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Sudan: Christsein ist „eine kompromisslose Entscheidung“

Messe in Khartoum beim Besuch des Erzbischofs von Canterbury, Justin Welby, im Juli - AFP

16/08/2017 10:08

Christen sind im Sudan eine verschwindend kleine Minderheit. Die Organisation Open Doors, die sich gegen Christenverfolgung engagiert, setzt den Sudan auf den fünften Platz unter den Ländern, in denen Christen am schlimmsten verfolgt werden. Seit der Abspaltung des Südsudans im Jahr 2013 ist der Norden hauptsächlich muslimisch, während die meisten Christen nun im Südsudan leben. Macram Max Gassis war bis 2013 Bischof der Diözese El Obeid. Inzwischen gilt er im Sudan als „Feind des Regimes“, weil er, auch international, über die Probleme in seiner Heimat sprach. Besonders liegen ihm die Menschen in den Nuba-Bergen am Herzen:

„Die Nuba-Berge sind in meinem Herzen, sie beschäftigen mein ganzes Sein, denn ich weiß, sie leiden, sie leiden auch jetzt, während ich mit Ihnen spreche. Sie werden fast täglich bombardiert, sie stehen unter Artilleriebeschuss, sie werden in ihrem Land eingeschlossen ohne Zugang zu Medizin, Impfungen, Bildung, Kleidung, was  auch immer nötig ist, um in Würde zu leben. Ich denke, der Heilige Vater sollte das Leid der Menschen in den Nuba-Bergen erwähnen, wenn er den Südsudan besucht. Ja, wir warten auf seinen Besuch. Wir wünschen uns seinen Besuch.“

Die katholische Hilfsorganisation „Kirche in Not“ engagiert sich seit mehr als 40 Jahren für Hilfsprojekte im Sudan. Einige Schulen und Quellen wurden mit Geldern der Organisation bereits in den Nuba-Bergen gebaut, außerdem das einzige Krankenhaus in der Region. Auf Einladung von „Kirche in Not“ reist Gassis vom 12. bis 20. August durch die Schweiz, feiert Gottesdienste und will vor allem eins: Aufmerksamkeit auf die Situation im Sudan lenken, die viel zu oft vergessen werde. Er hofft auch, so Unterstützung für seine weitere Arbeit in den Nuba-Bergen zu gewinnen.

Sich im Sudan für das Christsein zu entscheiden, heißt, kompromisslos auch das Leid annehmen zu müssen, das damit verbunden ist, erklärt der emeritierte Bischof. Ihre Stärke fänden die Christen im Glauben,

„Aber das heißt nicht, dass diese unsere Mutter, bekannt als die Universalkirche, nicht auf unsere Schreie hören soll, auf die Tränen so vieler Mütter, die ihre Kinder verloren haben, so vieler Jungen und Mädchen, die als Sklaven gehalten oder vergewaltigt werden, so vieler Väter, die keine Arbeit finden, um ihre Familien zu versorgen, weil sie Christen sind. Ja, wir leiden. Aber wir sind sicher, dass nach jeder Kreuzigung die Auferstehung folgt. Und wir hoffen, dass die universelle Kirche uns in diesem entscheidenden Moment unserer Geschichte in Solidarität beistehen wird.“

Unter diesen Umständen ist auch die Arbeit der Bischöfe, Priester und Missionare von Gefahr und Schwierigkeiten geprägt. Der emeritierte Bischof berichtet, dass ausländische Missionare  sich nicht frei bewegen können: Obwohl sie mit gültigen Visa einreisen, brauchen sie für jeden Ortswechsel eine Erlaubnis der ‚Sicherheitsbehörden. Wenn die Missionare ausreisen, bekommen sie kein Visum mehr, um wieder einzureisen. Zudem wurde in den vergangenen Monaten eine Zahl von Kirchengebäuden dem Erdboden gleichgemacht. Baugenehmigungen für neue Gotteshäusergibt es nicht:

„Man gibt uns kein Land, um mehr Kirchen oder Kapellen zu bauen. Warum? Die Christen haben genauso wie die Muslime das Recht, einen Gebetsort zu haben. Nein, erst müssen sie bei den Sicherheitskräften darum kämpfen, beim Ministerium für religiöse Angelegenheiten. Übrigens, ich nenne das eher das „Ministerium für islamische Angelegenheiten“. Denn vom Türsteher bis hin zum Minister sind dort nur Muslime. Wo sind die Christen in diesem sogenannten Ministerium für religiöse Angelegenheiten? Alle diese Arten der Unterdrückung – manchmal ganz offen, manchmal versteckt – sind unser täglich Brot, mit dem wir im Nordsudan zu tun haben. So etwas gibt es im Südsudan nicht. Dort kann die Kirche die Gläubigen frei verwalten, sich zu bewegen, wo immer sie möchten. Sie werden von den Menschen und von den lokalen Autoritäten stark respektiert.“

Solidarität aus dem Südsudan für das Leid der Christen im Sudan vermisst Bischof Gassis. Er habe an den südsudanesischen Präsidenten Salva Kiir und an dessen Gegner Riek Machar geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten. Doch auch im Südsudan stehen die Dinge nicht zum besten: Gassis prangert die Korruption in dem jungen Staat an, wo sich nach seiner Aussage einige Mächtige – auch innerhalb der Kirche - auf Kosten der Armen bereicherten. Darauf habe auch der Papst bereits hingewiesen. Die Identität, die das südsudanesische Volk durch die Unabhängigkeit gefunden habe, sieht Gassis heute wieder schwinden.

„Ich fürchte, wir verlieren diese Identität- Wir bekämpfen einander. Wir töten einander. So wie Kain seinen Bruder Abel getötet hat. Das ist das Problem. Jetzt ist es nicht mehr eine Frage der Nation. Heute geht es um einen Staat, der durch Stammessysteme definiert wird. Darauf kann man keinen Staat aufbauen. Warum können wir nicht eine Gemeinschaft in Vielfalt akzeptieren? Das ist heute die Situation im Südsudan: Wir bekämpfen einander wir Piranhas, Bruder tötet Bruder, Kain tötet Abel. Warum? Wegen verschiedener Identitäten und verschiedener Stämme?“

Macram Max Gassis sieht sich als Sprachrohr des Sudans für die Welt. In seine ehemalige Diözese kann er nicht zurückkehren; seit er öffentlich die Verbrechen an die Menschen in den Nuba-Bergen anprangerte, ist es für ihn dort nicht mehr sicher. Stattdessen will er weiter in den Kriegsgebieten arbeiten und die Botschaft vom Leid im Sudan international verbreiten. Dafür wünscht er sich auch einen Besuch von Papst Franziskus, über den in diesem Jahr spekuliert wurde. Obwohl der Besuch Johannes Paul II. im Jahr 1993 seiner Meinung nach nicht die erhoffte Wirkung hatte: Der Papst habe damals Vorschläge für einen „modus vivendi“ mit dem System gemacht. Nicht einer davon sei beachtet worden.

„Als ich mit dem Heiligen Vater darüber gesprochen habe, sagte er zu mir: Ich wurde hereingelegt. Ja, wenn sie den Heiligen Vater betrügen, betrügen sie jeden. Sie waren nicht in der Lage, irgendeine Art von Vereinbarung zu respektieren, weder national noch international. Das ist eine unserer Schwierigkeiten. Wenn der Heilige Vater den Südsuda6n besucht, würde er den Leuten sicher wie ein Vater sagen, wie sie sich benehmen müssen, um jeden, ohne Unterscheidung zwischen arm und reich, zwischen Minister und Untergebenem, einzubringen. Das ist das erste. Zweitens hoffe ich, dass die Präsenz des Heiligen Vaters im Südsudan ein Trost wäre.“

(rv 14.08.2017 jm)

16/08/2017 10:08