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Flüchtlingspolitik: Was lässt sich aus Vergangenheit lernen?

Archivbild: Ausstellung zur Shoah - ANSA

16/02/2017 10:11

Was lässt sich aus der Zeit des Holocaust für die aktuelle Flüchtlingskrise lernen? Dieser Frage geht eine internationale Konferenz ab diesem Donnerstag in Rom nach, die der Heilige Stuhl mitorganisiert hat. Historiker sowie Vertreter aus Politik, Kirche und von Hilfsorganisationen beleuchten dort Flüchtlingspolitiken weltweit ab 1933 und nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute. Initiiert wurde die Tagung „Refugee Policies from 1933 until Today: Challenges and Responsibilities“ von der „International Holocaust Remembrance Alliance“ (IHRA). Die internationale politische Organisation kümmert sich weltweit um Bildungsprojekte, Erinnerungsarbeit und Forschung rund um den Holocaust und das Thema Antisemitismus.

Was lehrt die Geschichte?

„Die Konferenz möchte Strategien untersuchen seit 1933, wie mit Flüchtlingen umgegangen worden ist, welche Probleme es gegeben hat, wie man diese Dinge gelöst hat, ob es in der Politik überhaupt da Parameter gibt, wie man die Dinge angehen kann, ob wir aus der Geschichte lernen können, um die heutige Situation besser in den Griff bekommen zu können“, fasst Pater Norbert Hofmann das Anliegen der zweitägigen Veranstaltung zusammen. Hofmann ist Sekretär für den Dialog mit dem Judentum im Päpstlichen Einheitsrat und Kontaktperson des Vatikan für die „International Holocaust Remembrance Alliance“; auf der Tagung tritt er u.a. als Moderator eines Panels zur Flüchtlingskrise der 1930er Jahre in Erscheinung.

Judentum erlebte Flucht und Ausgrenzung

Der vatikanische Dialogmann erinnert daran, dass die Erfahrungen des Judentums in der Geschichte eng mit Flucht und Abweisung verknüpft sind – nicht erst seit der Judenverfolgung zur Zeit des Holocaust. Hier böten sich Anknüpfungspunkte für die Situation heute: „Eigentlich ist es ja so, dass die Juden die Erfahrung der Flucht über die Jahrhunderte hin haben, und davon auch von dieser Erfahrung auch berichten können, wie man damit umgegangen ist. Und, sagen wir, das Schicksal der Juden könnte auch ein Beispiel sein, wie man heute mit Flüchtlingen umgeht.“

Sind die heutigen Kriegs- und Armutsflüchtlinge also, um es einmal verkürzt auszudrücken, die verfolgten Juden von gestern? Und tauchen heute alte Tendenzen des Nationalismus, der Abschottung, des Protektionismus in neuem Gesicht wieder auf? Pater Hofmann plädiert hier für eine differenzierte Sicht – die Motive der Flucht und des Ausschlusses müssten mit berücksichtigt werden. Im Kern der Flüchtlingsfrage gibt es für den Sekretär im päpstlichen Einheitsrat aber auch Gemeinsamkeiten: „Ich denke, man muss die Ursachen der Flucht beobachten. Bei den Juden war es natürlich die Politik der Nationalsozialisten, die Endlösung anzustreben. Und das ist natürlich eine andere Fluchtursache als die wir heute sehen können. Also Armuts- und Kriegsflüchtlinge, da ist ein anderes Motiv da. Aber: Flüchtlinge sind Menschen in Not, und da gilt es einfach zu helfen.“ 

Damals wie heute lasse sich zudem in Staaten eine „Spannung" beobachten - „zwischen dem Anspruch, den Menschen in Not zu helfen, und gleichzeitig auch die eigene Gesellschaft zu schützen" und eine „Überforderung des eigenen Gemeinwesens" zu verhindern. 

Vatikanische Flüchtlingspolitik: Schutz für Verfolgte

Eröffnet wird die Konferenz an diesem Donnerstagabend vom vatikanischen „Außenminister“, Erzbischof Paul Richard Gallagher, zusammen mit IHRA-Vertretern im „Palazzo della Cancelleria“ in der römischen Altstadt. Von Vatikanseite ist Erzbischof Silvano Maria Tomasi vom neuen Dikasterium zur Förderung der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen vertreten. Am Freitag referiert dann der Archivar des vatikanischen Staatssekretariats, Johan Ickx, über den Vatikan als Helfer und Zufluchtsort für verfolgte Juden zur Zeit des Holocaust. Dazu Hofmann: „Es ist offenkundig auch aus den Archiven des Vatikan, dass zur Zeit des Holocaust hier viele Verfolgte Schutz gefunden haben, und das wird auch aufgezeigt werden in der Konferenz, also der Archivar des Staatssekretariats wird einen Vortrag halten, indem er aufzeigt, wie der Vatikan wirklich die Tür geöffnet hat für Juden, für verfolgte Menschen zur Zeit des Holocaust, das ist teilweise gar nicht so bekannt.“

Über diese Zusammenhänge werde auch die Öffnung der Vatikanarchive zu Papst Pius XII. in den Weltkriegsjahren weiter Aufschluss geben, zeigt sich Hofmann überzeugt. Die Freigabe der Dokumente hatte sich zuletzt verzögert, weil die Sichtung Dutzender Bestände vatikanischer Botschaften noch nicht abgeschlossen sei, wie das vatikanische Geheimarchiv bekanntgegeben hatte. Während andere Staaten ihre Flüchtlingspolitik im Laufe der Geschichte änderten, könne man beim Heiligen Stuhl in dieser Hinsicht eine Konstante beobachten, so Pater Hofmann: „Der Vatikan hat immer versucht; Flüchtlingen zu helfen, zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Menschen verschollen waren, da gab es hier im Vatikan ein Büro, um Menschen ausfindig zu machen, die verschollen waren. Der Vatikan hat in dieser Hinsicht, was Flüchtlingspolitik betrifft oder Menschen in Not zu helfen, immer eine Rolle gespielt.“

Konkreter Output: Empfehlungen für die heutige Politik

Um konkrete Lösungen geht es auch bei der aktuellen Konferenz über Flüchtlingspolitiken in Rom. Ziel der Veranstaltung ist es laut den Veranstaltern, „positive“, „ethisch verantwortliche“ und „pragmatische“ Empfehlungen für die internationale Politik und Hilfsarbeit auszusprechen, um das Phänomen heute bewerten und ihm begegnen zu können. „Ich denke und hoffe, dass da auch der Ratschlag erteilt wird, eben diesen Menschen in Not Hilfe anzubieten und nicht die Türen zu verschließen“, so Pater Hofmann: „Nicht Protektionismus und Ausgrenzung sind die Lösungen für die Probleme unserer Tage, sondern Hilfe, Integration, Hinschauen auf die Not der Menschen und entsprechend reagieren.“

In diesem Kontext gebe es heute auch positive Beispiele von Ländern, in denen Immigration gefruchtet hat, gibt er zu bedenken. Das dürfe man nicht vergessen: „Die USA ist eigentlich eine Immigrationsgesellschaft. Israel ist eine Immigrationsgesellschaft. Und diese Gesellschaften haben es eigentlich sehr gut geschafft, ein blühendes Gemeinwesen initiieren zu können. Insofern sind Flüchtlinge nicht nur eine Bedrohung, Flüchtlinge, Menschen, Migrationsströme können auch eine Bereicherung sein.“

Hintergrund

Initiiert wurde die Tagung mit dem Titel „Refugee Policies from 1933 until Today: Challenges and Responsibilities“ von der „International Holocaust Remembrance Alliance“ (IHRA). Die internationale politische Organisation kümmert sich weltweit um Bildungsprojekte, Erinnerungsarbeit und Forschung rund um den Holocaust und das Thema Antisemitismus. Die Allianz umfasst 31 Mitgliedsländer und elf Länder mit Beobachterstatus sowie sieben internationale Partnerorganisationen wie etwa die Vereinten Nationen und der Europarat. Der Heilige Stuhl ist zwar kein Mitglied, hat aber seit zwei Jahren eine Kontaktperson zur Allianz: Es handelt sich dabei aktuell um Pater Norbert Hofmann, den Sekretär im Päpstlichen Einheitsrat für den Dialog mit dem Judentum.

(rv/international holocaust remembrance alliance 16.02.2017 pr)

16/02/2017 10:11