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Kreuzweg am Kolosseum: „Karsamstag ist ein weiblicher Moment"

Anne-Marie Pelletier - RV

10/04/2017 14:59

Der Karfreitags-Kreuzweg am Kolosseum mit dem Papst folgt einem nicht-traditionellen Schema. Das hat die Autorin der diesjährigen Meditationen, Anne-Marie Pelletier, im Gespräch mit Radio Vatikan vorab verraten. Die französische Bibelwissenschaftlerin, die 2014 mit dem Ratzinger-Preis für Theologie für Theologie geehrt wurde, hebt besonders in der letzten Station die Präsenz der Frauen rund um das Grab und die Auferstehung hervor.

„Der Kreuzweg hat kein verbindliches Schema, und so habe ich jene Momente ausgewählt, die mir besonders bedeutsam erscheinen. Etwa die Verleugnung Jesu durch Petrus und die Szene, in der Pilatus, als er von den hebräischen Autoritäten gefragt wird, erklärt, auch aus seiner Sicht müsse Christus ans Kreuz. Ich wollte daran erinnern, dass in diesem Punkt Juden und Heiden in Komplizenschaft vereint waren, sie wollten beide das Todesurteil für Jesus. Wir wissen, dass im Lauf der Jahrhunderte die Christen dazu neigten, die Verantwortung für den Tod Jesu den Juden zuzuschreiben. Aber die biblischen Texte helfen uns zu verstehen, dass wir uns in Wirklichkeit einem enormen spirituellen Drama gegenübersehen, in dem Juden und Heiden vereint sind in derselben Ablehnung von Christus, in derselben Gewalt, die zu seinem Todesurteil führt.“

Es „menschelt“ in den tragischen Ereignissen der Passion: das zu verdeutlichen, sei ihr ein Anliegen mit den Kreuzwegmeditationen, erklärt die Exegetin.

„Christus wird zum Tod verurteilt und der Gewalt der Menschen unterworfen. Das lehrt uns etwas: Wir müssen das erreichen, was Papst Franziskus in „Evangelii Gaudium“ die „Freude des Evangeliums“ nennt. Wir haben es da mit einem echten Paradox zu tun, denn vor den Augen haben wir ja eine Wirklichkeit des Scheiterns, des triumphierenden Leidens, das Reich des Todes. Es ist wichtig sich klar zu machen, dass das Christsein das Gegenteil ist von dieser Nötigung durch Tod und Gewalt - und dass die Liebe stärker ist. Die Liebe, die von Gott kommt, siegt über alles. Das zu bezeugen ist, denke ich, die Aufgabe der Christen in der Welt heute.“

„Der Karsamstag ist ein weiblicher Moment"

An der letzten, der 14. Kreuzwegstation hebt die Theologin die Anwesenheit der Frauen hervor – und geht damit abermals über das gewohnte Schema der Via Crucis hinaus, die üblicherweise mit der Betrachtung endet: „Jesus wird ins Grab gelegt“.

„Ich wollte, dass die 14. Station dem Karsamstag gilt. Das Evangelium bietet über diesen Tag nur wenige Worte, und diese widmen sich den Frauen. Es sind die Frauen, die, als sie von der Grablege Jesu zurückkehren, die Tücher vorbereiten, mit denen sie Jesus nach dem Sabbat einhüllen wollten. Auch wenn unsere Liturgie diesen Frauen keine große Resonanz gibt, denke ich, dass der Karsamstag ein grundlegender Moment ist. Er ist ein Moment der Sammlung, der Stille; er bereitet uns darauf vor, die Auferstehung zu sehen. Und der Karsamstag ist ein weiblicher Moment, er zeigt uns Frauen, die sich der Prüfung durch den Tod Jesu unterziehen – und die doch im selben Moment damit fortfahren, eine Haltung des Lebens einzunehmen. Sie bereiten die Tücher vor, mit denen sie den Körper von Christus ehren wollen, sie haben eine ganz andere Haltung als jene der Emmaus-Jünger. Die sind enttäuscht und desorientiert, aber die Frauen sind anders: sie sind einfach und nüchtern, sie bereiten die Tücher vor und halten sich so bereit für die große Überraschung der Verkündigung der Auferstehung.“

Mit dem Schreiben der Kreuzwegs-Meditationen betrauen die Päpste jedes Jahr neue Autoren und Autorinnen, auch um symbolisch die Last des Kreuzes mit ihnen zu teilen. 2016 schrieb sie Kardinal Gualtiero Bassetti, der Erzbischof von Perugia.

Die Texte für die Via Crucis stammen aber nicht immer von Bischöfen, ja nicht einmal immer von Katholiken. Papst Johannes Paul II. vertraute die Aufgabe auch ökumenisch und künstlerisch bedeutenden Persönlichkeiten an. Einmal stammten die Texte vom Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., ein anderes Mal von der evangelischen Ordensfrau Minke de Vries, Leiterin der ökumenischen Frauengemeinschaft von Grandchamp in der Schweiz, ein anderes Mal von 14 internationalen Vatikanjournalisten und -Journalistinnen. 2005 schrieb sie Kardinal Joseph Ratzinger, der knapp vier Wochen nach dem Karfreitag zu Johannes Pauls Nachfolger auf dem Stuhl Petri gewählt wurde.

Im Pontifikat von Papst Franziskus ist zum ersten Mal eine Frau mit den Kreuzwegs-Meditationen betraut. 

(rv 10.04.2017 gs)

10/04/2017 14:59