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Papstinterview: Liturgiereform, Predigen und Augenkontakt

Wenn er den Blick hebt, wird's besonders interessant: Franziskus predigt lieber frei - AFP

10/11/2016 10:47

Predigen liegt Papst Franziskus, er hat seine eigene Art der Vorbereitung und des spontanen Sprechens. In einem Interview mit dem Jesuitenpater Antonio Spadaro erklärt der Papst, was beim Predigen wichtig sei. Das Interview ist Teil eines an diesem Donnerstag in Italien erscheinenden Buchs, das übersetzte Predigten von Jorge Mario Bergoglio aus seiner Zeit vor der Papstwahl enthält.

„Ich erinnere mich eigentlich nicht an meine vergangenen Predigten“, sagt der Papst im Gespräch mit Pater Spadaro. „Die Predigt ist für mich etwas, was in die konkrete Situation des Augenblicks gehört und danach vergessen werden kann. Sie ist nicht etwas, was vom Prediger erinnert werden muss.“ Schon bei der Ausbildung habe er eine Abscheu gegen das beschriebene Papier bei der Predigt gehabt, so der Papst. „Ich bin davon überzeugt, dass nichts zwischen den Prediger und das Volk Gottes kommen darf. Nicht einmal ein Blatt Papier.“ Sein Lehrer habe ihn damals gefragt, weswegen er so gegen eine vorbereitete Predigt sei und er habe geantwortet: „Wenn ich lese, kann ich die Augen der Menschen nicht sehen.“ Daran erinnere er sich, als ob es heute wäre. Daran habe er sich auch seit seiner Priesterweihe immer gehalten.

Augenkontakt, auch auf dem Petersplatz

Genau das versuche er wenn möglich auch auf dem Petersplatz zu tun, er sehe die Menschen nicht als Masse, sondern suche sich mindestens eine Person heraus. Manchmal sei das wegen der Distanz unmöglich, das sei schlimm, aber er versuche es zumindest immer.

Wenn er jetzt doch Predigten vorlese, erinnere er sich an seine eigenen Worte als Student, so Papst Franziskus weiter. Deswegen weiche er auch gerne vom Text ab, genau dann suche er den Kontakt mit den Menschen. Wenn ihm das nicht gelinge, bleibe Unzufriedenheit, so Franziskus.

Eine Predigt sei keine Ansprache, führt der Papst in dem Interview weiter aus. Predigen sei Verkündigung, eine Ansprache sei eine Erklärung – das dürfe man nicht verwechseln. Manchmal „schlage“ er in seinen Predigten, gibt Franziskus zu. Manchmal brauche es das, ein anderes Mal brauche es dagegen Inspiration für die Hörer oder eine Gewissensrechenschaft, je nach Situation.

Vorbereitung der Morgenmesse

Auf die Morgenmessen beginne er sich schon am Tag zuvor vorzubereiten, gegen Mittag lese er den Text das erste Mal laut für sich. „Ich muss die Worte selber hören“, erklärt der Papst. Er mache sich Notizen über das, was ihm auffalle und unterstreiche Dinge. Während des restlichen Tages kämen und gingen dann die Gedanken, aber es gäbe auch Tage, an denen ihm nichts auffiele. „Dann tue ich das, was der heilige Ignatius [Gründer des Jesuitenordens] rät: eine Nacht darüber schlafen.“ Kein Papier vor sich liegen zu haben sei also nicht dasselbe wie nicht vorbereitet zu sein, im Gegenteil.

Nicht alle seine Predigten seien gleich gut, einige hätten stärkere Gedanken, andere schwächere, so der Papst selbstkritisch. Ihm habe das Predigen aber immer gut getan, es läge ihm. „Mich hat das immer glücklich gemacht“, so Franziskus wörtlich. Am liebsten seien ihm Kindermessen gewesen, erinnert er sich an seine Zeit als Pfarrer in Buenos Aires, vor seiner Zeit als Erzbischof dort.

„Von einer Reform der Reform zu sprechen, ist ein Irrtum“

Pater Spadaro fragt den Papst im Interview auch nach dem Bedürfnis einiger Gläubigen, zur lateinischen Sprache und der alten Form der Liturgie zurück zu kehren. „Papst Benedikt hat eine richtige und großzügige Geste vollzogen, indem er auf eine gewisse Mentalität verschiedener Gruppen und Menschen zugegangen ist, die nostalgisch waren und sich entfernt hatten“, so Papst Franziskus über die vatikanische Annäherung an die Priesterbruderschaft St. Pius X. während des vergangenen Pontifikates. „Aber das ist eine Ausnahme. Deswegen sprechen wir ja auch von der ‚außerordentlichen’ Form des Ritus. Das ist nicht die ordentliche Form.“ Man müsse das Zweite Vatikanische Konzil und die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium ihrem Sinn nach umsetzen. In der Vergangenheit war vor allem vom Präfekten der Liturgiekongregation, Kardinal Robert Sarah, eine ‚Reform der Reform’ vorgeschlagen worden und damit auch eine Wiedereinführung der gemeinsamen Gebetsrichtung aller Gläubigen wie vor dem Konzil. Das aufgreifend formuliert der Papst im Interview mit P. Spadaro: „Von einer Reform der Reform zu sprechen, ist ein Irrtum“.

Das Interview-Buch wurde an diesem Donnerstag im Vatikan von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, dem neuen Generaloberen der Jesuiten, Pater Arturo Sosa, dem ehemaligen Pressesprecher des Papstes, Jesuitenpater Federico Lombardi, und dem Herausgeber P. Antonio Spadaro gemeinsam vorgestellt.

(rv 10.11.2016 ord)

10/11/2016 10:47