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Im Wortlaut: Papst Franziskus an Kolumbiens Bischöfe

Papst Franziskus in Kolumbien - AFP

07/09/2017 18:00

Radio Vatikan dokumentiert hier im vollen Wortlaut die Ansprache von Papst Franziskus an die kolumbianischen Bischöfe bei einem Treffen in Bogotá.

*

Der Friede sei mit euch

So grüßte der Auferstandene seine kleine Herde, nachdem er den Tod besiegt hatte; so darf ich euch am Beginn meiner Reise begrüßen.

Ich danke euch für eure Worte zum Willkommen. Ich freue mich, dass ich bei meinen ersten Schritten in diesem Land euch, den kolumbianischen Bischöfen, begegnen kann und durch euch die gesamte kolumbianische Kirche umarmen und an das Herz des Nachfolgers Petri drücken darf. Ich danke euch zutiefst für euren bischöflichen Dienst und bitte euch, ihn weiterhin mit erneuerter Großherzigkeit auszuüben. Einen besonderen Gruß richte ich an die emeritierten Bischöfe und ermutige sie, mit ihrem Gebet und ihrer unaufdringlichen Gegenwart weiterhin die Braut Christi, für die sie sich großherzig hingegeben haben, mitzutragen.

Ich komme, um Christus zu verkünden und in seinem Namen einen Weg des Friedens und der Versöhnung zu gehen. Christus ist unser Friede! Er hat uns mit Gott und untereinander versöhnt!

Ich bin davon überzeugt, dass Kolumbien eine Besonderheit besitzt, etwas sehr Spezielles, das starkes Interesse weckt: Kolumbien ist nie ein ganz erreichtes Ziel gewesen, eine ganz verwirklichte Bestimmung, ein wirklich besessener Schatz. Sein menschlicher Reichtum, seine Fülle an Naturschätzen, seine Kultur, sein leuchtendes christlich geformtes Miteinander, sein Glaubenserbe und die Erinnerung an seine Missionare, die spontane und vorbehaltlose Fröhlichkeit seiner Bewohner, das unbezahlbare Lächeln seiner Jugend, seine ursprüngliche Treue zum Evangelium Christi und seiner Kirche und besonders sein unbändiger Mut, dem Tod zu trotzen, der oft nicht nur angedroht, sondern auch gesät wurde: All das verbirgt sich, wie es die Blüte der keuschen Mimose im Garten macht; sagen wir, es versteckt sich vor denen, die als gierige Fremde wie Unterdrücker auftreten, während es sich dem großzügig enthüllt, der sein Herz mit der Demut des Pilgers berührt. So ist Kolumbien.

Deshalb wende ich mich an eure Kirche als ein Pilger. Ich bin euer Bruder, der den auferstandenen Christus bringen will, für welchen keine Mauer ewig, keine Angst unzerstörbar und keine Plage und keine Wunde unheilbar ist.

Ich bin nicht der erste Papst, der hier in eurem eigenen Haus zu euch spricht. Zwei meiner größten Vorgänger waren hier schon zu Gast: der selige Paul VI., der kurz nach Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils kam, um die kollegiale Umsetzung des Mysteriums der Kirche in Lateinamerika zu fördern; und der heilige Johannes Paul II. bei seinem denkwürdigen apostolischen Besuch 1986. Die Worte beider sind ein bleibender Reichtum, und ihre Ausführungen wie auch die wundervolle Zusammenfassung über unser bischöfliches Hirtenamt stellen ein Vermächtnis dar, dass wir bewahren müssen. Sie sind nicht veraltet. Ich wünsche mir, dass meine Worte in Kontinuität mit ihren Lehren aufgenommen werden.

Hüter und Sakrament des ersten Schrittes

»Den ersten Schritt machen« lautet das Motto meines Besuches und auch meine erste Botschaft an euch. Ihr wisst, dass Gott der Herr des ersten Schrittes ist. Er greift uns immer voraus. Die gesamte Heilige Schrift spricht von Gott als einem aus Liebe von sich selbst Entäußerten. So war es, als es nur Finsternis und Chaos gab und er aus sich herausgehend alles ins Sein rief (vgl. Gen 1,2-4); so war es, als er im Garten Eden wanderte und die Nacktheit seines Geschöpfs erkannte (vgl. Gen 3,8-9); so war es, als er als ein Pilger im Zelt Abrahams Halt machte und das Versprechen von unverhoffter Fruchtbarkeit zurücklies (vgl. Gen 18,1-10); so war es, als er sich dem Moses offenbarte und ihn faszinierte, als dieser nur daran dachte, die Schafe seines Schwiegervaters zu hüten (vgl. Ex 3,1-2); so war es, als er seinen Blick nicht von seinem geliebten Jerusalem wandte, auch als es sich auf den Straßen der Untreue prostituierte (vgl. Ez 16,15); so war es, als er mit seiner Herrlichkeit zu seinem in die Knechtschaft verbannten Volk auszog (vgl. Ez10,18-19).

Und in der Fülle der Zeit wollte er uns den ersten Schritt, den Namen des ersten Schrittes, seines ersten Schrittes offenbaren. Er heißt Jesus und ist ein unumkehrbarer Schritt. Er stammt aus der Freiheit einer Liebe, die allem vorrausgeht. Denn der Sohn, er selbst, ist der lebendige Ausdruck dieser Liebe. Die ihn erkennen und aufnehmen, erhalten als Vermächtnis das Geschenk der Freiheit, in ihm selber immer den ersten Schritt machen zu können. Sie fürchten nicht, sich selbst zu verlieren, wenn sie aus sich selbst herausgehen, denn sie besitzen die Zusicherung der Liebe vom ersten Schritt Gottes her, als einen Kompass, der sie nicht irre gehen lässt.

Behütet darum mit heiliger Furcht und Ergriffenheit diesen ersten Schritt Gottes auf euch zu und durch euer Hirtenamt auf die Menschen zu, die euch anvertraut sind. Seid euch bewusst, dass ihr das lebendige Sakrament dieser göttlichen Freiheit seid, welche sich nicht fürchtet, aus Liebe aus sich selbst herauszugehen, die keine Angst hat, arm zu werden, während sie sich hingibt, und keine andere Kraft braucht außer die Liebe.

Gott geht uns voraus; wir sind die Reben, wir sind nicht der Weinstock. Deshalb bringt nicht die Stimme dessen zum Schweigen, der uns gerufen hat. Glaubt nicht, dass die Summe eurer armseligen Tugenden – die von euch – oder die Schmeicheleien der jeweiligen Mächtigen den Erfolg der euch von Gott anvertrauten Aufgabe garantieren. Im Gegenteil: Bettelt, bettelt im Gebet, wenn ihr weder etwas noch euch geben könnt, damit ihr denen etwas schenken könnt, die sich immerfort an euer Herz als Hirte wenden. Das Gebet ist für das Leben des Bischofs wie der Lebenssaft, der durch den Weinstock fließt und ohne den der Trieb vertrocknet und unfruchtbar wird. Deshalb müsst ihr mit Gott kämpfen, besonders in der Nacht seiner Abwesenheit, bis er euch segnet (vgl. Gen32,25-27). Die Wunden dieses täglichen und vorrangigen Kampfes im Gebet werden zu einer Quelle der Genesung für euch; ihr werdet von Gott verletzt, damit ihr fähig werdet, zu heilen.

Eure Identität als Sakrament des ersten Schrittes Gottes sichtbar machen

Tatsächlich müsst ihr, um eure Identität als Sakrament des ersten Schrittes Gottes greifbar zu machen, ständig aus euch herausgehen. »Nichts treibt ja so sehr zur Liebe an als die zuvorkommende Liebe« (Augustinus, De catechizandis rudibus, I, 4.7, 26: PL 40). Deshalb kann kein Bereich der bischöflichen Aufgabe auf diese Freiheit des ersten Schrittes verzichten. Die Bedingung für die Ausübung des apostolischen Dienstes besteht in der Bereitschaft, sich Jesus zu nähern und alles hinter uns zu lassen, »was wir waren, damit wir seien, was wir nicht waren« (ders., In Psal., 121,12: PL 36).

Ich empfehle euch, nicht nur persönlich, sondern auch kollegial im Hören auf den Heiligen Geist auf diesen fortdauernden Ansatzpunkt zu achten. Ohne diesen Kern verblassen die Züge des Meisters auf dem Antlitz der Jünger, stockt unsere Sendung und nimmt die seelsorgliche Neuausrichtung ab, die nichts anderes ist als die Antwort auf die dringende Verkündigung des Evangeliums der Freude heute, morgen und am folgenden Tag (vgl. Lk 13,33). Diese Sorge verzehrte das Herz Jesu und ließ ihn ohne Nest noch Ort leben, einzig auf die Erfüllung des Willens des Vaters bis zum Ende bedacht (vgl. Lk 9,58.62). Welche Zukunft könnten wir sonst anstreben? Welche größere Würde erhoffen?

Passt euch nicht dem Maßstab derer an, die gerne möchten, ihr wärt bloß eine Kaste von Funktionären, die sich dem Diktat der Gegenwart beugen. Heftet hingegen euren Blick auf die Ewigkeit dessen, der euch erwählt hat, und seid bereit, das endgültige Urteil aus seinem Mund zu hören, welches das ist, was zählt.

Im vielschichtigen Erscheinungsbild der Kirche Kolumbiens ist es äußerst wichtig, die Besonderheiten der verschiedenen und rechtmäßigen Kräfte zu bewahren, die pastoralen Sensibilitäten, die regionalen Eigenheiten, das Andenken der Geschichte und den Reichtum an den je eigenen kirchlichen Erfahrungen. Das Pfingstfest bewirkt, dass alle in ihrer eigenen Sprache verstehen. Deshalb bemüht euch ständig um die Bewahrung der Gemeinschaft unter euch. Werdet nicht müde, sie durch den offenen und brüderlichen Dialog aufzubauen, und meidet heimliche Projekte wie die Pest, bitte! Seid eifrig bereit, den ersten Schritt aufeinander zu zu machen. Kommt dem anderen bereitwillig darin zuvor, seine Gründe zu verstehen. Lasst euch von den Gaben des Nächsten bereichern und baut so an einer Kirche, die diesem Land ein beredtes Zeugnis davon gibt, welche Fortschritte erzielt werden können, wenn man willens ist, nicht in der Hand einiger weniger zu bleiben. Die Rolle der Kirchenprovinzen ist für diese Botschaft der Evangelisierung grundlegend, denn sie sind wie verschiedene zusammenklingende Stimmen der Verkündigung. Deshalb gebt euch nicht mit einem mittelmäßigen minimalen Kompromiss zufrieden, der die Resignierten in der ungestörten Ruhe ihrer Ohnmacht belässt und der zugleich die Hoffnungen jener bändigt, die den Mut bräuchten, mehr auf die Kraft Gottes als auf die eigenen Schwächen zu bauen.

Habt besonders acht auf die afro-kolumbianische Wurzel eurer Bevölkerung, die so großzügig das Gesicht dieses Landes mitgeprägt hat.

Das Fleisch des Leibes Christ berühren

Ich lade euch ein, ohne Angst das verwundete Fleisch eurer Geschichte und der eures Volkes zu berühren. Tut es in Demut, ohne Geltungssucht und mit ungeteiltem Herzen, frei von Kompromissen und Unterwürfigkeit. Gott allein ist der Herr; wir Bischöfe dürfen keinem anderen Zweck dienen.

Kolumbien braucht euren Blick als Bischöfe, dass ihr es unterstützt, mutig den ersten Schritt auf dem Weg zum endgültigen Frieden zu machen, dass ihr es unterstützt bei der Versöhnung, bei der Ablehnung des Mittels der Gewalt, bei der Überwindung der Ungleichheiten, welche die Wurzel vielen Leidens ist, beim Verzicht auf die Korruption als einfachen Weg, der jedoch eine Sackgasse ist, bei der geduldigen und beharrlichen Festigung der res publica, wofür Armut und Ungleichheit überwunden werden müssen.

Das ist natürlich eine schwierige, aber unumgängliche Aufgabe: Der Weg ist steil und die Lösungen nicht einfach. Von der Höhe Gottes aus, die das Kreuz seines Sohnes ist, werdet ihr Kraft erhalten; mit dem demütigen Leuchten der Augen des Auferstandenen werdet ihr den Weg gehen; ihr könnt die Stimme des Bräutigams in euern Herzen vernehmen und so den Maßstab für den richtigen Weg in jeder Unsicherheit finden.

Einer eurer berühmten Dichter schrieb bezüglich einer seiner legendären Gestalten: »Ich dachte nicht, dass es einfacher sei, einen Krieg zu beginnen als ihn zu beenden« (Gabriel García Márquez, Hundert Jahre Einsamkeit, Kapitel 9). Wir wissen alle, dass der Frieden von den Menschen eine spezielle Art von sittlichem Mut verlangt. Der Krieg kommt aus den niedrigsten Beweggründen des menschlichen Herzens; der Frieden dagegen treibt uns an, über uns selbst hinauszuwachsen. Dann meint der Dichter: »Ich dachte nicht, dass es so vieler Worte bedürfe, um zu beschreiben, was man im Krieg fühlt. Eigentlich braucht es nur ein Wort: Angst« (ebd., Kapitel 15). Ich muss euch nicht von dieser Angst erzählen. Sie ist die vergiftete Wurzel, die bittere Frucht und das unheilvolle Erbe jedes Konfliktes. Ich will euch ermutigen, daran zu glauben, dass man anders handeln kann, und erinnere euch, dass ihr nicht einen Geist empfangen habt, der euch zu Knechten macht, sodass ihr wieder Furcht haben müsst; der Geist selber bezeugt, dass ihr Söhne seid, die zur Freiheit und Verherrlichung berufen sind (vgl. Röm 8,15-16).

Ihr seht mit euren Augen die Entstellung des Antlitzes dieses Landes und kennt sie wie wenige; ihr seid Hüter der grundlegenden Elemente, die es eins machen trotz aller Risse. Genau deswegen braucht euch Kolumbien, um sich in seinem wahren Gesicht wieder zu erkennen, das voll Hoffnung ist trotz seiner Unvollkommenheiten; um einander zu vergeben trotz der noch nicht ganz vernarbten Wunden; um daran zu glauben, dass man einen anderen Weg einschlagen kann, auch wenn die Trägheit einen dazu treibt, die gleichen Fehler wieder zu machen; um den Mut zu haben, das zu überwinden, was es trotz seiner Schätze elend machen kann.

Ich bekenne, dass ich es wie einen inneren Drang empfinde, der in mir aufsteigt, um euch eine Ermutigung zu geben; so als ob ich gehalten sei, euch zu sagen: Habt Mut! Ich fühle dieses Müssen; ich muss euch mein Verlangen mitteilen, euch Mut zu geben. So ermutige ich euch, nicht müde zu werden, jede eurer Kirchen zu einem Schoß des Lichts zu machen, der fähig ist, selbst unter Armut die neuen Geschöpfe hervorzubringen, die dieses Land braucht. Kehrt bei der Demut eurer Leute ein, um euch ihrer verborgenen menschlichen wie glaubensmäßigen Ressourcen bewusst zu werden Hört, wie sehr ihre entblößte Menschheit nach der Würde, die nur der Auferstandene geben kann, schreit. Habt keine Angst, bei der Suche nach der wahren Verherrlichung Gottes, die der lebende Mensch ist, von euren scheinbaren Sicherheiten aufzubrechen. Nur Mut! Ich ermutige euch zu diesem Weg.

Das Wort der Versöhnung

Viele können ihren Beitrag zu den Herausforderungen dieser Nation leisten, doch ihr habt eine besondere Sendung. Ihr seid weder Fachleute noch Politiker, ihr seid Hirten. Christus ist das Wort der Versöhnung, das in unsere Herzen eingeschrieben ist. Ihr habt die Kraft, es nicht nur von den Kanzeln, in kirchlichen Dokumenten oder in Zeitschriftenartikeln verkünden zu können, sondern noch mehr in den Herzen der Menschen, im verborgenen Heiligtum ihrer Gewissen, in der glühenden Hoffnung, dass es sie dazu führt, die Stimme des Himmels zu hören, die sagt: »Friede […] den Menschen seines Wohlgefallens« (Lk 2,14). Ihr müsst es mit dem zarten, demütigen, aber unbesiegbaren Mittel der Barmherzigkeit Gottes vortragen. Nur sie ist in der Lage, den zynischen Hochmut der selbstbezogenen Herzen niederzureißen.

Die Kirche interessiert nichts anderes als die Freiheit, dieses Wort zu verkünden. Frei sein, um dieses Wort zu verkündigen. Es braucht nicht Bündnisse mit dieser oder jener Seite, sondern die Freiheit, zu den Herzen aller zu sprechen. Eben da habt ihr die Autonomie und die Flügel, unruhig zu machen, da habt ihr die Möglichkeit, eine Kursänderung zu unterstützen.

Vielfach getäuscht, fasst das menschliche Herz den unsinnigen Plan, das Leben zu einem ständigen Vermehren von Platz zu machen, um zu lagern, was es anhäuft. Es ist eine Täuschung. Eben da ist notwendig, dass die Frage ergeht: Was nützt es, die ganze Welt zu gewinnen, wenn in der Seele Leere ist? (vgl. Mt 16,26).

Kolumbien hat Anspruch darauf, von den Lippen der rechtmäßigen Hirten Christi, die ihr seid, die Anfrage der Wahrheit Gottes zu vernehmen, die immerzu wiederholt: »Wo ist […] dein Bruder?« (Gen 4,9). Diese Frage kann nicht verschwiegen werden, nicht einmal dann, wenn der Zuhörer nichts anderes tun kann, als verlegen den Blick zu senken und stotternd die eigene Beschämung darüber auszusprechen, dass er ihn verkauft hat, vielleicht um den Preis mancher Dosis Rauschgift oder manch irriger Vorstellung von Staatsräson, mitunter wegen des unrichtigen Bewusstseins, dass der Zweck die Mittel heiligt.

Ich bitte euch, stets auf den konkreten Menschen zu blicken. Dient nicht einem Begriff vom Menschen, sondern der von Gott geliebten menschlichen Person aus Fleisch und Knochen, die aus Geschichte, Glaube, Hoffnung, Empfindungen, Enttäuschungen, Frustrierungen, Schmerzen, Wunden gebildet ist. Ihr werdet sehen, dass die Konkretheit des Menschen die kühlen Statistiken, die manipulierten Berechnungen, die blinden Strategien, die verdrehten Informationen entlarven wird. Und ihr werdet euch an das Wort erinnern: »Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf« (Gaudium et spes, 22).

Eine Kirche in Mission

Im Hinblick auf die pastorale Arbeit, die ihr voll Einsatz schon ausübt, gestattet mir, einige Sorgen, die ich meinem Herzen eines Hirten trage, darzulegen. Denn ich möchte euch ermuntern, immer mehr eine Kirche in Mission zu sein. Meine Vorgänger haben bereits auf einige dieser Herausforderungen insistiert: Familie, Leben, Jugendliche, Priester, Berufungen, Laien, Ausbildung. Trotz der großen Arbeit wurde es in den letzten Jahrzehnten vielleicht noch mühsamer, Antworten zu geben, um die Mutterschaft der Kirche im Hinblick auf das Hervorbringen, Ernähren und Begleiten ihrer Kinder wirksam werden zu lassen.

Ich denke an die kolumbianischen Familien, an den Schutz des Lebens von Mutterleib bis zu seinem natürlichen Ende, an die in den Familien nicht selten verbreitete Plage der Gewalt und des Alkoholismus, an die Brüchigkeit des Ehebandes und an das Fehlen der Familienväter mit seinen tragischen Folgen von Unsicherheit und Waisenschaft. Ich denke an die vielen jungen Menschen, die von innerer Leere bedroht sind und von der Droge als Ausweg mitgerissen werden, vom oberflächlichen Lebensstil oder von der Versuchung zur Kriminalität. Ich denke an die vielen hochherzigen Priester und an die Herausforderung, sie in ihrer treuen täglichen Entscheidung für Christus und die Kirche zu unterstützen, während einige andere weiter die bequeme Neutralität derer fortführen, die sich für nichts entscheiden, um mit sich allein zu bleiben. Ich denke an die gläubigen Laien in allen Teilkirchen, die mühevoll standhalten und sich von Gott, der Gemeinschaft ist, versammeln lassen, selbst dann, wenn nicht wenige das neue Dogma des Egoismus und des Tods jeder Solidarität verkünden, eines Wortes, das man aus dem Wörterbuch herausnehmen möchte. Ich denke an den ungeheuren Einsatz aller, den Glauben zu vertiefen und ihn als lebendiges Licht für die Herzen erstrahlen zu lassen und als Leuchte, um den ersten Schritt zu tun.

Ich bringe euch keine Rezepte, noch will ich euch eine Aufgabenliste überlassen. Im Grunde möchte ich euch bitten, dass ihr die Gelassenheit bewahrt, während ihr eure schwere Sendung als Hirten in Kolumbien in Gemeinschaft ausübt. Ich weiß nicht, wie ich es euch sagen soll, mir kommt soeben in den Sinn, – wenn ich übertreibe, verzeiht mir – mir kommt in den Sinn, dass eine der Tugenden, die am meisten nötig sind, die ist, die Gelassenheit zu bewahren. Ich sage das nicht, weil ihr sie nicht hättet, sondern weil dies der Augenblick verlangt. Ihr wisst wohl, dass der Böse in der Nacht weiter Unkraut aussät, doch habt die Geduld des Gutsherrn und vertraut auf die gute Qualität eures Samens. Lernt von seiner Langmut und Großmut. Seine Zeiten sind lang, weil sein Blick der Liebe unermesslich ist. Wenn die Liebe gering ist, wird das Herz ungeduldig, es wird von der Unruhe aufgewühlt, etwas tun zu müssen, und von der Angst verschlungen, versagt zu haben. Glaubt vor allem an die Demut des Samens Gottes. Habt Vertrauen in die verborgene Kraft seines Sauerteigs. Richtet das Herz auf den wunderbaren Reiz, der anzieht und alles verkaufen lässt, nur um jenen göttlichen Schatz zu besitzen.

In der Tat, was könnt ihr der kolumbianischen Familie stärkeres anbieten als die demütige Kraft des Evangeliums von der großherzigen Liebe, die Mann und Frau verbindet und sie zum Abbild des Bundes Christi und seiner Kirche macht sowie zu Boten und Hütern des Lebens? Die Familien sollen wissen, dass sie in Christus dicht belaubte Bäume werden können, die fähig sind, Schatten zu spenden, zu jeder Jahreszeit Frucht zu tragen und unter ihren Zweigen das Leben zu beherbergen. Heute gibt es viele, die sich schattenlosen, unfruchtbaren Bäumen verschreiben, deren Zweige ohne Nester sind. Für euch liegt der Ausgangspunkt im frohen Zeugnis, dass das Glück anderswo ist.

Was könnt ihr euren Jugendlichen anbieten? Sie möchten spüren, dass sie geliebt werden, und misstrauen denen, die sie geringschätzen. Sie fragen nach klarer Kohärenz und erwarten sich, dass sie beteiligt werden. Nehmt sie daher mit dem Herzen Christi auf und öffnet ihnen Räume im Leben eurer Kirchen. Nehmt an keinen Verhandlungen teil, die ihre Hoffnungen verkaufen. Habt keine Angst, ruhig die Stimme zu erheben und alle daran zu erinnern, dass eine Gesellschaft, die sich von der Illusion des Rauschgifthandels verführen lässt, dieses moralische Geschwulst, das mit der Hölle handelt und überall Korruption sät, mit sich mitschleppt und zugleich die Steuerparadiese füttert.

Was könnt ihr euren Priestern geben? Die erste Gabe ist das Vatersein, das ihnen versichert, dass die Hand, die sie gemacht hat und gesalbt hat, sich nicht von ihrem Leben zurückgezogen hat. Es ist wahr, wir leben im digitalen Zeitalter, und es ist nicht schwer, unsere Priester in Realzeit mit irgendeinem Nachrichtenprogramm zu erreichen. Aber das Herz eines Vaters, eines Bischofs, kann sich nicht darauf beschränken, mit seinem Presbyterium auf begrenzte, unpersönliche und äußerliche Weise zu kommunizieren. Das Herz eines Bischofs kann nicht die Unruhe, die gesunde Unruhe, darüber, wo seine Priester leben, beiseiteschieben. Leben sie wirklich gemäß dem Herrn Jesus? Oder haben sie sich andere Sicherheiten wie ökonomische Stabilität, moralische Ambiguität, Doppelleben oder kurzsichtiges Karrierestreben zurechtgelegt? Die Priester haben dringenden und lebenswichtigen Bedarf an der physischen und gefühlsmäßigen Nähe ihres Bischofs. Die Priester müssen spüren können, dass sie einen Vater haben.

Auf den Schultern der Priester drückt oft die Mühe der täglichen Arbeit der Kirche. Sie stehen in vorderster Reihe, ständig umgeben von den Menschen, die niedergeschlagen in ihnen das Antlitz des Hirten suchen. Die Menschen treten an sie heran und klopfen an ihr Herz. Sie müssen den Leuten zu essen geben, und die Nahrung Gottes ist nie ein Besitz, über den man ohne weiteres verfügen kann. Sie entsteht vielmehr nur aus der Bedürftigkeit, die mit der Güte Gottes in Berührung tritt. Es ist eine ständige Versuchung, die Menschen wegzuschicken und sich von dem Wenigen zu nähren, was man sich ungerechtfertigterweise aneignen kann (vgl. Lk 9,13).

Wacht daher über die spirituellen Wurzeln eurer Priester. Führt sie ständig nach Cäsarea Philippi, wo sie an den Ursprüngen des Jordans eines jeden wieder die Frage Jesu vernehmen können: „Wer bin ich für dich?“ Und der Grund für eine schrittweise Verschlechterung, die oft zum Tod des Jüngers führt, liegt immer in einem Herzen, das nicht mehr antworten kann: »Du bist der Christus, der Sohn Gottes« (vgl. Mt 16,16). Von daher kommt es, dass der Mut zur unumkehrbaren Selbsthingabe schwindet, von daher kommen auch die innere Orientierungslosigkeit und die Ermattung eines Herzens, das nicht mehr vermag, den Herrn auf seinem Weg nach Jerusalem zu begleiten.

Tragt bitte insbesondere Sorge für den Ausbildungsweg der Priester, schon vom Entstehen des Rufes Gottes in ihren Herzen an. Die kürzlich veröffentlichte neue Ratio fundamentalis institutionis sacerdotalis ist ein wertvolles, noch umzusetzendes Hilfsmittel, damit die Kirche in Kolumbien auf der Höhe der Gabe Gottes sei, der nie aufgehört hat, viele seiner Söhne zum Priestertum zu berufen.

Vernachlässigt bitte nicht die Personen des geweihten Lebens. Sie stellen eine kerygmatische Ohrfeige für jede Form von Weltlichkeit dar. Sie sind gerufen, jeglichen Schwall der weltlichen Werte im Feuer der sine glossa gelebten Seligpreisungen und der völligen Selbsterniedrigung im Dienen zu verbrennen. Bitte betrachtet sie nicht als „nützliche Ressourcen“ für die Apostolatswerke; erkennt in ihnen vielmehr den Ruf der geweihten Liebe der Braut: »Komm, Herr Jesus« (Offb 22,20).

Bringt die gleiche Sorge für die Bildung der Laien auf. Von ihnen hängt nicht nur die Festigkeit der Gemeinden der Gläubigen ab, sondern der Großteil der Präsenz der Kirche in der Welt der Kultur, der Politik und der Wirtschaft. In der Kirche ausbilden bedeutet, in Berührung mit dem lebenspendenden Glauben der lebendigen Gemeinschaft zu treten, sich in einen Schatz von Erfahrungen und Antworten hineinzubegeben, die vom Heiligen Geist hervorgerufen wurden, weil er alles lehrt (vgl. Joh 14,26).

Und bevor ich schließe – ich bin schon etwas lang geworden –, möchte ich eine Überlegung den Herausforderungen der Kirche in Amazonien widmen. Ihr seid zurecht auf diese Region stolz, denn sie ist ein wesentlicher Bestandteil der Biodiversität dieses Landes. Amazonien ist für uns alle eine entscheidende Prüfung zur Feststellung, ob unsere fast immer auf den Materialismus und Pragmatismus beschränkte Gesellschaft in der Lage ist, das zu bewahren, was sie unentgeltlich empfangen hat, damit sie es nicht ausbeutet, sondern fruchtbar macht. Ich denke vor allem an die arkane Weisheit der indigenen Völker Amazoniens, und ich frage mich, ob wir noch fähig sind, von ihnen die Unantastbarkeit des Lebens und die Achtung der Natur zu lernen sowie das Bewusstsein, dass die instrumentelle Vernunft nicht genügt, um das Leben des Menschen zu erfüllen und auf die tiefe Suche, die ihn anfragt, zu antworten.

Deshalb fordere ich euch auf, die Kirche in Amazonien nicht sich selbst zu überlassen. Die Stärkung eines amazonischen Antlitzes der hier pilgernden Kirche ist eine Herausforderung für euch alle. Sie hängt von der zunehmenden und bewussten missionarischen Unterstützung durch alle kolombianischen Diözesen und deren gesamten Klerus ab. Ich habe gehört, dass in einigen einheimischen Sprachen Amazioniens, wenn man sich auf das Wort „Freund“ bezieht, der Ausdruck „mein anderer Arm“ verwendet wird. Seid daher der andere Arm Amazoniens. Kolumbien kann ihn nicht amputieren, ohne in seinem Gesicht und in seiner Seele verstümmelt zu werden.

Liebe Brüder,

ich lade euch ein, dass wir uns im Geiste an Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz von Chiquinquirá wenden. Ihr hattet die Freundlichkeit, ihr Bild vom Heiligtum in die herrliche Kathedrale dieser Stadt bringen zu lassen, damit auch ich es betrachten kann.

Wie ihr wohl wisst, kann Kolumbien sich nicht selbst die Erneuerung geben, nach es strebt, wenn sie nicht von oben geschenkt wird. Erflehen wir sie daher vom Herrn durch die Jungfrau Maria.

So wie in Chiquinquirá Gott den Glanz des Antlitzes seiner Mutter erneuert hat, möge er mit seinem himmlischen Licht das Gesicht des ganzen Landes weiter erleuchten. Gott segne die Kirche in Kolumbien und begleite sie in seiner Güte. Er segne euch alle, und ich bin euch verbunden für alles, was ihr tut. Danke.

(rv 07.09.2017 gs)

07/09/2017 18:00