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„Verantwortungsbewusste Solidarität“: Papst schreibt an G20

Besprachen im Juni die G20-Themen: Franziskus und Angela Merkel - AFP

07/07/2017 12:00

Vermummte werfen Flaschen und Steine, Politiker treffen sich zu Einzelgesprächen, um schwierige Probleme zu besprechen oder schwierige Beziehungen zu glätten: Die G20 tagen, und soweit ist alles beim Alten. Die Welt ist schwieriger geworden, die politischen Schwerpunkte verschieben sich, und die politisch und wirtschaftlich mächtigsten Länder der Erde versammeln sich, um für friedliche Entwicklung Sorge zu tragen.

Wie schon Papst Benedikt vor acht Jahren schickt Papst Franziskus den in Hamburg versammelten mächtigsten Staats- und Regierungschefs der Welt eine Botschaft. Nachdem schon die Gastgeberin Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einigen Wochen in Rom beim Papst war, um die Agenda der G20 zu besprechen, wendet sich der Papst nun an alle Teilnehmenden.

Zeit, Einheit, Wirklichkeit, das Ganze

Der Papst wird in seinem Schreiben sehr grundsätzlich: „Im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium, der Programmschrift meines Pontifikats an die katholischen Gläubigen, habe ich vier Handlungsprinzipien für den Aufbau brüderlicher, gerechter und friedlicher Gesellschaften vorgeschlagen: Die Zeit ist mehr wert als der Raum; die Einheit wiegt mehr als der Konflikt; die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee, und das Ganze ist dem Teil übergeordnet.“ Diese vier jahrhundertealten Weisheiten der ganzen Menschheit wolle er als Beitrag zum Treffen verstanden wissen, aber sie würden auch dazu dienen, danach die Ergebnisse des Treffens zu bewerten.

Der Papst buchstabiert die vier Prinzipien im Folgenden aus. Erstens bräuchten Lösungen für die komplexen Probleme Prozesse, die sich über längere Zeiten hinzögen; dabei müssten aber die Endziele klar vorgegeben sein. Und hier ist der Papst eindeutig: Den Armen, den Flüchtlingen, den Leidenden, den Vertriebenen und Ausgeschlossenen – „ohne Unterschied von Nation, Volkszugehörigkeit, Religion oder Kultur“ – ist „absoluter Vorrang“ einzuräumen. Und damit das nicht abstrakt bleibt, nennt der Papst einige der Hungerregionen der Welt wie den Südsudan, das Horn von Afrika oder auch die Konfliktgebiete wie den Jemen, wo es dreißig Millionen Menschen gibt, die keine Nahrung und kein Wasser zum Überleben haben.“

Tragischer Widerspruch

Einheit wiegt mehr als der Konflikt, das ist der zweite Punkt des Papstes, und er bezieht ihn ganz offen auf die erklärten Anliegen der G20, friedliche Lösungen zur Entwicklung der Welt zu schaffen. In freundlichen Worten weist der Papst darauf hin, dass den G20 genau das nicht gelinge: Es besteht ein tragischer Widerspruch und eine Inkonsequenz zwischen der scheinbaren Einheit in gemeinsamen Foren zu wirtschaftlichen oder sozialen Themen einerseits und der aktiven oder passiven Zustimmung zu kriegerischen Auseinandersetzungen andererseits.“

Drittens geht es um die Wirklichkeit, die wichtiger ist als die Idee: der Papst spricht sich deutlich gegen die „Ideologien der absoluten Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation“ aus. Die bedeutenden Erfolge sowohl in Politik wie in Wirtschaft würden dagegen durch Pragmatismus geprägt, dabei stehe der Mensch im Vordergrund der Überlegungen. Und der Papst nennt Vorbilder: Robert Schuman, Alcide De Gasperi, Konrad Adenauer. Allesamt Gründerväter der Europäischen Union.

Der letzte Schritt: Das Ganze ist dem Teil übergeordnet. Oder übersetzt: Probleme werden konkret gelöst, dürfen aber nie eine Gesamtsicht außer Acht lassen, wenn die Lösung von Dauer sein soll. Der Papst weist darauf hin, dass die Stimmen derer, die in Hamburg nicht vertreten sind, also die „Staaten und Menschen, deren Stimme auf der weltpolitischen Bühne am wenigsten Gewicht zukommt“, gehört werden müssen, weil das diejenigen sind, „die am meisten unter den unheilvollen Folgen der Wirtschaftskrisen leiden, für die sie kaum oder keine Verantwortung tragen.“ Gleichzeitig läge dort auch das Potential für die Lösung von Problemen.

Die Stimmen der Schwächsten hören

„Es ist nötig, internationale Verträge zu achten und einzuhalten sowie die multilateralen Beziehungen weiter zu fördern, damit die Lösungen wirklich universal und dauerhaft zum Wohl aller sein können“, zitiert Papst Franziskus seinen Vorgänger und dessen Brief an die G20 vor acht Jahren. Die Probleme und Anliegen der Päpste haben sich also in dieser Hinsicht nicht geändert. Er vertraue auf den „Geist verantwortungsbewusster Solidarität“, schließt der Papst seinen Brief, und er hoffe auf eine „Ära einer innovativen, wechselseitig verbundenen, nachhaltigen, umweltfreundlichen und alle Völker und Menschen einschließenden Entwicklung“.

(rv 07.07.2017 ord)

07/07/2017 12:00