: „Das sehen wir bei Caritas. So viele Menschen haben wegen der Wirtschaftskrise in Europa Selbstmord begangen, viele sind auch gestorben, weil sie keinen Zugang zum Gesundheitswesen haben. Die EU ist nicht untätig, aber die Frage ist, ob sie in die richtige Richtung tätig wird. Wir treten für die Vision eines Europa ein, das von unten her aufgebaut wird, von den Gemeinschaften, den Stadtvierteln, den Völkern aus. In so etwas haben wir als Kirche viel Erfahrung.“

Allerdings will der Caritas-Generalsekretär auch kein EU-Bashing betreiben. „Wir sollten von dem vielen Guten an Europa ausgehen – nicht nur, dass es so eine lange Periode des Friedens hergestellt hat. Es ist auch die Weltregion, die am meisten für Entwicklungszusammenarbeit tut, die den armen Ländern am meisten hilft. Man stelle sich vor: Europa stellt nur sieben Prozent der Weltbevölkerung, zahlt aber fünfzig Prozent aller Sozialausgaben weltweit. Das heißt: Wir haben sehr viel Gutes. Demokratie, Freiheiten… Aber wir müssen uns Ideale vor Augen halten, um die Welt und unsere Umgebung weiter zu verbessern.“

(rv 30.10.2017 sk)

30/10/2017 10:48