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„Überzeugter Christ“: Kirche würdigt Kohl

Helmut Kohl - Aufnahme von 2007 - EPA

17/06/2017 11:00

Die katholische Kirche in Deutschland trauert um einen der Ihren: Bischöfe und herausragende Katholiken des Landes würdigen den verstorbenen Helmut Kohl als überzeugten Glaubenden, der die Einigung Deutschlands und Europas aus zutiefst christlicher Überzeugung vorantrieb. Kohl ist am Freitag im Alter von 87 Jahren in Ludwigshafen gestorben.

Mit dem Tod Kohls gehe eine Ära zu Ende, erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Der Verstorbene sei eine Persönlichkeit mit historischem Weitblick gewesen.

Marx würdigt Kohls „visionäre Kraft“

„Die Kirche in Deutschland ist dankbar für das christliche Zeugnis von Helmut Kohl. Wo die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft mit den Füßen getreten wurden - wo auch immer auf der Welt -, da setzte er sich für die Beachtung dieser Werte ein. Europa wollte und konnte er aus seinen christlich geprägten Überzeugungen heraus gestalten. Dabei war es dem Verstorbenen ein großes Anliegen, auf der Grundlage der Katholischen Soziallehre für eine Soziale Marktwirtschaft einzutreten, die den Menschen in den Vordergrund stellt.“

Kohl sei ein regelmäßiger Gast auf Katholikentagen gewesen und habe sich oft Rat bei Theologen geholt, fuhr Kardinal Marx fort. So sei beispielsweise Kardinal Karl Lehmann ein wichtiger theologischer Wegbegleiter gewesen. Die Kirche sei dankbar dafür, „dass Helmut Kohl mit visionärer Kraft, mit Mut, Beharrlichkeit und großem Verhandlungsgeschick die Einheit Deutschlands befördert und mit anderen herbeigeführt hat“. Zugleich sei er zum Kanzler der „europäischen Idee“ geworden. 

In seiner Würdigung erinnerte der Kardinal auch an die Begegnungen Kohls mit Papst Johannes Paul II. bei dessen Deutschlandbesuchen 1987 und 1996. „Es war eine historische Stunde, als Helmut Kohl mit Papst Johannes Paul II. 1996 durch das Brandenburger Tor schritt“, so Kardinal Marx. Unvergessen seien bis heute die Worte Kohls bei dieser Gelegenheit: „Die Frohe Botschaft Christi ist eine Quelle der Kraft; sie gibt Menschen Orientierung und Halt.“ Auch mit Papst Benedikt XVI. hatte sich der Altkanzler bei dessen Deutschlandbesuch 2011 getroffen.

ZdK: „Unschätzbar viel geleistet“

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) erinnert daran, dass für Kohl „sein christlicher Glaube stets Fundament und Orientierung“ gewesen sei. Der „große Politiker und Staatsmann“ habe „in enger Verbindung mit seiner katholischen Kirche“ gelebt. Man werde sich an Kohl „als einen gläubigen Katholiken und großen Staatsmann erinnern, der in entscheidenden Augenblicken der Geschichte unseres Landes unschätzbar viel für unser Gemeinwesen geleistet hat“. Das schreibt ZdK-Präsident Thomas Sternberg, selbst CDU-Politiker, in einer Erklärung.

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch würdigt den Verstorbenen vor allem wegen seiner Verdienste um die deutsche Einheit. „Als Papst Johannes Paul II. mit Helmut Kohl durch das Brandenburger Tor schritt, bedeutete das die Vollendung der Deutschen Einheit und das Ende des Kalten Kriegs“, so Koch. „Gerade auch als das Bistum, das so sehr unter der Teilung Berlins gelitten hat, wissen wir, was wir dem Berliner Ehrenbürger zu verdanken haben.“

„Kohl stärkte Rolle der Kirchen in Europa“

Der Speyrer Bischof Karl-Heinz Wiesemann war der für Kohl zuständige Ortsbischof; er streicht jetzt vor allem das Engagement des Altkanzlers für den romanischen Kaiserdom von Speyer heraus. „Er hat sich in außergewöhnlicher Weise um den Erhalt des Speyerer Domes verdient gemacht und entscheidend dazu beigetragen, Menschen für den Dom zu begeistern“, erklärte Wiesemann am Freitag.

Als Kanzler hatte Kohl Staatsgäste nach Speyer geführt, darunter Margaret Thatcher, Michael Gorbatschow, George Bush, Vaclav Havel, Boris Jelzin und Spaniens König Juan Carlos. Wiesemann betonte, am Beispiel des Domes habe Kohl die Rolle des christlichen Glaubens für ein Zusammenleben in Gerechtigkeit und Frieden in Deutschland, Europa und der Welt  verdeutlichen wollen. Kohl habe den Dom „als Sinnbild für die christlichen Wurzeln eines geeinten Europas“ gesehen.

Bischof Gebhard Fürst von Rottenburg-Stuttgart hingegen macht vor allem auf Kohls Einsatz für die deutsch-französische Freundschaft aufmerksam. Im Schulterschluss mit dem Nachbarland Frankreich habe Kohl Aussöhnung und Verständigung mit dem ehemals verfeindeten Nachbarn gestärkt und diese Partnerschaft als Basis der Einheit Europas gepflegt. Es sei auch vor allem Helmut Kohl zu verdanken, dass die christlichen Kirchen auch in Europa ein gesichertes Recht auf Mitsprache unter anderem in gesellschaftspolitischen Fragen haben.

Ähnlich äußert sich der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker. Die christlichen Wurzeln Europas gerieten heute oft in Vergessenheit. „Helmut Kohl war es seinerzeit zu verdanken, dass ein Wort zu den Kirchen im Vertrag von Amsterdam verankert wurde, der ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg der europäischen Einigung war. Er hat sich damit vor den Augen der Weltöffentlichkeit zum Christentum als tragender Grundlage der europäischen Geschichte und Kultur bekannt.“

Hintergrund

Helmut Kohl war zwischen 1969 und 1976 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und von 1982 bis 1998 deutscher Kanzler. Zu seinen politischen Erfolgen zählen der von ihm wesentlich mitgestaltete Prozess der deutschen Wiedervereinigung und das Zusammenwachsen Europas einschließlich der Einführung einer gemeinsamen Währung. 1973 hatte Kohl den CDU-Vorsitz übernommen und behielt ihn 25 Jahre.

Während seiner Kanzlerschaft hielt der überzeugte Katholik und regelmäßige Kirchgänger den Draht zu Bischöfen, Kardinälen und Päpsten. Auch nach seiner Zeit in der aktiven Politik engagierte sich Kohl für religiöse Anliegen: Er setzte sich für die Berliner Guardini-Professur für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung ein, engagierte sich für den Neubau der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und gründete die „Europäischen Stiftung Kaiserdom zu Speyer“.

Nicht zuletzt wegen seiner Ehe mit der Protestantin Hannelore Kohl galt der CDU-Politiker als überzeugter Verfechter der Ökumene. Nach dem Tod seiner Frau ging Helmut Kohl 2008 eine zweite Ehe ein und heiratete Maike Richter-Kohl. Ebenfalls 2008 stürzte Kohl schwer. Seitdem war er gesundheitlich angeschlagen und an einen Rollstuhl gefesselt.

(rv/kna/pm 17.06.2017 sk)

17/06/2017 11:00