Artikel lesen Zum Menü

Social Networks:

RSS:

Radio Vatikan

Die Stimme des Papstes und der Weltkirche

Andere Sprachen:

Kirche \ Die deutschsprachige Kirchen

Interview: Wie der Heilige Geist handelt

Der Heilige Geist: schwer abbildbare "dritte Kraft" der Dreifaltigkeit

28/10/2017 08:00

Der Heilige Geist – eine fast unbekannte Größe, so zumindest scheint es im Glaubensvollzug vieler Katholiken in unseren Breitengraden. Wir bekennen ihn (im Glaubensbekenntnis), aber wir wissen kaum etwas über ihn. Auch in der Theologie durchläuft der Heilige Geist bestimmte Aufmerksamkeitszyklen, derzeit gilt der „dritten Kraft“ der Dreifaltigkeit wieder mehr Interesse.

Wie wirkt der Heilige Geist, und was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, dass er gegenwärtig ist? Der in Wuppertal lehrende katholische Theologe Michael Böhnke hat in seinem jüngst erschienenen Buch „Gottes Geist im Handeln der Menschen: Praktische Pneumatologie“ eine Analyse vorgelegt. Seine zentrale These: Der Heilige Geist ist für die, die ihn herbeirufen, „die verheißene Gewissheit der göttlichen Gegenwart“. Gudrun Sailer sprach mit Michael Böhnke.

Radio Vatikan: Der Heilige Geist ist von der Schrift an im Glauben der Kirche angelegt, man kann ihn also weder wegdiskutieren noch schief ansehen: er ist ein Unruhestifter, aber er gehört zum Glaubensgut, das alle Christen bekennen. Zugleich ist der Begriff Heiliger Geist offen für eine gewisse Bandbreite an Deutungen. Welche Musik liegt darin für die heutige Theologie?

 Michael Böhnke: „Ein wenig problematisch finde ich es, dass durch bestimmte Theoriedefizite der Heilige Geist heute weitgehend in den Bereich des Subjektiven und der Spiritualität und der Innerlichkeit abgewandert ist. Ich mache mich dafür stark, den Heiligen Geist im Handeln der Menschen zu entdecken. So wie wir es aus Formulierungen kennen, dass Gespräche im Geist der Freundschaft stattgefunden haben oder dass Spiele im Geist der Fairness stattgefunden haben. So etwas meint Paulus, wenn er im Galaterbrief vom Wandeln im Geist spricht, dass man sich friedliebend, sanftmütig, freundschaftlich und so weiter begegnet: dann wird dieser Geist Gottes konkret benennbar, etwa an einer Geste wie einem Händedruck, einer zärtlichen Geste, dass man den Geist Gottes dann weiterträgt, wenn man sich in seinem Handeln so (von ihm) ausrichten lässt.“

Radio Vatikan: Woran liegt es denn, dass der Heilige Geist in die Innerlichkeit abgeschoben wurde und nicht mehr als handlungsleitend wahrgenommen wird?

Michael Böhnke: Ich glaube, dass dieses Abschieben des Heiligen Geistes in die Innerlichkeit bedingt ist durch eine Engführung auch im Handlungsbegriff der Moderne. Das kommt nämlich dazu, dass Handlung versucht wird allein durch Kausalität zu erklären, während für die Handlungssituation doch noch ganz anderes bestimmend ist, eben die Frage, wie ich ausgerichtet bin in einer Handlung. Der Züricher Sozialethiker Johannes Fischer hat in diese Richtung bahnbrechend gearbeitet, und er orientiert sich immer am Gleichnis vom barmherzigen Samariter: was bewegt mich dazu, in dieser Situation, den Fremden als Nächsten anzusehen. Das ist ja nicht unbedingt durch Vernunftmotive zu begründen, sondern durch eine bestimmte szenische Gerichtetheit der Handlung, wie er es nennt.“

Radio Vatikan: Auffallend stark ist der Platz des Heiligen Geistes bei den Liturgien und Zeremonien einer Papstwahl. Das ist – wie sonst nur Pfingsten - ein Moment des kirchlichen Lebens, in dem die Gläubigen dem Heiligen Geist einen sichtbareren und hörbareren Platz einräumen als den beiden anderen Komponenten der Dreifaltigkeit, Gott Vater und Gott Sohn. Warum gerade beim Konklave? 

Michael Böhnke: „Nicht nur beim Konklave: In der Konzilsliturgie spielt die Herabrufung oder das Herbeirufen des Heiligen Geists eine ebenso entscheidende Rolle. Gerade die Festlichkeit, in der das geschieht, legitimiert dieses Handeln als kirchliches Handeln.“

Radio Vatikan: Und beim Konklave?

Michael Böhnke: „Auch für das Konklave gilt: Wer den Geist anruft, kann sich der Treue Gottes gewiss sein. Und es sind nicht nur die Kardinäle, die den Geist anrufen, sondern die ganze Kirche ist dazu aufgerufen, gemäß der Ordnung von Papst Johannes Paul II, Universi Dominici Gregis, den Geist im Konklave anzurufen. Ein Konklave ist also nicht einfach nur ein säkularer Wahlakt, weil die Kirche nicht nur eine weltliche Größe ist. Der Geist wirkt nicht, indem er das Handeln der Kardinäle ersetzt, wählen müssen diese schon selber, aber er richtet das Handeln der Kardinäle auf diesen bevorstehenden Wahlakt aus, also ich würde sagen, er ist zumindest atmosphärisch präsent.“

Radio Vatikan: Und was bewirkt er in dieser atmosphärischen Präsenz?

Michael Böhnke: „Es macht einen Unterschied, ob ich freundschaftlich oder misstrauisch auf jemanden zugehe. In einer Atmosphäre, in der Neid und Missgunst herrschen, ist es schwerer, ruhig und friedlich zu bleiben. Die Prozession und das Gebet stimmen auf die Papstwahl ein, wenn Sie so wollen, zeigt sich in dieser atmosphärischen Präsenz, dass der Geist ein Geist der Einheit ist, und ein Geist, dem es um das Wohl der Kirche geht.“

Radio Vatikan: Papst Franziskus betont am Heiligen Geist, über den er oft spricht, den dynamisierenden Effekt auf die Kirche und den einzelnen Gläubigen. Für Franziskus ist der Heilige Geist ein Quälgeist: einer, der uns aus der Behaglichkeit der alten Antworten aufschreckt, uns auf unbequeme Wege führt, hinein ins Unfertige. Was kann das bewirken? 

Michael Böhnke: „Ich glaube für Franzskus steht noch nicht fest, wie die Zukunft der Kirche aussieht. Die Zukunft der Kirche ist aus seiner Sicht für das formende Wirken des Heiligen Geistes offen. Er hat nicht nur in seinem Schreiben „Evangelii Gaudium“, sondern auch andernorts immer wieder die Bedeutung der Parrhesia betont, der freien Rede, der prophetischen Dimension des Geistwirkens, auch das ist eine Ausrichtung des Handelns, dass man etwas mit Freimut gegen alle Ängstlichkeit vorträgt. Das funktioniert aber nur, wenn nicht immer schon festgelegt ist, wie die Kirche der Zukunft aussieht. Deshalb die synodalen Prozesse, deshalb das Befragen der Jugendlichen vor der Jugendsynode. Es geht darum, dass die Kirche sich aus dem Geist der Barmherzigkeit erneuert und ihren Weg findet. Und nicht der Geist – um die Gegenposition zu benennen, in das fertige Gefüge der Kirche mit ihren Lehren, Normen, Gesetzen eingefügt wird und dort den Platz einnehmen soll, dass alles, was institutionell schon festliegt, von den Gläubigen auch akzeptiert wird.“

(rv 27.10.2017 gs) 

28/10/2017 08:00