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Christen im Nahen Osten: „Statistiken sind schwierig“

Christen im Nahen Osten sind eine Minderheit, die unter Druck steht. Hier: Gläubige in der Anglican Church St. Paul in Amman, Jordanien - AP

13/08/2017 09:04

Die aktuelle Situation der Christen im Nahen Osten hat der neueste Report von CNEWA, einer christlichen Wohlfahrtsorganisation in der Region, mithilfe der Auswertung zahlreicher Quellen abgelichtet. Die Zahlen zeigen: Die christliche Minderheit steht unter großem Druck. Doch zu Vorsicht mit derartigen Statistiken rät der Nahost-Experte Ulrich Sahm. Er war dreißig Jahre lang als Korrespondent für die Katholische Nachrichten-Agentur in Jerusalem tätig und lebt heute noch dort. Wir haben ihn darum gebeten, uns mit Blick auf das Heilige Land die Zahlen des Reports ein wenig besser aufzuschlüsseln.

RV: Im CNEWA-Report, der die Situation der Christen im Nahen Osten in der ersten Jahreshälfte 2017 ablichten will, heißt es, dass die einheimische christliche Bevölkerung in Israel von fast 20 Prozent im Jahr 1948, also der Geburtsstunde Israels, auf 2,4 Prozent aktuell gesunken ist. Was ist daran problematisch?

Sahm: „Man muss sich bei den Statistiken die absoluten Zahlen anschauen. Wenn man Palästina sagt, oder „Geburtsstunde Israels“, da ist dann Palästina gemeint, also sind das alle palästinensischen Gebiete des britischen Mandats. Das heißt, da wird nicht so genau auf die Grenzen geschaut und gemäß meinen Angaben vom Statistischen Amt lag die Zahl der Christen auch bei der Gründung des Staates Israel in Israel selbst – ich denke an Haifa, Nazareth und andere große Städte mit christlicher Bevölkerung – bei ungefähr zwei Prozent. Das ist heute genauso, obgleich sich die Bevölkerung Israels nicht nur durch natürliche Vermehrung, sondern auch durch Einwanderung gewaltig vermehrt hat. Dabei hat sich die christliche Gemeinschaft vor allem durch eine relativ geringe natürliche Vermehrung vergrößert. Während die Juden ähnliche Geburtenzahlen haben, vermehren sich zum Beispiel die Muslime in Israel sehr viel schneller. Es ist wirklich atemberaubend, sich da die genauen Zahlen anzuschauen.“

RV: Also sinkt der christliche Bevölkerungsanteil eigentlich nicht, sondern steigt sogar leicht?

Sahm: „Das Relevante ist: wie viele Christen gibt es? Ich kann da ein herrliches Beispiel nennen. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, dass in Deutschland der Anteil der türkischen Gastarbeiter 1990 bei der Wiedervereinigung drastisch gesunken ist, weil plötzlich 16 Millionen neue Deutsche zur Bundesrepublik hinzukamen, während keine einziger Türke das Land verlassen hat? Deshalb meine ich, die Anteile der Bevölkerung anzusehen, ist eine sehr fragliche Form, über Zahlen zu reden.“

RV: Ein eigenes Kapitel sind ja die Christen, die aus anderen Ländern nach Israel eingewandert sind. Wie sieht es denn da aus?

Sahm: „Da gibt es zwei Kategorien. Es gab in den 90er Jahren eine gewaltige Einwanderung von Juden aus Russland. Da war dann ein Jude, der durfte einwandern, weil er durch sein Jüdischsein nachgewiesenermaßen dazu berechtigt war. Der durfte dann aber auch alle seine Anverwandten ersten Grades – Eltern, Ehepartner, Kinder – mitbringen, auch, wenn sie nicht jüdisch waren. In der aktuellen Statistik gibt es nun 300.000 Menschen, das sind genau diese Russen, die als „Andere“ verzeichnet werden, also als religionslos. Unter denen waren aber viele russisch-orthodoxe Christen. Bei der christlichen Bevölkerung, die offiziell registriert ist, gab es genau in den Jahren Sprünge von über 10.000 zusätzlichen Christen.

Dann gibt es noch eine Kategorie von Menschen – ich weiß nicht genau, wie viele, denn das ist nie genau erfasst worden, aber nach Schätzungen könnte es hier um 200.000 Menschen gehen – die als Gastarbeiter oder aus Afrika illegal eingewanderte Flüchtlinge kamen; Nigerianer und andere. Viele von denen sind Christen, zum Beispiel die Philippinos, die zu Tausenden hier in Israel alte Menschen pflegen. Die füllen in Tel Aviv die Kirchen, sind aber in keiner Statistik erfasst, weil sie keine israelischen Bürger sind.“

RV: Wie stellt sich denn die Situation für Christen in Israel insgesamt dar?

Sahm: „Die Christen werden respektiert und geschätzt, sie sind unverhältnismäßig gut gebildet; man sieht das an den Studenten in der Universität, am Anteil der Professoren. Wenn ich in die Apotheke gehe, werde ich fast nur von christlichen jungen arabischen Frauen bedient, weil die alle Pharmazeutik und ähnliches studieren und bestens informiert sind. Ohne dazu Statistiken geprüft zu haben, ist bekannt, dass es überdurchschnittlich viele Christen unter israelischen Richtern gibt, darunter auch beim Obersten Gericht. Es waren hochrangige arabisch-christliche Richter, die mit ihren Urteilen den ehemaligen Staatspräsidenten Mosche Katzav wegen Sexualvergehen und den ehemaligen Ministerpräsidenten Ehud Olmert wegen Korruption ins Gefängnis geschickt haben. Niemand wäre in Israel auf die Idee gekommen, diesen arabischen Richtern Rassismus oder gar Antisemitismus vorzuwerfen.

Auch die Pfarrer, Priester und Popen, also die Geistlichen der verschiedenen christlichen Konfessionen, haben die gleichen Vollmachten wie die Rabbiner oder Imame, nämlich als Standesbeamte. Das heißt, die Christen können völlig autonom ihre standesamtlichen Angelegenheiten verwalten wie Taufen, Geburten, Registrieren der Menschen, Begräbnisse und Hochzeiten, ohne dass der Staat Israel sich da einmischt.“

RV: Wieso ist es überhaupt so schwierig und streitbar, sich an Statistiken über die Christen insbesondere im Heiligen Land zu wagen?

Sahm: „Zum einen gibt es erhebliche Vorbehalte gegen den israelischen Staat. Sie wissen, dass es da Widerstände gibt; es wird diskutiert, ob dieser Staat eine Legitimität hat. Der Vatikan selbst hat den Staat erst 1994 diplomatisch anerkannt, wegen theologischer Vorbehalte. Es gibt Leute, die fragen sich, ob Juden überhaupt einen eigenen Staat haben dürfen. Da werden dann die Christen als Spielball benutzt und instrumentalisiert: Wenn man etwas gegen den Staat Israel hat, dann ist man halt für die Christen und die Christen werden dann immer nur als „arabische Christen“, Palästinenser betrachtet, was gar nicht stimmt, wenn man genau hinsieht. Die politische Zuneigung zu den Palästinensern und speziell zu palästinensischen Christen führt dazu, dass Christenverfolgungen, Vertreibung oder Kirchenschändungen in den palästinensischen Gebieten verschwiegen werden.

Dennoch kommt es natürlich auch in israelischen Gebieten zu hässlichen Vorfällen. Doch in diesen Fällen geht die Polizei sehr scharf gegen die Täter vor. Die Spitzenpolitiker verurteilen öffentlich diese Verbrechen. Nach der Brandschatzung im Tabgha-Kloster hat der Staat Israel nicht nur über 300.000 Euro für die Reparaturarbeiten gespendet. Der Staatspräsident persönlich hat den Scheck an Vertreter der katholischen Kirche übergeben.“ 

RV: Kann man denn überhaupt etwas zur Lage der Christen im Nahen Osten als Ganzes sagen, oder sind deren Situationen so verschieden, dass das schwierig ist?

Sahm: „Der Nahe Osten geht ja von Algerien über Jemen, Ägypten, Syrien, bis Irak, Afghanistan. Diese ganze Region steht in Flammen und die meistverfolgten Menschen in dieser Region sind heute Christen. Als Minderheit leiden sie fürchterlich, sind verfolgt, sind Flüchtlinge, werden umgebracht. Da kann man nichts über einen Kamm scheren. Es gibt unterschiedliche Probleme in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Traditionen. Die Kopten in Ägypten sind eine der ältesten christlichen Gemeinschaften überhaupt auf der Welt. Und da hat es in den letzten Jahren Anschläge auf über 70 Kirchen, unter anderem auf die ganz großen Kathedralen gegeben, unmittelbar, bevor der Papst nach Ägypten kam. Da hat es dann mal Schlagzeilen gemacht, aber sonst redet niemand darüber, dass die Kopten eine verfolge Minderheit sind, die sich irgendwie behaupten und überleben müssen. Im Libanon gab es christliche Parteien – die sogenannten Phalange – die im Bürgerkrieg als Partei beteiligt waren. Heute in Syrien redet kaum jemand mehr über die Christen, die werden dort teilweise wirklich ausgerottet. Die meisten Christen haben Syrien inzwischen verlassen oder sind umgebracht worden oder in den Irak oder nach Jordanien geflohen. Alles ist dort in Bewegung und man muss einfach mal laut sagen: Das einzige Land, in dem es den Christen einigermaßen gut geht, wo sie nicht verfolgt werden und sich stetig vermehren, das ist heute Israel.“

RV: Würden Sie einen Zusammenhang zwischen dem Schicksal der Juden und der Christen im Nahen Osten herstellen?

Sahm: „Es gibt einen Zusammenhang. Es gab vor hunderten von Jahren zwei große, bedeutende Minderheiten in dieser islamischen Welt: Die Samstagsmenschen – also die Juden – und die Sonntagsmenschen – also die Christen. Die Juden wurden seit 1947 systematisch aus allen arabischen Ländern vertrieben. Wenn ich daran denke, dass das Christentum durch den Saulus, der zum Paulus wurde, in Damaskus gegründet worden ist und es große jüdische und auch christliche Gemeinden in Syrien, Ägypten gab. In Ägypten gibt es heute noch zehn jüdische Frauen, das ist alles, was von einer Gemeinschaft von tausenden Juden übrig geblieben ist. Algerien, Libyen: kein einziger Jude mehr.

Eine der ältesten jüdischen Gemeinden in der Welt waren die Jemeniten, die sich darauf berufen, unter König Salomon in den Jemen gekommen zu sein und noch Gesänge aus der Zeit des ersten Tempels bewahrt zu haben. Es gibt heute nur noch 100 Juden im Jemen. Das ist genau das gleiche Schicksal, das christliche Dörfer und Gemeinschaften erfahren, zum Beispiel in Syrien, wo es Dörfer gibt , in denen man bis heute noch Aramäisch spricht. Das ist die Umgangssprache, die Jesus gesprochen hat. Uralte Traditionen werden dort zerstört und vernichtet. Das galt erst für die Juden und jetzt für die Christen, denn die sind die beiden wichtigen Minderheiten in dieser Region und von denen bleibt kaum noch etwas übrig.“

Durch Klicken auf das Lautsprechersymbol können Sie das Gespräch nachhören

(rv 13.08.2017 cs)

13/08/2017 09:04