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Künftiger Mainzer Bischof will eine arme, diakonische Kirche

Zum neuen Bischof von Mainz ernannt: Pastoraltheologe Peter Kohlgraf - RV

19/04/2017 12:22

Was will der neue Bischof von Mainz? Am Dienstag wurde der Pastoraltheologe Peter Kohlgraf, Jahrgang 1967, auf den geschichtsträchtigen Bischofssitz berufen. Jetzt erklärt er in einem ersten Interview mit Radio Vatikan, dass eine seiner Prioritäten darin bestehen wird, den diakonischen Charakter in den Pfarreien auszubauen.

Das Bistum Mainz sei ja schon „seit einigen Jahren auf diesem Weg, Caritas wirklich als einen kirchlichen Dienst wirklich ins Bewusstsein zu bringen“. „Also einen kirchlichen Dienst, der nicht nur eine Sache von Spezialisten ist, sondern wirklich eine Aufgabe aller Getauften. Ich glaube, das wird ein ganz wichtiges Thema werden.“

„Dienende und arme Kirche“ – dazu hat Kohlgraf vor zwei Jahren pastoraltheologische Überlegungen veröffentlicht. Wie arm soll denn die Kirche werden? „Das ist natürlich ein schillernder Begriff. Ich glaube, es geht nicht um eine totale Mittellosigkeit oder so etwas, sondern ich glaube, dass Armut im Sinn des Evangeliums eine geistliche Grundhaltung ist. Dass wir eine Form von Lebensstil haben in der Kirche, der wirklich auch eine Nähe zu den Armen zulässt.“ Das Ziel müsse darin bestehen, die Armen „mit in die Kirche hinein zu holen und nicht draußen stehen zu lassen“. Wie er das konkret erreichen will? „Das wird sich zeigen! Mir ist aber wichtig: Das ist nicht Aufgabe des Bischofs allein, sondern eine Einstellungsfrage und Lebensform, wie man Nähe zu den Menschen leben kann.“

„Nicht nur mit dem Auto unterwegs sein“

Kohlgraf will auch als Bischof nah bei den Menschen und „auch als Seelsorger unterwegs“ sein. „Und das bezieht sich auch auf die ganz normalen Menschen auf der Straße. Ich denke, das fängt bei ganz einfachen Dingen an – dass sich ein Bischof durchaus auch als ganz normaler Mensch in der Öffentlichkeit zeigen kann und nicht nur mit dem Auto unterwegs ist…“

Einer der Schwerpunkte Kohlgrafs war bisher das Thema Vergeben und Verzeihen, speziell in der Ehe. Das sei in den USA ein großes Thema, habe aber bisher in der deutschen „Eheberatungs-Landschaft“ keine große Rolle gespielt. In Kürze erscheint im Grünewald-Verlag eine Studie Kohlgrafs dazu. „Das Ziel der Veröffentlichungen und auch des Buches, das jetzt kommt, war, wirklich mal zu sehen: Wie kann man die konkreten Lebenserfahrungen von Menschen, die ja zum Teil in ihren Partnerschaften und Beziehungen wirklich Versöhnung und Vergebung praktizieren, fruchtbar machen für pastorales Arbeiten?“

„Ich war schneller als Amoris Laetitia“

Das hört sich sehr nach „Amoris Laetitia“ an, dem Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus zur Neujustierung der kirchlichen Pastoral im Bereich Ehe und Familie. „Ja – aber ich war schneller als Amoris Laetitia, sozusagen. Wir hatten das Projekt schon vorher.“ Natürlich fühle er sich einer ganzen Reihe von Punkten, die der Papst in seinem Schreiben aufwerfe, sehr nahe. „Das ist eine ganze Reihe… Zum Beispiel ist auch für dieses Vergebungsprojekt eine ganz entscheidende Frage gewesen: Wie können wir eine Form von Verkündigung finden, die wirklich alltagstauglich ist? Also, dass wir uns nicht in einer religiösen oder theologischen Sonderwelt bewegen, auch nicht im Blick auf Ehe und Familie. Wo können wir wirklich im Glauben Lebenshilfe geben?“ Diese grundlegende Frage tauche in Amoris Laetitia immer wieder auf.

„Ich finde schon, dass es ein guter und zielführender Ansatz des Papstes oder der Synode war, bei der Lebensrealität von Leuten anzusetzen und nicht erst einmal bei einer theologischen Theorie. Wie man das dann ins Gespräch bringen kann, darin besteht dann die große Kunst.“

„Pfarrei ist nicht tot“

Als Bischof wird Kohlgraf bald auch mit dem Thema Pfarrei-Zusammenlegungen konfrontiert werden – auch dazu hat er in den letzten Jahren geforscht und veröffentlicht. Ist die Pfarrei tot? Nein, das glaube er nicht. Wie auch immer man das „rechtlich strukturiert“: Pfarrei stehe aus seiner Sicht dafür, „dass die Kirche vor Ort ist“. „Kirche ist keine abstrakte Größe, sondern vor Ort präsent – und das geht letztlich nur über Pfarreistrukturen! Man darf auch nicht vergessen: Natürlich verändert sich Pfarrei, verändert sich Gemeinde. Aber Pfarrei heißt ja immer auch: Wo leben denn die Menschen? Wo sind unsere Schulen, unsere Caritas-Einrichtungen? Die bewegen sich alle im Rahmen von Pfarrei!“ Und darum bleibe die Pfarrei auch künftig „ein ganz wichtiges Standbein von Kirche“. Wenn sich „in oder auch neben der Pfarrei“ andere kirchliche Formen entwickelten, dann zeige das doch auch „den Reichtum von Kirche“.

„Konzept der Glaubensweitergabe“ funktioniert nicht mehr

Nicht mitmachen will der künftige Bischof von Mainz beim innerkirchlich häufigen Religionsunterricht-Bashing. Kohlgraf war selbst mal Schulseelsorger und Religionslehrer im Rheinischen. Auf die Frage, warum es so viele Kinder trotz Religionsunterrichts noch nicht mal bis zur Firmung schaffen, sagt er: „Ich würde die Schuld – wenn man da überhaupt von Schuld reden kann – oder die Verantwortung nicht unbedingt beim Religionsunterricht suchen. Das ganze Konzept Glaubensweitergabe basiert doch eigentlich immer noch auf der Idee, dass Elternhaus, Schule und Gemeinde irgendwo eine Einheit sind und Kinder und Jugendliche damit in einem Glauben und in eine Glaubenspraxis hineinwachsen, die für sie dann gewissermaßen zur Normalität wird.“ Aber mittlerweile sei der Religionsunterricht an der Schule „der einzige Punkt, wo Kinder noch systematisch mit Glaubensthemen in Berührung kommen“. In Elternhaus und Gemeinde sei das nicht mehr der Fall, das müsse man einfach zur Kenntnis nehmen.

„Wenn ich in den Chemie-Unterricht ginge, und Sie erklären mir eine chemische Formel, dann kapiere ich die, aber lebensrelevant wird sie für mich nicht. Und ich glaube, dass das genau die Situation von vielen Kindern und Jugendlichen ist, die Religionsunterricht lernen. Die kennen auch zum Teil ein paar Inhalte, aber es wird nie ins Leben übersetzt. Und dann vergisst man die Dinge wieder – das ist, glaube ich, auch relativ normal.“

Lehmanns Erbe? „Ich sehe es nicht als Bedrohung“

Kohlgrafs Wahlspruch als Bischof wird lauten: „Das Reich Gottes ist euch nahegekommen“ – ein Zitat aus dem Markusevangelium. „Das ist die Kernbotschaft des Evangeliums! Jesus schickt die 72 Jünger los und sagt, sie sollen in die Dörfer gehen und den Leuten sagen: Das Reich Gottes ist euch nahe. Wenn Jesus uns mit dieser Kernbotschaft auf den Weg schickt, ist das wahrscheinlich auch kein schlechtes Motto für einen Bischof.“

Er sei jetzt schon seit einiger Zeit nicht mehr im Erzbistum Köln und habe schon „etwas Mainzer Stallgeruch“ angenommen, sagt Kohlgraf. Trotzdem: Schon wieder wird ein wichtiger Bischofsstuhl in Deutschland mit einem Priester des Erzbistums Köln besetzt, ein Muster, das sich wiederholt. „Wobei ich – da wäre ich jetzt ein bisschen vorsichtig, wie weit da Kölner Einflussnahme auf diese Geschichte eine Rolle spielte… Das müssen Sie mit anderen besprechen.“

Kohlgraf tritt ein großes Erbe an: Zweimal im 20. Jahrhundert wanderte ein Kardinalshut ins Bistum Mainz. Karl Lehmann hat dem rheinland-pfälzischen Bistum Strahlkraft verliehen, als großer Theologe und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Er habe schon oft Kontakt zu Lehmann gehabt, berichtet Kohlgraf.

„Jetzt habe ich natürlich auch schon, in den letzten Tagen, die ersten intensiven Gespräche mit ihm geführt, und ich muss wirklich sagen: Im Moment macht mir das weniger Sorgen, als dass ich es als eine große Hilfe und Chance sehe. Ich bin hier in einem Bistum, wo ein Bischof gewirkt hat, der gute Ideen und eine gute Theologie gesät hat, so dass sich die Diözese auch gut weiterentwickeln kann. Also – ich sehe es nicht als Bedrohung, ehrlich gesagt. Ganz im Gegenteil!“

(rv 19.04.2017 sk)

19/04/2017 12:22