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Indien: Dalitpräsident keine Garantie für Religionsfreiheit

Der neue Präsident Indiens stammt aus der untersten Kaste der Dalit - AFP

24/07/2017 11:30

In Indien ist mit Ram Nath Kovind ein „Unberührbarer" aus der Kaste der Dalit zum Präsidenten gewählt worden. Beobachter  bewerten diese Tatsache sehr unterschiedlich. Die Einen sehen darin einen wichtigen Schritt nach vorne, weg von dem unüberwindlich erscheinenden Kastensystem, das tief in der indischen Gesellschaft verwurzelt ist. Doch es gibt angesichts des Hindunationalismus, den die Partei des neuen Präsidenten (und des mächtigen Premierministers Modi) vertritt, auch warnende Stimmen. Johannes Seibel ist der Sprecher des katholischen Hilfswerkes Missio in Aachen und ausgewiesener Kenner des Landes, das zu den bevölkerungsreichsten der Erde zählt. Wir haben ihn um seine Einschätzung der Situation gebeten.

RV: Indiens neuer Präsident Ram Nath Kovind ist ein Dalit, also letztlich ein Kastenloser, einer, der aus dem hinduistischen Kastensystem unten herausfällt. Auch seine Konkurrentin um das Präsidentenamt entstammt dieser Schicht, zwei Dalits traten um das Amt an. Ist das rein politisches Kalkül, dass der neue Präsident Indiens Dalit sein sollte, oder zeigt es letztlich auch, dass sich das Kastenwesen in Indien langsam aufweicht?

Seibel: Aus meiner Sicht ist das rein politisches Kalkül. Die Dalits stellen etwa 16 Prozent aller Wähler in Indien, 2019 sind Parlamentswahlen und deshalb haben die Parteien jetzt Dalit-Kandidaten aufgestellt. 16 Prozent ist schon eine wichtige Wählerklientel, die kann man nicht vernachlässigen. Der jetzige Ministerpräsident Modi versucht alles, bei den nächsten Wahlen die Mehrheit der Regierungspartei weiter auszubauen, und da sind die Dalits eben ein wichtiger Baustein. 

RV: Wie ist de facto heute die Lebenssituation der Dalit in Indien, auf dem Land und in der Stadt?

Seibel: Das Kastensystem ist auf dem Land noch wesentlich stärker ausgeprägt als in der Stadt, die Dalits sind auf dem Land bekannt, sie sind meist landlose Arbeiter und Kleinstbauern, die ausgebeutet werden, während in der Stadt aufgrund der Anonymität oft nicht bekannt ist, wer Dalit ist oder nicht, und hier ist der Aufstieg einfacher. Was die Situation der Dalit allgemein betrifft, so ist deren Diskriminierung zwar durch die Verfassung verboten, de facto findet sie aber immer statt. Insbesondere die Situation für christliche Dalit ist schwierig. Da könnte man darauf hinweisen, dass die Indische Bischofskonferenz für den kommenden 10. August zu einem so genannten Black Day aufgerufen hat, um an die Diskriminierung von Christen und Dalits zu erinnern. Da geht es darum, dass die Dalits bestimmte staatliche Vergünstigungen oder auch Quoten für Plätze bei Behörden oder Universitäten bekommen, aber diese Quoten gelten nur für Dalits, die Hindus, Buddhisten oder Sikhs sind. Christlichen oder muslimischen Dalits sind diese Vergünstigungen bis heute vorenthalten. Das ist so ein Beispiel für strukturelle Diskriminierung.

RV: Das Christentum ist für Dalits grundsätzlich attraktiv, weil Jesus für die gleiche Würde aller Getauften steht. Die Kastengrenzen sind in der Kirche aufgehoben - theoretisch. Wie sieht es in der Praxis in der katholischen Kirche Indiens aus?

Seibel: Es ist in der indischen Kirche nicht sehr einfach. Zunächst einmal ist ja das Kastensystem ein kulturelles Phänomen, das natürlich auch in der Kirche zu beobachten ist. Beispielsweise sind nur elf von rund achtzig Bischöfen Dalits, obwohl über sechzig Prozent der Christen Dalits sind. Es gibt diese Diskriminierung also auch in der Kirche. Die Kirche ist aber jetzt in einem Prozess, diese Probleme zu erkennen, sie offener als früher anzusprechen und auch aufzuarbeiten. Da ist also ein Prozess im Gange. Und wir von Missio zum Beispiel unterstützen ein Projekt der Organisatione National Dalit Christian Watch, diese Organisation will diese täglichen Diskriminierungen von Dalits in der Kirche dokumentieren und auch Verbesserungsvorschläge erarbeiten. Also die Kirche arbeitet jetzt aktiv am Abbau der Diskriminierung von Dalit-Christen in den eigenen Reihen. 

RV: In Indien ist die Religionsfreiheit in den letzten Jahren zunehmend in Schieflage geraten. Es mehren sich Attacken auf Nicht-Hindus, vorrangig Christen und Muslime, die Regierungspartei BJP, der der neue Präsident angehört, steht für den Slogan „Indien den Hindus“, sie ist eine Hindunationalistenpartei. Missio beanstandete bereits, die Frage der Religionsfreiheit werde sich unter dem Dalit-Präsidenten Kovind wohl nicht zum Besseren wenden. Warum?

Seibel: Zunächst ist der Staatspräsident ein Kandidat der BJP, und insofern wäre er nicht zum Kandidaten ernannt worden, wenn er nicht diese hindunationalistische Ideologie unterstützen würden, also dass ein Inder nur sein kann, wer Hindu ist. Und auch in der Vergangenheit hat der Präsident schon zum Ausdruck gebracht, dass Muslime und Christen keine Angehörigen der indischen Nation sind. Er hat auch für die so genannten Rekonversionen zum Hinduismus große Sympathien geäußert, das heißt, Christen und Muslimen wird gesagt: ihr seid eigentlich Hindus, wenn ihr wieder zum Hinduismus zurück konvertiert, dann seid ihr wieder gleichberechtigt und habt keine Probleme mehr. Diese Kampagnen werden zum Teil auch mit Gewalt durch geführt. Das hat der neue Präsident bisher noch nicht kritisiert, sondern im Gegenteil Sympathien geäußert. Der neue Präsident ist auch damit aufgefallen, dass er bestimmte Daten in der Zukunft nennt, zu denen er sich erhofft, dass es in Indien keine Christen oder Muslime mehr geben wird. Insofern glaube ich, dass seine Wahl nichts zur Verbesserung der Religionsfreiheit beitragen wird.

RV: Die indischen Bischöfe haben dem neuen Staatsoberhaupt ihre Loyalität und Unterstützung im Dienst am Land zugesichert. Sie wünschen sich, dass Kovind „Indien zum Frieden, zur Entwicklung und zur Gerechtigkeit für alle“ führt. Was ist damit angedeutet? Und könnte Kovind als Präsident mit überwiegend repräsentativen Funktionen überhaupt etwas tun, um das Land zur Gerechtigkeit für alle zu führen?

Seibel: Zunächst denke ich einmal, dass es selbstverständlich ist, dass die Bischöfe einem gewählten Staatspräsidenten eine gute Zusammenarbeit und Loyalität anbieten und ihm einen Vertrauensvorschuss geben. Der Staatspräsident könnte helfen, indem er die Diskriminierung von christlichen und muslimischen Dalits schlicht und ergreifend anerkennt. Aber das wird er aus unserer Sicht nicht tun, die Regierungspartei und der Staatspräsident werden weiter weg sehen. Ich glaube, dass sich insofern durch den neuen Staatspräsidenten nichts ändern wird, und er auch in seinen repräsentativen Aufgaben keine „Machtmittel“ in der Hand hat, um – selbst wenn er es wollte – diese Diskriminierung zu beenden oder anzusprechen. Aber auch hier, als Repräsentant des Staates wäre es seine Aufgabe, zu sagen, ja, die Diskriminierung von Dalits, die Christen und Muslime  sind, gibt es. Das wäre auch ein Zeichen für viele lokale Diskriminierungen von Gruppen, die der Regierungspartei nahe stehen – es flammen immer wieder Gewaltattacken auf  - und wenn niemand in der Politik sagt, so geht das nicht, dann fühlen sich diese lokalen Täter immer weiter ermutigt, gegen Christen und Muslime vorzugehen. Das wäre eigentlich die Aufgabe des Staatspräsidenten hier klar Stellung zu beziehen.

Hintergrund

Missio ist mit zahlreichen Projekten in Indien aktiv. Eine Kampagne, die dem Hilfswerk derzeit besonders am Herzen liegt, ist FreeourHusbands - damit setzt sich Missio für die Freilassung von sieben unschuldig inhaftierten Christen im Bundestaat Odisha (ehem. Orissa, ein Bundesstaat, in dem die christliche Minderheit unter besonderem Druck steht, Anm.) ein. Auch Deutschland müsse in diesem Zusammenhang seine Hausaufgaben machen, fordert Johannes Seibel: Denn bei dem kürzlich erfolgten Besuch von Premierminister Modi sei zumindest in der Öffentlichkeit nicht bekannt geworden, dass Bundeskanzlerin Merkel den Premierminister verstärkt auf diese Themen angesprochen habe. Es dürfe nicht sein, so die Forderung des Hilfswerkes, dass eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit auf Kosten der Religionsfreiheit und Menschenrechte gehe.

(rv 24.07.2017 cs)

 

 

24/07/2017 11:30