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Russland: Kirche hofft auf mehr Rechtssicherheit

Russische Katholikinnen bei einem Gottesdienst - REUTERS

07/10/2017 11:05

Mehr als 25 Jahre nach dem Ende des Kommunismus gibt es für die Katholische Kirche in Russland im Vergleich zu früher viele Freiheiten. Aber von einem „Idealzustand“ kann man bei weitem nicht sprechen. Das hat Bischof Joseph Werth von Nowosibirsk im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress betont. Mehr Visa für ausländische Priester und bessere ökumenische Beziehungen zur orthodoxen Kirche nannte er als zwei zentrale Herausforderungen für die Kirche im Land.

Bischof Wert steht der flächenmäßig zweitgrößten Diözese der Welt vor, sie misst vier Millionen Quadratkilometer. Die Diözese wurde 1991 durch Papst Johannes Paul II. als Apostolische Administratur von Sibirien gegründet. Das Diözesangebiet umfasste damals ganz Sibirien mit 13 Millionen Quadratkilometern. 1999 erfolgte die Trennung in die Apostolischen Administraturen von Ostsibirien und Westsibirien. 2002 wurde die westsibirische Administratur als „Diözese der Verklärung von Nowosibirsk“ errichtet. 

Großer Aderlass

Von den 142 Millionen Russen sind nach kirchenoffiziellen Angaben 800.000 katholisch. Sehr viel mehr Katholiken haben Russland freilich seit dem Ende des Kommunismus verlassen. Wie Bischof Werth sagte, sind in den vergangenen 30 Jahren allein rund 2,5 Millionen Russland-Deutsche ausgewandert. Viele von ihnen seien katholisch, und das sei für die römisch-katholische Kirche in Russland natürlich ein großer Aderlass. So könne er auch nicht sagen, wie viele Gläubige es in seiner Diözese gebe. An Sonntagen besuchten insgesamt nur 10.000 Menschen die Gottesdienste, in vielen abgelegenen Dörfern gebe es keine Messen. Hier hielten Laien Gebetsgottesdienste ab und leiteten auch die Begräbnisse. 

Mit 42 Priestern, die dem Bischof zur Verfügung stehen, sei die pastorale Arbeit schwer zu bewerkstelligen. Es gibt laut Bischof Werth in seiner Diözese rund 50 registrierte Pfarrgemeinden und dazu nochmals rund 200 sogenannte „Filialen“. Priester hätten oft ein Einzugsgebiet von bis zu 300 Kilometern, in denen sie für die die Seelsorge verantwortlich sind. 

Im Sozialbereich „stark vertreten“

In Relation zu ihrer zahlenmäßigen Stärke sei die Kirche aber im Sozialbereich mit Sozialzentren und Schulen stark vertreten, so der Bischof. Er verwies u.a. auf ein Mutter-Kind-Heim, in dem sozial schwache Alleinerziehende eine neue Chance für sich und ihre Kinder bekommen. Die Kirche betreibe auch Tageszentren für Kinder, wo diese Lernhilfe und warme Mahlzeiten bekommen. Für Migrantenkinder aus Tadschikistan und Usbekistan würden auch Russisch-Kurse angeboten. „Diese Kinder haben noch nie eine Schule besucht und sprechen auch nicht die Landessprache“, erläuterte der Bischof. 

Hinsichtlich der rechtlichen Situation in Russland kam der Bischof, der derzeit in Österreich zu Besuch ist, auf die Visa-Problematik zu sprechen. Anfang der 1990er Jahre sei die Situation relativ gut gewesen, Visa für Geistliche waren kein Problem. Seither habe sich freilich vieles verändert, und Arbeitsvisa für ausländische Priester würden immer seltener erteilt. In den letzten drei Jahren seien zudem sieben Priester des Landes verwiesen worden, klagte der Bischof. Das sei angesichts der Tatsache, dass es immer noch wenige einheimische Priester gibt, ein beträchtliches Problem. Immer noch kommt die Mehrheit der Priester in der Diözese Nowosibirsk aus dem Ausland; die meisten aus Polen, aber auch aus der Slowakei, Italien oder den USA. 

Ein Problem sie auch die Rückgabe von ehemals enteignetem Kirchengut. Vier Kirchen habe man in den vergangenen 26 Jahren in der Diözese Nowosibirsk zurückbekommen, eine weitere könnte bis 2018 folgen, hofft der Bischof. Das würde zumindest einer entsprechenden Vorgabe von Präsident Putin entsprechen, wonach diese Rückgaben bis 2018 angeschlossen sein sollten. Viele größere Restitutionsprobleme als in Sibirien gebe es freilich im europäischen Teil Russlands, so der Bischof. 

Beziehung zur Orthodoxie „geregelt, aber nicht gut“

Auf den katholisch-orthodoxen Dialog und das Treffen von Papst Franziskus mit Patriarch Kyrill im Februar 2016 auf Kuba angesprochen, zeigte sich Bischof Werth zurückhaltend. Die Begegnung sei sicherlich sehr positiv gewesen, doch zeigten sich im Alltag in Russland noch wenig praktische Folgen. Es gebe durchaus ökumenisch aufgeschlossene orthodoxe Geistliche wie Gläubige, ein beträchtlicher Teil sei freilich auch sehr negativ eingestellt. Die Mehrheit agiere vorsichtig und warte ab. „Unsere Beziehungen zur Orthodoxie sind geregelt, aber nicht wirklich gut“, so der Bischof wörtlich. Dafür werde es wohl noch 100 Jahre brauchen.

Schwierig sei deshalb vor allem auch die Situation der griechisch-katholischen Gläubigen in Russland. Rund 30.000 soll es im gesamten russischen Staatsgebiet geben. Seit 2004 ist Bischof Werth als Ordinarius auch für diese Gläubigen zuständig, freilich gebe es dafür keinerlei kirchliche Strukturen. Und zwar aus Rücksicht auf die Orthodoxie, erläuterte Bischof Werth. Die Errichtung von Strukturen würde das Verhältnis stark belasten, deshalb nehme man davon Abstand. Für die griechisch-katholischen Gläubigen sei dies aber „demütigend“. Sie fühlten sich vernachlässigt „und sie haben eigentlich ein Recht auf eigene kirchliche Strukturen“.

Er glaube auch, dass die Zahl der Gläubigen weit höher als die kolportierten 30.000 sein müsse. Schließlich würden rund vier Millionen Ukrainer im Land leben. Und von diesen gehörten wohl zehn Prozent, also bis zu 400.000, der griechisch-katholischen Kirche an. Freilich sei es mit diesen Gläubigen genauso wie mit den römisch-katholischen. Es gebe sehr viele Mischehen, und die Kinder würden, mangels Alternativen, in der Regel orthodox getauft. 

Auf einen möglichen Russland-Besuch von Papst Franziskus angesprochen, meinte der Bischof, dass dies für die Katholiken im Land eine große Freude und Ermutigung wäre. Freilich müsse man bei Russland bedenken, dass ein Papstbesuch in erster Linie der orthodoxen Kirche bzw. der Verbesserung der Beziehungen zwischen orthodoxer und katholischer Kirche gelten würde. Kurzfristig zeigte sich der Bischof deshalb nicht sehr optimistisch, dass es zu einem solchen Besuch kommen werde.

(kap 07.10.2017 sk)

07/10/2017 11:05