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Buchtipp: Konvertiten. Ergreifende Glaubenszeugnisse

Graham Greene, einer der von Barbara Wenz porträtierten Konvertiten

06/08/2016 08:28

In „Konvertiten – ergreifende Glaubenszeugnisse“ legt die katholische Autorin Barbara Wenz Porträts von elf herausragenden Christen vor. Da ist der japanische Arzt Paul Takashi Nagai, der die Atombombe überlebte, der Superstar der deutschen Romantik Clemens Brentano, der durch die Begegnung mit der stigmatisierten Mystikerin Anna Katharina Emmerick zum Glauben fand, da ist die Jüdin Edith Stein, die in den Karmel eintrat und als Heilige in den Gaskammern von Auschwitz starb, der französische Schriftsteller Paul Claudel, der römische Rabbiner Israel Eugenio Zolli, der Pariser Erzbischof Kardinal Jean-Marie Lustiger und die US-amerikanische Sozialaktivistin Dorothy Day – sie alle haben wie einen Markstein ihre Konversion zur katholischen Kirche in ihrem Lebenslauf eingeschrieben. Die Momente von Bekehrung, ihre Umstände und ihre Folgen faszinieren die Autorin spürbar, wohl auch deshalb, weil sie selbst 2007 den Weg in die katholische Kirche fand. Gudrun Sailer sprach mit Barbara Wenz und fragte sie zunächst: Warum heute ein Buch über Konvertiten?

Barbara Wenz: „Ganz ehrlich soll das Buch einfach nur schöne poetische Geschichten erzählen. Es soll zeigen, wie viele vielfältige Arten es gibt, Gott zu begegnen, wie ungewöhnlich diese Begebenheiten sind, wie originell Gott teilweise eingreift in das Leben des Betroffenen, und wie erschütternd das sein kann.“

RV: Was sind denn oft auslösende Momente für eine Bekehrung, gibt es da eine Regel?

Barbara Wenz: „Das ist oft die Begegnung mit einem Menschen – manchmal sind es auch übernatürlich Ereignisse, Ratisbonne erschien zB gleich die Jungfrau Maria, das ist natürlich eine Traumkonversion, sozusagen…! Dann gibt es immer wieder Frauen im näheren Umfeld, bei Paul Takashi Nagai war es der Blick in die Augen seiner sterbenden Mutter, der ihn plötzlich zu der Überzeugung gelangen ließ, es müsse eine Ewigkeit geben. Finde ich sehr ungewöhnlich, normalerweise ist das so ein Moment, wenn man jemanden leiden und sterben sieht, wo man eher an die Vergänglichkeit als an die Sterblichkeit denkt, aber er war seit dem Moment überzeugt von der Ewigkeit…“

RV: Welche Widerstände erfahren Konvertiten aus ihrem eigenen Umfeld?

Barbara Wenz: „Das sind teils sehr heftige Widerstände. Bei mir war es die eigene Mutter, die anfangs nicht so begeistert war, weil unsere Familie eigentlich über Generationen stolze Protestanten waren, das ging aber nicht so weit wie bei Edith Stein, die sich mit ihrer Mutter komplett überworfen hatte. Aber es gibt massive Anfeindungen, und man verliert auch Freunde. Was ich manchmal verstehen kann, wenn man frisch bekehrt ist und ziemlich monothematisch nur noch auf eine Sache fixiert ist, die man jetzt entdeckt hat, die Kirche ist das größte Ding aller Zeiten: das ist wie bei einer ganz großen Verliebtheit, man hat nur noch diese eine Person im Sinn. Und wenn man gar keine anderen Themen mehr kennt, kann ich das verstehen, dass es die Leute im näheren Umfeld sehr ermüdet.

RV: Clemens Brentano erfuhr viel Spott nach seiner Bekehrung. Er, der Superstar der deutschen Literatur seiner Zeit, das Dichter-Wunderkind, bekehrt sich nach Begegnungen mit der demütigen, einfachen Katharina von Emmerick, Mystikerin, Stigmatisierte.

Barbara Wenz: „Es gibt dann noch so ein schönes Beispiel, auch hier, cherchez la femme, Fritz Michael Gerlich, der widerständige Journalist, der früh von Hitlers Schergen ermordet worden ist. Der wollte unbedingt die Therese von Konnersreuth bloßstellen, das als Schwindel entlarven. Er ging da hin, und sein einziges Ziel war zu beweisen, dass Therese von Konnersreuth eine Lügnerin ist, alles nur Theater. Er hat nichts gefunden, war dann aber so beeindruckt, dass er sie auch in einer Schrift verteidigt hat gegen Anfeindungen. Ja, und hat sich dann auf den Namen Michael taufen lassen.“

RV: Lässt sich sagen, woher die stärksten Reaktionen auf eine Konversion kommen?

Barbara Wenz: „Die extremste Reaktion des Umfelds finden wir bei Katholiken, die aus dem jüdischen Glauben hergekommen sind. Der ehemalige Oberrabbiner von Rom, Zolli, hat sich taufen lassen und galt daraufhin als tot für seine Gemeinde. Das kann ich sogar ein Stück weit nachvollziehen, weil es doch ein dramatischer Schritt gewesen ist, vom Oberrabbiner zum katholischen Christen zu werden. Ähnliche Probleme hatte der spätere Kardinal Lustiger. Man wird da mindestens für verrückt erklärt. Wenn es weit geht, wird man richtiggehend verstoßen.“

RV: Wie überstehen Konvertiten ein solches Wechselbad der Gefühle?

Barbara Wenz: „Da muss ein immenses Feuer in einem drin sein, etwas, das sich von nichts mehr zerstören lässt. Die hatten den Diamant ihres Lebens gefunden, den Sinn erreicht, Jesus und aus, danach kam für sie einfach nichts mehr.“

RV: Was sind die Punkte, die Konvertiten, wenn sie einmal getauft sind, an ihrer eigenen Kirche an den Rand der Verzweiflung bringen?

Barbara Wenz: „Es gibt da einen Punkt: Gleichgültigkeiten und Lieblosigkeiten in der Liturgie. Das ist mir vor allem bei Evelyn Waugh aufgefallen, der sehr enttäuscht war von der Kirche am Ende seines Lebens. Bei Graham Greene war es der Fall, dass er das Agatha Christie-Indult mit unterschrieben und darum gebeten hat, dass die sogenannte Alte Messe wieder gefeiert werden darf…“

RV: Warum Agatha Christie-Indult?

Barbara Wenz: „Das geschah wohl auf Initiative von Agatha Christie, und sie war wohl auch die prominenteste Künstlerin von jenen, die sich dort zusammengefunden haben.“

RV: Hatte das Schreiben einen Effekt?

Barbara Wenz: „Ja, es wurde 1971 wurde die Ausnahmeregelung, die nach Agatha Christie scherzhaft benannt worden ist, bewilligt. Jedenfalls: Die Vernachlässigungen im liturgischen Bereich, die Routine, das tut den meisten Konvertiten glaube ich sehr weh.“

RV: Was ist für religiös Suchende generell anziehend gerade an der katholischen Kirche? Und am Glauben?

Barbara Wenz: „Ich weiß nicht wirklich eine Antwort darauf. Ich kann das Phänomen nur von mir aus sichten und daraus Rückschlüsse ziehen. Es ist eben nicht nur eine Bekehrung zu Jesus Christus als Gottes Sohn oder zum Gläubigsein und -werden, sondern da ist noch etwas anderes bei Menschen, die in die katholische Kirche eintreten. Sonst könnten die ja auch „Hurra, Jesus!“ schreien und sich mit zwei Mitchristen an der Straßenecke jeden Sonntag versammeln, und das wäre dann auch völlig in Ordnung und gilt auch als Bekehrung. Aber nein, es ist die katholische Kirche, wofür man dann sehr angefeindet wird, weil die katholische Kirche ja für alle Übel der letzten 2000 Jahre der Menschheit herhalten muss... Es ist schon so, dass man auch die Institution liebt, dass man die Kirche als mystischen Leib Christi sieht, der von ihm gestiftet worden ist. Und da kann man nicht an der Straßenecke stehen – das heißt, man kann schon, aber dann ist man nicht direkt in der von Jesus Christus einberufenen Kirche. Das ist nun einmal die römisch-katholische, nach römisch-katholischer Sicht, natürlich.

Hinzu kommt ein unglaublicher Reichtum in jeglicher Sicht. Kunst, Kultur, alle Sparten der Geisteswissenshaft sind befruchtet worden, teils zur Blüte gebracht worden durch katholische Denker und Philosophen und Theologen. Man wird schon überwältigt von der ganzen großen Institution. Und man hat ein Faible für Hierarchie. Man empfindet Hierarchien als durchaus sinnvoll, wenn sie nicht in autoritären Machtstrukturen ausarten, aber wenn eine Ordnung von oben nach unten als sinnvoll empfunden wird, dann fühlt man sich meist auch recht wohl in der katholischen Kirche.“

RV: Die katholische Kirche gibt Sicherheit.

Barbara Wenz: „Richtig, es ist eine sehr verbindliche Konfession. Wir haben diese 245 Dogmen, die genau umreißen, was zu glauben ist und was nicht. Und die hat sich auch keiner irgendwie erfunden, sondern sie haben eine Geschichte, und sie wurden teils auch einfach dem gläubigen Volk geschenkt auf gewisse Weise. Da die Kirche von Jesus Christus gestiftet ist, ist sie auch erfüllt vom Heiligen Geist. Das möchte ich anderen kirchlichen Gemeinschaften nicht absprechen, aber bei der katholischen können wir zumindest zu 99,99 Prozent immer sicher sein...!“

RV: Ihr Buch zeigt die große Bandbreite dessen auf, wie Konvertiten den Glauben, den sie entdecken, der ihnen geschenkt wird, dann in ihr Leben integrieren. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die US-amerikanische Sozialaktivistin Dorothy Day.

Barbara Wenz: „Ein hochinteressantes Charisma, das Dorothy Day hat. Ich bin etwas um sie herumgeeiert, muss ich sagen; ihr sozialrevolutionärer Eifer, der sich katholische Bahnen gebrochen hat, war nicht etwas, was ich sofort mit „Konversion“ und Eintritt in die katholische Kirche und Spiritualität verbunden habe. Sie war ja sehr widerständig. Eine Aktivistin. Sehr ungewöhnlich. Man geht ja immer davon aus, die Katholiken, das sind brave Schafe, mir selber wurde auch einmal gesagt, jetzt hast du ja deinen Verstand an der Garderobe abgegeben… Sie war eine hochintelligente, politisch denkende Frau, stammte aus der Anarchistenszene, und die Anarchisten fassen es selber nicht und wissen nicht, was sie mit ihr anstellen sollen, weil sie eben eine katholische Anarchistin war. Und der katholischen Kirche geht es ähnlich."

RV: Dorothy Day wurde jung Mutter, als unverheiratete Frau, Alleinerzieherin. Und sie entdeckte ein quasi brachliegendes Feld der katholischen Betätigung.

Barbara Wenz: „Sie hat einen Riesenerfolg gehabt mit ihrer katholischen Arbeiterbewegung. Das war einmalig, dringend nötig, überfällig im 20. Jahrhundert. Sie hat das auf die Beine gestellt, zusammen mit ihrem geistlichen Begleiter. Die Kirche hat sich selber ein bisschen schwer damit getan. Jetzt erst versucht man langsam diese Gegensätzlichkeiten, die man bei ihr in Bezug auf die Kirche feststellen könnte, in eine Harmonie zu bringen, und das kann man sehr gut. Denn Dorothy Day hat durch ihre persönliche Lebensführung absolut überzeugen können. Sie stand in der echten Christusnachfolge, persönlich. Sie hat nach den evangelischen Räten gelebt, darüber gab es keinerlei Zweifel. Dadurch konnte sie viele Dinge widerständig tun, aus dieser unverrückbaren Nachfolge Jesu heraus – wer kann das schon von sich sagen?“

RV: Wie steht es mit Konversionen heute, jetzt gerade? Meinen Sie, auch Papst Franziskus sorgt in seiner Art nicht bloß für Neugier, sondern für echte Umkehr, für Konversionen eben?

Barbara Wenz: „Jeder Papst bewirkt Konversionen. Johannes Paul II. durch sein Zeugnis seiner Krankheit, seines Sterbens, Benedikt auf andere Weise, der hat Menschen angesprochen, die Glaube und Vernunft vielleicht bisher nicht unter einen Hut bringen konnten. Genauso bewirkt Franziskus Konversionen durch sein spezielles Charisma. Selbstverständlich gibt es Menschen, die sich von ihm besonders angezogen fühlen und deren Interesse am katholischen Glauben, an der Kirche stark geweckt worden ist. Papst Franziskus bewirkt Konversionen, davon bin ich überzeugt.“

 

„Konvertiten – ergreifende Glaubenszeugnisse“ von Barbara Wenz ist erschienen im Verlag Media Maria und kostet rund 15 Euro.

(rv 05.08.2016 gs)

06/08/2016 08:28