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Immer gemeinsam Ostern feiern: „Das dauert noch“

Christus, der Auferstandene

15/04/2017 08:23

Die Christen in Ost und West feiern in diesem Jahr 2017 wieder gemeinsam Ostern. Das ist eine große Freude, doch leider keine Selbstverständlichkeit. Ostern fällt zwar für alle immer auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. Doch da zwei verschiedene kirchliche Kalender in Gebrauch sind, der gregorianische und der - ältere – julianische, feiern die katholischen und die evangelischen Christen einerseits und die orthodoxen Christen andererseits Ostern meist an verschiedenen Sonntagen. Ist das noch zeitgemäß? Das fragten wir den Paderborner Ökumeneforscher und Orthodoxie-Fachmann Johannes Oeldemann. 

Oeldemann: „Der verschiedene Ostertermin hat primär historische Gründe. Die Orthodoxie fühlt sich der Tradition der alten Kirche verpflichtet und hält deswegen am alten, dem julianischen Kalender fest, und es ist schwierig, da entsprechende Neuerungen einzuführen. Ob das zeitgemäß ist, aus Traditionsgründen an den verschiedenen Terminen festzuhalten, darüber kann man trefflich streiten.“

RV: Wer leidet besonders unter getrennten Osterterminen?

Oeldemann: „Das sind aus meiner Sicht vor allem die Menschen in der Diaspora. Zum Beispiel die Orthodoxen in Westeuropa oder Amerika, in einem Umfeld, wo alle anderen Christen Ostern nach dem gregorianischen Kalender feiern. Und innerhalb dieser Gruppe nochmals besonders die konfessionsgemischten Familien, wo ein Partner orthodox, der andere katholisch oder evangelisch ist. Stellen Sie sich vor, die Katholiken feiern schon vier Wochen früher Ostern, das ist dann schwierig für den orthodoxen Partner, der noch weiterhin fasten und vier Wochen warten soll.“

RV: Was gibt das Christentum nach außen hin für ein Bild ab, wenn verschiedene Kirchen das höchste Fest, die Auferstehung der Herrn, zu verschiedenen Terminen feiern?

Oeldemann: „Nach außen hin signalisiert das die bestehende Uneinigkeit der christlichen Kirchen. Das ist deshalb bedauerlich, weil das Osterfest das Zentrum des christlichen Glaubens darstellt und wir uns inhaltlich ja einig sind, dass Ostern oder genauer das österliche Triduum, also Leiden, Tod und Auferstehung des Herrn, das Zentrum des Glaubens bildet und wir uns nur in den Riten und Traditionen unterscheiden. Eine gemeinsame Feier des Osterfestes würde die Gemeinschaft in den Fundamenten unseres Glaubens nach außen hin glaubwürdiger vermitteln, aber natürlich auch nach innen hin.“

RV: Papst Franziskus hat in Richtung Orthodoxie signalisiert, er könne sich vorstellen, für die katholische Seite beim Ostertermin Kompromisse einzugehen. Wie könnte ein solcher Kompromiss aussehen?

Oeldemann: „Ich würde zunächst nicht von Kompromissen sprechen, weil das ist eine Sprache aus der Diplomatie und in der Ökumene geht es eher darum, gemeinsam Wege zu finden, wie man zu einer Lösung kommt. Nicht in dem Sinn, dass man sich auf den kleinsten Nenner einigt, sondern eine Lösung findet, mit der beide Seiten gut leben können. Aus meiner Sicht gibt es im Wesentlichen derzeit zwei Vorschläge, um das Problem zu lösen. Der eine wäre eine ganz neue Regelung zu treffen, etwa einen bestimmten Sonntag im April festzulegen, zweiter oder dritter Sonntag im April, wo künftig alle Christen gemeinsam Ostern feiern. Die andere Linie wäre, an der alten Regelung festzuhalten, also den Sonntag nach dem ersten Frühjahrsvollmond zu nehmen, aber sie etwas zu aktualisieren. Nämlich indem man alles mit den neuesten astronomischen Methoden berechnet und als Berechnungsgrundlage den Meridian von Jerusalem nimmt, also den Ort, wo Jesu Tod und Auferstehung geschehen sind. Das würde es nicht nur eine Adaption des julianischen Kalenders erfordern, sondern zumindest eine leichte Adaption auch des gregorianischen Kalenders.“

RV: Das klingt so, als sei das der zugänglichere Weg zum Finden eines gemeinsamen Ostertermins?

Oeldemann: „Aus meiner Sicht ist das in der Tat so, weil ich nicht glaube, dass die Orthodoxen sich auf eine Regelung einlassen würden, wo diese von einem altkirchlichen ökumenischen Konzil festgelegte Regelung aufgegeben wird und man ad hoc etwas ganz Neues vereinbart.“  

RV: Franziskus ist 2016 auf Kuba Patriarch Kyrill begegnet, dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen und damit der größten orthodoxen Kirche, und legt überhaupt größtmögliches ökumenische Entgegenkommen Richtung Moskau an den Tag. Meinen Sie, es gelingt ihm mit dieser Strategie, einen gemeinsamen Ostertermin zu erwirken?

Oeldemann: „Was man immer bedenken muss, ist dass die Orthodoxie nicht nur ein Zentrum hat, das entscheidet, sondern mehrere Zentren. Deshalb ist ein gemeinsamer Ostertermin nur mit allen gemeinsam zu erzielen. Es nützt nichts, nur mit Moskau eine Verständigung zu suchen, man muss auch Konstantinopel einbeziehen, der Patriarch dort steht traditionell an erster Stelle der orthodoxen Patriarchen, und man müsste natürlich auch die Patriarchen von Belgrad, Sofia undsoweiter einbeziehen, wenn man alle orthodoxen Kirchen dafür gewinnen will. Zudem ist zu bedenken, es gibt ja noch die orientalisch-orthodoxen Kirchen, die Armenier, die Kopten, die Syrer, die mit diesen Orthodoxen nicht in Kirchengemeinschaft stehen, sodass man eine zweite Konfessionsfamilie auch noch mit ins Boot hohen müsste. Es ist ein komplizierter Vorgang, an dem viele Partner beteiligt werden müssen.“

RV: Wo hakt es heute im Wesentlichen bei der Festlegung eines gemeinsamen Ostertermins? Ist es die Vielfalt in der Orthodoxie selbst?

Oeldemann: „Die ist sicher ein wesentlicher Faktor, es hakt aber auch daran, dass es bis heute kein Konzept gibt, von dem alle wirklich überzeugt sind. Ich habe ja die beiden grundlegen Modelle skizziert, fester Termin oder alte Regelung, leicht adaptiert, aber keines hat sich durchsetzen können. Dann ist es die mangelnde Einheit unter den Orthodoxen. Und letztlich muss man sagen, es fehlt ein Organ, das eine gesamtkirchliche Regelung beschließen könnte. Denn die alte Regelung geht ja zurück auf ein ökumenisches Konzil. Das bedeutet de facto eine Erneuerung, eine Aktualisierung könnte nur erfolgen, wenn es ein wirkliches ökumenisches Konzil gäbe, das diesen Beschluss fassen könnte. Danach sieht es momentan nicht aus, dass die Zeit dafür schon reif wäre.“

RV: In anderen Worten, gemeinsamer Ostertermin aller Christen, ein Werk langen Atems?

Oeldemann: „Dafür wird man langen Atem brauchen, ja. Und was ich mir für die Zwischenzeit erhoffe, ist dass es vielleicht gelingt, wenn nicht auf der weltweiten Ebene eine gemeinsame Regelung, dass man zumindest für die christlichen Kirchen in einem Land oder einer Region eine gemeinsame Regelung findet, das ist teilweise schon der Fall. In der Ukraine feiern nicht nur die Orthodoxen, sondern auch die Katholiken nach dem julianischen Kalender das Osterfest, das erleichtert die Situation zumindest für die konfessionsgemischten Familien.“

 

(rv 15.04.2017 gs)

15/04/2017 08:23