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Unser Buchtipp: 21.0 – Kurze Geschichte der Gegenwart

Die Skyline von Frankfurt am Main - REUTERS

25/02/2017 07:57

Er hat sich zum Schreiben – seine Danksagung verrät’s – zu den Benediktinerinnen der hl. Hildegard in Eibingen zurückgezogen, oder zu Zisterzienserinnen in Marienstatt. „Ein ganzes Kapitel“ ist ihm außerdem, wie wir an gleicher Stelle erfahren, während eines Konzerts in London „eingefallen“. Das Ergebnis fällt entsprechend ungewöhnlich aus: Mit „21.0 – Kurze Geschichte der Gegenwart“ legt Andreas Rödder nicht weniger als eine moderne „Summa“, eine umfassende Welterklärung vor.

Dabei entkräftet der Mainzer Historiker vorab den Einwand, die Analyse des Zeitgenössischen sei doch eigentlich nicht sein Beritt. Er liest einfach die sozialwissenschaftlichen Forschungen der Gegenwart als „Quellen und Literatur“ zugleich, an die er mit der Nüchternheit des Historikers herangeht. „Die Gegenwartsbetrachtung“, so spöttelt er mit einem Seitenblick auf Schlagworte wie „Anthropozän“ oder „Postmoderne“, „neigt dazu, welthistorische Brüche zu erkennen, wo die Geschichtswissenschaft nonchalant nichts Neues unter der Sonne entdeckt.“ Die Brille des Historikers sorgt also, so versichert Rödder, für einen „Mehrwert“: Da werden „große Linien“ erkennbar. Phänomene und Herausforderungen unserer Zeit bekommen auf einmal einen Echoraum ins Gestern, gewinnen „in ihren zeitlichen und räumlichen Kontexten“ klarere Konturen.

Und tatsächlich: Die Wette geht auf. Rödder findet in seiner ruhigen Darstellung des Jetztstandes (und wie es dazu kam) zu überraschenden Erkenntnissen. So kann er etwa, auf Zahlen gestützt, kaum etwas von der immer wieder beschworenen Krise der traditionellen Familie entdecken. „Die eheliche Kernfamilie ist zwar nicht mehr die exklusive Leitvorstellung, aber sie stellt weiterhin das Mehrheitsmodell dar“, so Rödder. „Auch das Adoptionsrecht als Ziel homosexueller Bestrebungen deutet auf die Attraktivität dieser Lebensform hin. Die Kontinuitäten sind größer, als es medienöffentlich scheint.“ Diese Stimme hat auf den letzten Bischofssynoden zu Ehe und Familie gefehlt.

Systematisch untersucht der Autor digitale Revolution, globalisierte Wirtschaft, Energiewende, Klimawandel, Religion, Konsumgesellschaft, Demographie, Genderfragen, den Stand der Demokratie, das europäische Projekt und die Weltgesellschaft. Zahlen und Fakten trägt er in einem seriösen, aber durchaus auch unterhaltenden Parlando vor. Hoffentlich hat Donald Trump solche Leute um sich herum, die unaufgeregt und präzise unsere Welt zu deuten wissen.

Andreas Rödder, 21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart, Beck Verlag, ca. 20 Euro

(rv 25.02.2017 sk)

25/02/2017 07:57