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Generalaudienz: Jesus will unsere Befreiung

Papst Franziskus begrüßt die Teilnehmer an der Generalaudienz - ANSA

09/08/2017 11:08

Für ein paar Stunden war es an diesem Mittwoch so, als wäre das Heilige Jahr der Barmherzigkeit nie zu Ende gegangen: Papst Franziskus sprach bei seiner Generalaudienz im Vatikan über die Barmherzigkeit Jesu, sein Zugehen auf die Sünder, seine offenen Arme für die Schwachen.

In der klimatisierten Audienzhalle des Vatikans sprach der Papst über einen Auszug aus dem siebten Kapitel des Lukas-Evangeliums, in dem Jesus bei einem Essen im Haus eines Pharisäers einer Frau ihre Sünden vergibt.

„Wir haben die Reaktionen der Tischgenossen von Simon, dem Pharisäer, gehört: Wer ist jener, dass er anderen die Sünden vergibt? Jesus tut da etwas Skandalöses. Eine Frau aus der Stadt, die für ihren zweifelhaften Lebenswandel bekannt war, war in das Haus des Simon gelangt, hatte sich zu den Füßen Jesu heruntergebeugt und ihm kostbares Öl über die Füße gegossen. Alle murmelten an diesem Tisch: Wenn Jesus wirklich ein Prophet wäre, dann dürfte er solche Gesten von so einer Frau eigentlich nicht hinnehmen. Verachtung. Diese Frauen, diese armen, waren nur dazu gut, dass man heimlich zu ihnen ging – auch die Anführer! – oder um gesteinigt zu werden.“

Jesus predigt nicht, dass man das Leiden heroisch erdulden sollte

Nach der Mentalität der Zeit musste es „eine klare Trennung zwischen dem Heiligen und dem Sünder, dem Reinen und dem Unreinen geben“, erklärte der Papst. „Aber die Haltung Jesu ist anders. Von Beginn seines Dienstes in Galiläa an geht er auf die Leprakranken, die Besessenen, alle Kranken und an den Rand Gedrängten zu. So ein Benehmen war überhaupt nicht üblich – diese Sympathie Jesu für die Ausgeschlossenen, die Unberührbaren, gehörte zu den Dingen, die für seine Zeitgenossen am verstörendsten waren. Da, wo ein Mensch leidet, kümmert sich Jesus um ihn, und dieses Leiden macht er zu seinem eigenen. Jesus predigt nicht, dass man das Leiden heroisch erdulden sollte, wie die stoischen Philosophen das taten. Jesus teilt den menschlichen Schmerz, und immer wenn er auf ihn trifft, kommt aus seinem Innern diese Haltung durch, die das Christentum charakterisiert: die Barmherzigkeit.“

Im Angesicht des menschlichen Leidens fühle Jesus Barmherzigkeit, so Papst Franziskus: „Das Herz Jesu ist barmherzig. Jesus fühlt Mitleid. Wie oft lesen wir davon in den Evangelien! … Er öffnet die Arme weit für die Sünder. Wie viele Menschen harren auch heute in einem verfehlten Leben aus, weil sie niemanden haben, der sie ansieht – und zwar auf eine andere Art und Weise ansieht, mit den Augen, genauer mit dem Herzen Gottes, der mit Hoffnung auf sie blickt! Jesus dagegen sieht eine Möglichkeit zur Auferstehung auch bei dem, der so viele falsche Entscheidungen hinter sich hat. Jesus ist immer da, mit offenem Herzen; er öffnet weit seine Barmherzigkeit, die er im Herzen hat; er vergibt, umarmt, versteht, nähert sich... So ist Jesus!“

Traurig, wenn so viele Katholiken sich perfekt fühlen

Aber die Barmherzigkeit Jesu sei nichts „Billiges“, das ihn gar nicht so viel koste – er habe für diese Haltung am Kreuz einen hohen Preis bezahlt, als er die Sünden der Menschen insgesamt auf sich genommen habe. „Nach Angaben der Evangelien trifft Jesus auf die ersten negativen Reaktionen, als er einem Mann die Sünden vergibt. Das war ein Mann, der zweifach litt: weil er nicht gehen konnte und weil er sich innerlich falsch fühlte. Und Jesus versteht, dass dieser zweite Schmerz schlimmer ist als der erste, und sagt ihm deshalb: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Er befreit den Mann von diesem Gefühl, diesem Druck, verkehrt zu sein. Das ist der Moment, in dem einige Schriftgelehrte sich über die Worte Jesu aufregen. Menschen, die sich perfekt fühlen... Ich denke da auch an so viele Katholiken, die sich für perfekt halten und die anderen verachten... Das ist traurig.“

Vielleicht seien wir Christen allzu sehr daran gewöhnt, dass uns die Sünden vergeben würden, überlegte Franziskus. Vielleicht komme uns das zu automatisch, zu billig vor. „Wir sollten uns hin und wieder mal daran erinnern, wieviel Gott sich seine Liebe zu uns hat kosten lassen! Jeder von uns hat viel gekostet – das Leben Jesu! Jesus hätte schon für einen einzigen von uns sein Leben gegeben! Jesus endet nicht am Kreuz, weil er die Kranken geheilt, weil er die Liebe gepredigt, weil er die Seligpreisungen proklamiert hat. Der Sohn Gottes wird vor allem deshalb gekreuzigt, weil er vergibt: Er vergibt die Sünden, weil er die völlige, definitive Befreiung des menschlichen Herzens will.“

Nicht nur psychologische Erleichterung, sondern Befreiung

Das sei nicht nur „eine psychologische Erleichterung“ für uns, sondern eine richtiggehende Befreiung. Jesus verschaffe uns nicht weniger als „die Hoffnung auf ein neues Leben“. „Aber Herr, ich bin ein Dreckskerl... – Sieh nach vorne, und ich schaffe dir ein neues Herz! – Das ist die Hoffnung, die Jesus uns gibt. Ein Leben im Zeichen der Liebe. Matthäus, der Zöllner, wird Apostel Christi: Matthäus, ein Vaterlandsverräter, ein Ausbeuter. Oder Zachäus, der korrupte Reiche: Der hatte doch bestimmt einen Studienabschluss in Korruption, oder? Zachäus, der korrupte Reiche von Jericho, wird zu einem Wohltäter der Armen... So ändert Jesus das Herz; so handelt er an jedem von uns.“

Es tue uns sicher gut, einmal darüber nachzudenken, „dass Gott keine Menschen, die nie einen Fehler machten, zum Aufbau seiner Kirche ausgesucht hat“, so der Papst. „Die Kirche ist ein Volk von Sündern, die die Barmherzigkeit und das Vergeben Gottes erfahren. Petrus hat mehr über sich selbst gelernt, als der Hahn krähte, als in den Momenten, wo er sich aufplusterte und besser als andere vorkam. Liebe Brüder und Schwestern, wir alle sind arme Sünder und brauchen die göttliche Barmherzigkeit, die die Kraft hat, uns zu verwandeln und uns neue Hoffnung zu geben, und das täglich.“

(rv 09.08.2017 sk)

09/08/2017 11:08