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D: Bundesminister Müller erklärt „Marshall-Plan für Afrika“

Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung - EPA

28/05/2017 08:09

Millionen Afrikaner sind auf der Flucht. Krieg, Gewalt, Hungersnot, Armut und fehlende Perspektive vertreiben sie aus ihrer Heimat. Die große Mehrheit von ihnen will nach Europa. Ihre erste Anlaufstelle in der Regel: Italien. Dort hat sich diese Woche der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller mit kirchlichen Hilfs-und Sozialorganisationen getroffen. Bei einem Runden Tisch ging es darum, wie man den Menschen vor Ort helfen, ihnen wirtschaftliche Perspektiven geben und Frieden stiften kann. Das Ziel des Ministers: Mit einer nachhaltigen Entwicklung für Afrika die Menschen von der Flucht nach Europa abhalten.

Das Smartphone, das T-Shirt, der Anzug. Die Nachfrage danach ist weltweit groß. Und der Lohn für den Arbeiter in Entwicklungsländern, der das Produkt hergestellt hat - wie groß ist der? Das ist alles andere als ein fairer Handel, sagt der deutsche Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller, im Interview mit Radio Vatikan und nennt ein weiteres Beispiel:

„Das Kilo Kaffee kaufen wir in Rom oder in Hamburg für 10 Euro. Und dafür bekommen die Bauern der Plantagen in Westafrika 50 Cent. Das ist der Preis für das Rohprodukt. Aus dem Grund arbeiten zwischen zwei und drei Millionen Kinder auf den Plantagen mit ihren Eltern und gehen nicht in die Schule. Mit dem Beispiel will ich sagen, dass fairer Handel mit den Afrikanern die schnellsten Entwicklungssprünge bringt.“

Und genau diese schnelle Entwicklung in Sachen Bildung und eigener Existenz für Familien brauche Afrika, sagt der Politiker. Und das bald, denn die Bevölkerung auf dem Kontinent wachse immer weiter – und mit ihr die Opfer von Armut, Hungerskrisen, Kriegen und Krankheitsepidemien. In dieser Situation sehen Millionen Afrikaner den Ausweg aus der Not in der Flucht Richtung Europa. Das will der Minister mit lokaler Hilfe und zivilgesellschaftlichem, auch interreligiösem, Dialog verhindern – und für diese wirtschaftlich und sozial nachhaltige Entwicklung vor Ort, wie er es nennt, setzt Müller besonders auf die Zusammenarbeit mit kirchlichen Organisationen:

„Denn die Kirchen kommen in Regionen, wo es keine Staatlichkeit gibt. Ich denke an den Südsudan und an die Zentralafrikanische Republik: Wenn Sie von der Hauptstadt aus 20 Kilometer aufs Land fahren, gibt es keine Straßen mehr und es gibt keine staatlichen Strukturen. Es fehlen Dörfer und Bürgermeister, wie wir uns das vorstellen, aber es gibt Pfarreien und Kirchen. Um die Pfarrer bildet und ordnet sich das Leben. Deswegen haben die Kirchen dort Möglichkeiten, die der Staat nicht hat.“

Diese Hilfe gelinge, aber auch nur dann, wenn die Afrikaner selber mehr leisten, gibt der Minister zu bedenken, vor allem bei der Korruption und bei Good-Governance. Außerdem steht in Müllers sogenannten „Marshall-Plan für Afrika“: Die europäische und internationale Privatwirtschaft muss mehr in Afrika investieren und so gut bezahlte Arbeitsplätze in afrikanischen Staaten schaffen. Das sei am Ende ein Gewinn auf beiden Seiten, zeigt sich der Bundesminister überzeugt. Außerdem müsse jedes Land dieser Welt mehr Geld für Entwicklungshilfe ausgeben, fordert Müller mit einem Seitenhieb auf die USA:

„Wenn der US-Präsident bei seinem Besuch in Saudi-Arabien oder in Europa neben den Hundert-Milliarden-Rüstungsdeals auch einen Zehnmilliarden-Entwicklungsfonds auf den Weg gebracht hätte, wäre er bejubelt worden. Das muss uns klar sein, dass wir weniger Rüstung und mehr Entwicklung brauchen. Damit wir weniger Waffen, weniger Kriege und am Ende mehr Frieden bekommen. Denn mehr Panzer schaffen nicht mehr Frieden.“

Frieden und eine starke Wirtschaft – auch mit Öffnung zum europäischen Markt – sind die Schlüsselworte, mit denen eine nachhaltige Entwicklung gelingen kann, meint Müller. Dafür will er eine neue Partnerschaft mit Afrika, damit am Ende auch der Kaffee-Bauer mehr Geld bekomme. Seine Politik sieht der Bundesentwicklungsminister ganz im Zeichen der Umweltenzyklika von Papst Franziskus, betont er. Denn „da hat er in einer Klarheit beschrieben, dass wir an einer Weggabelung stehen, was unsere Wirtschaft und den Konsum angeht: Gehen wir den Weg so weiter, führen wir den Planten in den Abgrund.“ Deswegen will Müller – da sieht er sich ganz in der Linie vom Papst – einen Paradigmenwechsel. Das treffe alle Bereiche: Die Wirtschaft, den Konsum und den persönlichen Lebensstil.

Am Ende soll sein „Marshall-Plan für Afrika“ eine Investition in die jungen Generationen sein, so der Bundesentwicklungsminister im Interview mit Radio Vatikan. Um ihnen eine reelle Chance zu geben und um zu verhindern, dass sich Tausende auf den Weg nach Europa machen.

(rv 28.05.2017 fr) 

28/05/2017 08:09