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Mehr Frauen in kirchliche Leitung: „Ideen, die verändern“

Die erste Gruppe des Frauenmentoring-Programms hat den Programmzyklus erfolgreich durchlaufen - RV

23/06/2017 09:00

Ideen mit dem Zeug zur Veränderung – solches Lob für die Leistung von Frauen, die sich derzeit in Deutschland auf kirchliche Führungspositionen vorbereiten, kommt von Gisela Muschiol. Die Vorsitzende des Hildegardis-Vereins zeichnete in dieser Woche in München die Teilnehmerinnen der ersten Runde eines Mentoring-Programms aus, das mehr Frauen in kirchliche Spitzenämter bringen will, die beiden Geschlechtern offenstehen.

„Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf“

Die Initiative mit dem Titel „Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf“ wird vom Hildegardis-Verein zusammen mit mehreren deutschen (Erz-)Bistümern und in Kooperation mit der Deutschen Bischofskonferenz organisiert. Im Interview mit Radio Vatikan gibt die Vorsitzende des Hildegardis-Vereins ihren Eindruck von den Abschlussprojekten der Teilnehmerinnen wieder, die im Rahmen des einjährigen Ausbildungsprogramms entstanden. So organisierte eine Mentee ein Weiterbildungsangebot für ehrenamtliche Mitarbeiter in der Jugendseelsorge, eine andere einen regelmäßigen Wochenmarkt, der in Zukunft von Ehrenamtlichen weitergeführt wird, wieder eine andere Mentee stellte ihr Ausstellungsprojekt mit Müttern tot geborener Kinder vor.

Muschiol: Da sind ganz tolle, auch nachhaltige Projekte entstanden! Das ist eine unglaublich lebendige, dynamische Gruppe, und hier werden Projekte sichtbar und Ideen klar, von denen ich wirklich glaube, dass sie unsere Kirche zum Positiven verändern werden und dass solche Ideen für die Zukunft der Kirche ganz wichtig sind. Die Begeisterung, die hier überspringt – das reißt einen wirklich mit!

RV: Beim Mentoring-Programm geht es darum, Frauen auf Führungspositionen in der katholischen Kirche vorzubereiten – vielleicht können Sie im Praktischen noch einmal erklären, wie das Programm abläuft.

Muschiol: Wir haben mehrere Durchgänge, und konkret heißt Mentoring, dass sich ein Tandem zusammengefunden hat, ein Mentor oder eine Mentorin, und eine Mentee, also eine Frau, die in einer kirchlichen Position tätig ist und die für sich entdeckt hat, dass sie Leitung gerne wahrnehmen möchte und dass sie dazu Qualifikationen braucht. Diese beiden sind zusammengespannt. 14 Bistümer sind insgesamt beteiligt an den bisherigen Jahrgängen, die Bistümer haben die Personen ausgewählt; dieses Tandem arbeitet jetzt ein Jahr zusammen. Der Mentor/die Mentorin begleitet und die Mentee bekommt Arbeitsbereiche des Mentors/der Mentorin mit und auch Probleme, die es zu bewältigen gibt. Zusätzlich haben die Mentees ein eigenes Projekt entwickelt, in dessen Rahmen sie zeigen sollten, dass sie eigenständig ein Thema entwickeln, fortführen und durchsetzen können – also sozusagen ihre Führungskompetenz an einem kleinen Projekt beweisen.

Es sind weitere Runden unterwegs, es gibt eine zweite Runde, die etwas später angefangen hat und die dann im September enden wird. Und wir können auch jetzt schon sagen, dass es weitergehen wird, dass die Bischofskonferenz ein großes Interesse daran hat, dass dieses Programm weitergeführt wird und da auch Unterstützung zugesagt hat.

RV: Um welche kirchlichen Ämter geht es beim Mentoring-Programm?

Muschiol: Wir sprechen über alle Leitungsämter in der Kirche, die von Frauen und Männern, also von Laien insgesamt, eingenommen werden können und die nicht klerikal vorbedingt sind. Kardinal Marx hat heute früh auch noch einmal darüber gesprochen und erzählt, dass es in seinem Ordinariat eigentlich nur zwei Stellen gibt, die ein Priester innehaben müsste: Bischof und Offizial. Alles andere könnte von Laien besetzt werden.

Noch vor 20 Jahren hat sich beispielsweise niemand vorstellen können, dass es Seelsorgeamtsleiterinnen gibt. Inzwischen sind in elf Diözesen in der Bundesrepublik Frauen in der Seelsorgeamtsleitung unterwegs! Das ist eine Entwicklung, die niemand hätte vorhersehen können, bei der auch viele gedacht haben, das ist nicht möglich und für Kirche keine Option. Aber genau da geht es, und es geht eigentlich an allen Stellen, die Leitung innehaben, eben bis auf das Bischofsamt.

Langsamer Weg des Umdenkens

RV: Kardinal Reinhard Marx hat selbst erwähnt, dass Frauen heute Positionen, die für sie in der katholischen Kirche möglich wären, immer noch nicht einnehmen. Warum ist das so?

Muschiol: Ich glaube, dass das ein Problem von Kultur und Mentalität ist. Dass wir da einfach noch nicht so weit sind oder erst langsam auf den Weg des Umdenkens kommen. Da liegt Kirche durchaus parallel zur Gesellschaft: dort wird weiterhin darüber diskutiert, dass Frauen in noch nicht ausreichendem Maße in Leitungspositionen präsent sind. Das ist also kein typisches Kirchenproblem, aber insofern ein Problem, was Kirche noch mal anders thematisiert, als dass die Kirche eben ein männlich definiertes Leitungsamt hat im Bischof und im Papst. Und dieses Leitungsamt umzudenken und zu ergänzen und zu überlegen, dass das eben nicht allein dieses Leitungsamt ist, sondern dass es viele weitere Leitungsebenen gibt – das erfordert einen Prozess des Umdenkens. Und dieser Prozess ist in der Kirche erst sehr langsam in Gang gekommen. Das ist umso erstaunlicher eigentlich, als dass Johannes XXIII. schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil entdeckt hat, dass die Gleichberechtigung der Frauen eines der Zeichen der Zeit ist! Wir arbeiten da also schon lange dran. Aber manchmal sind solche Strukturen nur schwer aufzubrechen...

Was man dazu bedenken muss: Wir reden jetzt hier immer nur von der deutschen Kirche – international ist das noch einmal ein ganz anderes Thema. Das kann man gar nicht im Augenblick ausloten, was es da noch an anderen Frauenbildern und an Kulturen gibt, wie mit Frauen umgegangen wird usw. – da sind wir ja in Europa, in Westeuropa, in einer ganz anderen Situation! Wir haben eine Weltkirche, und wir reden hier gerade nur über die deutsche Kirche.

Dialogisches Leiten

RV: Es geht beim Mentoring-Programm auch um ein Nachdenken über die Art des Führens an sich, ist der gemeinsamen Pressemeldung der DBK und des Hildegardis-Vereins zu entnehmen. Welche anderen, auch neuen Impulse setzen Frauen in Leitungspositionen Ihrer Erfahrung nach?

Muschiol: Es ist ja durch Forschungen von Soziologen, Psychologen und anderen lange erwiesen, dass Teams von Frauen und Männern arbeitspsychologisch anders zusammenarbeiten. An der Stelle glaube ich, dass wir genau diese dynamische Begegnung auf Augenhöhe haben, wenn Frauen und Männer miteinander arbeiten, dass dann andere Ideen, andere Werte mit ins Spiel kommen und dass das genauso eins zu eins in der Kirche umgesetzt werden kann. Ich glaube auch, dass Frauen möglicherweise – das geht schon wieder in Richtung Klischees, da bin ich ganz vorsichtig – also möglicherweise mit mehr Empathie führen. Aber es gibt genauso auch Männer, die mit Empathie führen. Es ist also eher die Frage, welcher Bereich von Leitung, Führung und ethischer Verantwortung da gerade aktiviert wird. (Es ist auch möglich, Anm.) dass vielleicht auch Männer – dadurch, dass Frauen manche Dinge anders machen – eigene Begabungen in diesem Bereich noch einmal entdecken!

Es geht um die Frage, wie überhaupt Leitung dialogisch wahrgenommen wird. Das ist ja kein reines Männer- und Frauenthema, sondern das ist ein Thema, was die ganze Gesellschaft und die ganze Kirche betrifft, das ist kein geschlechterabhängiges Thema, sondern Leitung ist insgesamt mit sozialer Verantwortung verbunden. Da kommen ethische Fragen ins Gespräch – alle diese Dinge werden thematisiert und können, so hoffen wir jedenfalls, Leitung in Kirche insgesamt verändern. Wir haben ja auch schon genügend Beispiele, dass es sich verändert. Wir wissen aber nicht, wie diese Veränderungen sein werden konkret – das hängt auch immer von den handelnden Personen ab. Aber alleine die Tatsache, dass bestimmte Bereiche kirchlichen Lebens anders aufgestellt werden müssen, spricht dafür, Frauen und Männer in einer neuen Art und Weise miteinander in Leitung zu bringen.

RV: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Ein Programm mit Zukunft

In der ersten Runde des Mentoring-Programm bereiteten 20 erfahrene Führungskräfte, darunter dreizehn Mentorinnen, 20 weibliche Nachwuchskräfte auf unterschiedliche Führungspositionen in der katholischen Kirche vor. Beteiligt waren die Bistümer Aachen, Bamberg, Berlin (Caritas), Dresden-Meißen, Essen, Hamburg, Hildesheim, Köln, Limburg, Magdeburg, München und Freising, Münster, Osnabrück und Trier. Mit dem Programm, das auch in Zukunft weitergeführt werden soll, will die katholische Kirche laut eigenen Angaben zu einer „geschlechtergerechten Personal- und Organisationsentwicklung“ beitragen und auch eine „nachhaltige Nachwuchssicherung“ garantieren.

Alle Ämter, die nicht ans Weiheamt gebunden sind

Zu allen kirchlichen Aufgaben, die nicht an ein Weiheamt geknüpft sind, müssten Frauen gleichberechtigt Zugang haben und darin gefördert werden. Das betonte Kardinal Reinhard Marx am Donnerstag zu Abschluss der ersten Runde des Mentoring-Programms in München. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ermunterte Frauen in diesem Zusammenhang dazu, Führungspositionen in der katholischen Kirche anzustreben. Hier gebe es auf allen Ebenen Nachholbedarf, von der Pfarre bis zum Vatikan, so der Kardinal. Jede Form der Frauenbenachteiligung sei nicht hinnehmbar und letztlich gegen den Willen Gottes gerichtet. Das Mentoring-Programm in den deutschen (Erz-)Bistümern sei hier ein sichtbarer Schritt, der Mut mache. 

(rv/pm 22.06.2017 pr)

23/06/2017 09:00