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Mexiko: „Eine große Papstreise in jeder Hinsicht“

Eine große Papstreise: Franziskus an der inneramerikanischen Grenze - REUTERS

18/02/2016 03:12

Was bleibt von Papst Franziskus´ Reise nach Mexiko? Das fragten wir unsere Kollegin in Mexiko Gudrun Sailer, die den Papst in den vergangenen fünf Tagen auf Schritt und Tritt beobachtet hat.

Gudrun Sailer: „Es war eine große Papstreise, groß in jeder Hinsicht. Der Papst kam in ein 120-Millionen-Land, in dem sich 90 Prozent der Menschen zur katholischen Kirche benennen, so viel wie nirgendwo sonst auf der Welt. Er kam in die Mitte der katholischen Welt, und doch zugleich in die Peripherien, die dieses Land zuhauf bietet. Mit Absicht hat Franziskus Orte ausgesucht, an denen noch nie zuvor ein Papst war, Orte, die für die größten Tragödien der zeitgenössischen Welt stehen, das schlimmste, was Menschen Menschen antun können: Gewalt, Drogen, Korruption, Folter, Erpressung, organisierte Kriminalität, Menschenhandel, Migration. Nicht nur, dass Franziskus klare Worte gefunden hat, diese Tragödien beim Namen zu nennen, wo der einladenden mexikanischen Regierung ein wenig Zurückhaltung lieber gewesen wäre. Der Papst hat es gleichzeitig geschafft, den Blick der Mexikaner zu heben und ihnen zu sagen: Ihr könnt umkehren, es ist nicht zu spät, es ist die Zeit der Rettung, wenn ihr die Hand von Jesus nicht loslasst.“

Radio Vatikan: Ist diese Botschaft auch angekommen?

Sailer: „Ich habe den Eindruck gewonnen, Mexiko hat sich wirklich eingelassen auf den Papst und das, was er zu sagen hatte. Sie hingen an seinen Lippen. Das taten sie damals auch, als Papst Benedikt XVI. und vor ihm fünfmal Papst Johannes Paul II. kam – und doch, meine ich, hat es für die Menschen in Mexiko einen Unterschied gemacht, ob da ein Lateinamerikaner kommt. Bergoglio kennt die vielen Gesichter der Armut auf diesem Kontinent aus eigener Anschauung, aus Jahrzehnten, die er als Hirte zugebracht hat. Und er hat ein fast allmächtiges Heilmittel ausgepackt, das sein ganzes Pontifikat prägt und schärft: Barmherzigkeit. Es war die erste Papstreise im Jahr der Barmherzigkeit. Und natürlich hat Franziskus nicht darauf verzichtet zu erklären, warum die Barmherzigkeit Gottes alles ändert. Barmherzigkeit zerstört nicht, sondern sie dringt in das Böse ein und verändert es von innen. Und wenn das so ist, dann ist nichts verloren. Ich glaube, das ist eine Botschaft, die im Land bleibt.“

RV: Hat der Besuch in Chiapas bei den Indigenen etwas zum besseren geändert?

Sailer: „Wie gut täte uns allen eine Gewissenserforschung und zu lernen, um Verzeihung zu bitten: “Verzeiht, Brüder und Schwestern!” Das war einer der am meisten wahrgenommene Satz dieser Papstreise. Die Indigenen sind die Ärmsten des Kontinents, systematisch ausgeschlossen und benachteiligt, wie Franziskus sagte. Auch in der Kirche war das lange genug so, und es gab bis in jüngste Jahre hinein Misstrauen gegen Bischöfe, die sich für die Indigenen und ihre Rechte einsetzten. Nach dem Besuch von Papst Franziskus kann keiner mehr sagen, dass ein solches Misstrauen angebracht ist. Das ist ein Schritt nach vorn.“

RV: Franziskus ist ein Papst, der seine Botschaften nicht nur mit Worten, sondern besonders auch mit Gesten übermittelt. Welche Gesten dieser Mexikoreise bleiben haften?

Sailer: „Die Wahl der Orte. Der Kreuzstab, den er im Gefängnis aus der Hand eines Insassen entgegengenommen hat, den hat er am Schluss der Messe in Ciudad Juarez in der Hand, als er den Segen erteilte. Noch ein anderer Kreuzstab: der von Bischof Vasco de Quiroga aus dem 16. Jahrhundert in Morelia, ein Bischof, der die Indios beschützte; Franziskus feierte auch mit dem historischen Kelch dieses Bischofs die Messe. Die stärkste Geste, das stärkste Bild war aus meiner Sicht der Gang von Franziskus zu diesem Kreuz an der Grenze in Ciudad Juarez. Zu Füßen des Kreuzes standen diese Turnschuhe, die zu einem toten Migranten gehören. Er hat sie gesegnet. Und ganz zu Beginn der Reise: diese halbe Stunde, die die Leute dem Papst allein mit der Jungfrau von Guadalupe gegönnt haben, bei der Patronin Amerikas. Man sah ihn da oben in dem Heiligtum durch den Bilderrahmen, in dem normalerweise das Gnadenbild steckt, das war aber zum Papst gedreht, und man sah den Papst durch ihren Rahmen; die Leute und alle Bischöfe unten in der Basilika sahen nach oben, sahen zum betenden Papst. Das war, wie wenn einer da oben stellvertretend für alle bei der Muttergottes um Fürsprache für das Land bittet.“

RV: Gibt es auch eine Art politischen Erfolg der Papstreise?

Sailer: „Eingeladen und bezahlt hat den Besuch von Papst Franziskus in Mexiko die mexikanische Regierung. Da wurde eine Menge Geld investiert. Und das sah man: das Präsidentenpaar war oft präsent, gern inmitten von Glitzerszenen wie bei der Begrüßung und der Verabschiedung am Flughafen, die mit sichtlicher Lust am Pomp inszeniert waren. Die Kirche in Mexiko selbst hätte sich den Papstbesuch, zumal einen solchen, sicherlich nicht leisten können, in Mexiko gibt es keine Kirchensteuer, die Kirche lebt von Gönnern und Spendern. Den Papstbesuch von Benedikt XVI. damals hatte, das war hier zu hören, Mexikos berühmtester Milliardär Carlos Slim bezahlt, dessen Sohn sehr fromm sein soll. Es muss die Frage erlaubt sein, was besser ist oder vielmehr was weniger fragwürdig ist: private Sponsoren bei einer Papstreise oder eine alles bezahlende Regierung. Beide erhoffen sich Gewinne, in welcher Form auch immer.“

RV: Wie viele Menschen haben den Papst in Mexiko gesehen?

Sailer: „Nun, darin liegt der eigentliche „Erfolg“ der Reise: Pro Tag eine Million Menschen, die Franziskus direkt gesehen haben, nicht gerechnet via Fernsehen. Die Leute standen längs der Papamobil-Strecken und jubelten aus vollen Kehlen, einen solchen Papst-Jubel gibt es sonst bestenfalls in Brasilien. Lateinamerika hat gewissermaßen seinen Papst gefunden.”

(rv 17.02.2016 gs)

 

18/02/2016 03:12