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CH/Ö: Literatur ist auf Religion angewiesen

Das Kruzifix in der Öffentlichkeit - AP

14/05/2017 07:00

Die Literatur ist auf die Religion angewiesen, da Religion einen Zugang zu einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit bietet: Das hat der Schweizer Autor Thomas Hürlimann im Rahmen eines Pressegesprächs diese Woche in Wien betont: „Es wird keine Literatur mehr geben, wenn wir die Religion ausklammern und nicht mehr bereit sind, in Überwelten einzusteigen“. Hürlimann, der zu den bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart zählt, setzt seit Dienstag die Wiener „Poetikdozentur Literatur und Religion“ fort. Thema seiner Vortragsreihe ist das Kreuz in der modernen Literatur.

Transzendentale Dimension

Aus der Wertschätzung der „transzendentalen Dimension“, die von der Religion bewahrt werde, resultiert auch Hürlimanns Einsatz für Kreuze im öffentlichen Raum. Wiederholt hat sich der Autor, der selbst lange Jahre Klosterschüler war, für deren Verbleib eingesetzt: „Wenn ein Kreuz verschwinden soll, sehe ich auch ein stückweit meine Welt gefährdet.“ Zugleich sei er erstaunt, dass ein Einsatz für das Kreuz im öffentlichen Raum sogleich als politisch-reaktionäres Statement gewertet und bekämpft werde.

Tatsächlich sehe er in der Verdrängung des Kreuzes sowie in der Verdrängung von Worten wie Gott und Tod aus der Sprache einen „Fehlschluss unserer Zeit“, so Hürlimann weiter: Je weiter sich die Gesellschaft von der Dimension des Metaphysischen entferne, „desto stärker sickert sie auf der anderen Seite in die Literatur ein“. Wo Wörter wie Gott und Tod „aus der Sprache verbannt werden“, seien sie dadurch „nicht weg“, sondern kehrten irgendwann pathologisch verdreht wieder. Hingegen gelte: „Sprache bannt, indem sie etwas benennt, und sie bannt nicht, indem sie es verschweigt.

Als „tragisch“ erachtet der Autor außerdem, dass auf der anderen Seite auch die Kirche zusehends verstumme: „Ich halte es für tragisch, dass der Katholizismus seine Sprache, das Latein, das die ganze Welt verstanden hat, aufgegeben hat und sich in eine babylonische Sprachverwirrung begeben hat. Dadurch hat er sich auf das extremste gefährdet“, so Hürlimann. Schließlich sei mit dem Latein auch „das Mysterium verschwunden“, welches in seiner ganzen Unverständlichkeit zugleich eine „Pforte zur Metaphysik“ darstellte.

„Offene Plattform des Austauschs“

Mit Thomas Hürlimann geht die Wiener „Poetikdozentur Literatur und Religion“ gleichsam in die Verlängerung: Nach zwei Vortragsreihen mit prominenten Autorinnen und Autoren im vergangenen Jahr - darunter Sibylle Lewitscharoff, Felicitas Hoppe und Nora Gomringer - wird sich Hürlimann nun den ganzen Mai hindurch in Vorträgen, Seminaren und bei einem Symposion mit dem Kreuz in der modernen Literatur befassen. Initiiert wurde die „Poetikdozentur“ vom Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück. Dieser bestätigte am Rande des Pressegesprächs auch, dass es beabsichtigt sei, die Poetikdozentur als fixe Einrichtung der Katholisch-Theologischen Fakultät auf Dauer zu stellen. Weitere Höhepunkte in der diesjährigen Ausgabe werden laut Tück die Vorträge von Michael Köhlmeier und Andreas Maier im Oktober und November darstellen.

(kap 14.05.2017 mg)

14/05/2017 07:00