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Menschen in der Zeit: Hans-Joachim Schellnhuber

Bei der Vorstellung der Sozialenzyklika: Prof. Schellnhuber - AP

03/01/2016 09:51

Er spricht von „Fernstenliebe“ als Erweiterung der „Nächstenliebe“ auf die noch nicht geborenen Generationen und glaubt an die Fähigkeit des Menschen, umzukehren. Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber war beiteiligt an der Verfassung und später der Vorstellung der Sozialenzyklika des Papstes, Laudato Si'.

Herr Prof. Dr. Schellnhuber, wir danken für Ihre Bereitschaft uns ein Interview zu gewähren, das – wenige Tage nach dem Pariser Welt-Klimagipfel – diesem äußerst wichtigen Ereignis -  zum Kernpunkt haben wird. Papst Franziskus hat Sie, Herr Professor,  als bedeutenden Physiker und Klimaforscher in seine päpstliche Akademie der Wissenschaften berufen. Aufgabe dieser vatikanischen Institution ist es, die Forschung eigentlich auf allen Gebieten weiter zu fördern. Sie besteht aus 80 vom Papst ernannten internationalen Experten unterschiedlicher Disziplinen. Eine dieser Disziplinen heißt Umweltschutz, den Sie, Herr Schellnhuber zu Ihrem Lebensthema und den Papst Franziskus zu seiner eigenen Chefsache erhoben hat. Und dazu sogar ein Lehrschreiben herausgegeben hat. Mit dem Namen „Laudato si”. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte ist eine Enzyklika dem mittlerweile in Frage gestellten Fortbestehen unseres Planeten Erde gewidmet. Ein Lehrschreiben, das immer wieder als “Regierungserklärung” von Papst Franziskus bezeichnet wird. Herr Schellnhuber,. Sie sind der verantwortliche Leiter des weltweit renommierten Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung seitdem das Institut 1992 von Ihnen gegründet wurde. Sie sind Professor für Theoretische Physik an der Universität Potsdam und External Professor am Santa Fe Institut in den USA. Darüber hinaus sind Sie Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen. Ich hoffe, ich habe alles richtig gesagt. Sie haben also den Klimaschutz sozusagen zu Ihrem menschlichen und wissenschaftlichen Junktim erhoben. Eingangs die Frage: Wie ist es dazu eigentlich gekommen?

„Zunächst einmal haben Sie ganz korrekt wichtige Kerndaten aus meinem Leben geschildert. Es ist dazu gekommen, dass ich Physik und Mathematik studiert habe, mich dann in der theoretischen Physik habilitiert habe, bin aber sehr früh in ein Gebiet eingestiegen, das damals Chaosforschung hieß, also in den 70er-Jahren sich schon entwickelte. In den USA konnte ich arbeiten mit führenden Persönlichkeiten auf diesem jungen Gebiet und da geht es letztendlich darum, sehr komplexe Systeme zu verstehen, und mit die komplexesten Systeme finden wir in der Natur, das können Wolken sein, das können Muster im Wattenmeer sein, das können natürlich biologische Systeme sein und das komplexeste System ist das Klimasystem. Insofern bin ich über die wissenschaftliche Neugier zum Umweltthema gekommen und damit am Schluss auch zum Umweltschutz.”

RV: Auf der UNO-Klimakonferenz in Paris gelang ein seit Jahren herbei ersehnter Durchbruch: Nach langen Verhandlungen schlossen fast 200 Staaten in Paris einen neuen Weltklimavertrag. Erstmals verpflichtet sich fast die gesamte Staatengemeinschaft vertraglich auf einen gemeinsamen Weg im Kampf gegen die Erderwärmung. In dem Vertrag, der ab dem Jahr 2020 in Kraft treten wird, haben sich die Staaten sehr ambitionierte Ziele gesetzt. Welche sind die Wichtigsten?

„Es ist zunächst einmal vereinbart worden und das war in gewisser Weise eine politische Überraschung- ich denke auch der Vatikan hat dazu seinen Teil beigetragen -  dass man sagte, man muss so etwas wie einen „cordon sanitaire” schaffen, also einen Korridor, mit dem wir die Erderwärmung begrenzen und dieser Korridor liegt jetzt zwischen 1,5 und 2 Grad. Also völkerrechtlich ist das gelegt, dass die Erderwärmung deutlich unter 2 Grad begrenzt werden soll, dass wir aber alle unternehmen sollen, um möglichst sogar bei 1,5 den Planeten landen können. Zweitens ist eben auch gesagt worden, das bedeutet letztendlich, dass wir in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts im Grunde genommen netto 0 Emissionen von Treibhausgasen haben müssen, was wiederum bedeutet, dass wir CO2, das wichtigste Treibhausgas, im Grunde genommen im Zeitfenster zwischen 2050 und 2070 auf 0 fahren müssen. Und dann drittens: Es gibt die gegenseitige Festlegung darauf, sich selbst in die Karten schauen zu lassen, also Indien würde China in die Karten schauen lassen, und die USA Europa, und so weiter. Es wird also Transparenz bei den Zielen versprochen und ganz bemerkenswert gewissermaßen im Kleingedruckten, aber umso wichtiger:  Das Niveau des Ehrgeizes, das Niveau der Anstrengung, soll alle 5 Jahre dann wirklich erhöht werden. Man darf nicht stehen bleiben bei dem, was man versprochen hat, muss sich weiterhin anstrengen und das ist auch bitter nötig, um die Grenze von 1,5 Grad Celsius überhaupt in den Blick nehmen zu können.”

RV: Wem, welchen von den fast 200 Staatsmännern würden Sie die Note eins bei den Verhandlungen der Klimakonferenz in Paris geben?
„Ich denke, dass 3 Figuren wirklich zu nennen sind, und das ist meine bescheidene, persönliche Bewertung. Also die Mechanik der Verhandlungen hat natürlich ganz eindeutig mitbestimmt John Kerry, der Außenminister der USA, der im direkten Auftrag von Präsident Obama unterwegs war, und der – ich habe öfters mit ihm persönlich gesprochen – das Klimaproblem auch wissenschaftlich sehr gut versteht. Dann gehört sicherlich jemandem auch die Note 1, den ich die Ehre habe, auch selbst zu beraten. Das ist sicher die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, die ja theoretische Physikerin ist, gelernte, und die sich sehr früh in Europa zu einer überragenden Fürsprecherin für den Klimaschutz entwickelt hat. Und dann eine weitere Person, die nicht vor Ort war, das ist sicher Papst Franziskus. Wo immer ich hinkomme und mit Wissenschaftlern oder auch Laien spreche, man sagt, die Enzyklika „Laudato Si” ist so etwas – im Englischen sagt man Game Changer – was die öffentliche Debatte völlig verändert hat. Also die drei Personen würde ich auf jeden Fall mit der Note 1 bedenken.”

RV: Um Ihre Botschaften besonders eindrucksvoll zu vermitteln, bedienen Sie sich literarisch zuweilen sehr anschaulicher Szenarien: eigentlich Schreckensszenarien. Zum Beispiel sprechen Sie von einer globalen Selbstverbrennung, oder einem Klimawandel, der sich wie ein Asteroideneinschlag, in Zeitlupe abspielt, oder Sie sagen: wenn ein Mensch hohes Fieber hat und zwei Grad dazukommen, dann ist er tot. Ist das gekonnte Werbung, bewusste Schwarz-Weißmalerei oder physikalische Befundsaufnahme eines renommierten Forschers?

„Ich muss natürlich sagen: Es ist das letztere, das verstehen Sie, aber es ist tatsächlich keine Panikmache, weil man denkt ja sehr, sehr lange – ich denke seit 30 Jahren – darüber nach, wie man die Botschaft vermitteln soll. Und wenn ich von Selbstverbrennung spreche, was ja auch der Titel meines neuen Buches ist, dann ist das schon ernst gemeint. Wenn wir alles, was wir an fossilen Ressourcen wirtschaftlich noch fördern können, in der Tat in diesem Jahrhundert verbrennen würden, dann würde sich die Erde längerfristig – also in den nächsten 200-300 Jahren – um 8 oder gar 12 Grad erwärmen. Und dann würde das menschliche Leben rein physiologisch in einigen Regionen der Erde nicht mehr möglich sein. Und, ich glaube, das kann man durchaus mit diesem Begriff der Selbstverbrennung zusammenbringen, das wäre der thermale Tod gewissermaßen ganzer Kulturen. Der Asteroideneinschlag in Zeitlupe bezieht sich darauf, dass der Klimawandel eben deswegen so schwer zu stoppen ist, weil er so langsam daherkommt: Weil, wenn Sie direkt ein Geschoß auf sich zurasen sehen, werden sie sich sofort zu Boden werfen. Wenn aber etwas fast unmerklich langsam vor sich geht, aber dennoch mit unerbittlicher Gewalt, dann ist es sehr schwer, auszuweichen. Da muss man sich dann auch langfristig anpassen in diesem Fall. Und das mit dem Fieber habe ich festgestellt – ich habe ja selbst mitgeholfen, die 2-Grad-Debatte zu beginnen – und Sie wissen, in der Regel zucken Menschen mit den Achseln, wenn man sagt 2 Grad Erwärmung. Wenn ich jetzt aus einem warmen Zimmer ins freie trete, dann ist der Unterschied vielleicht 10 Grad. Wenn man mit dem Flugzeug irgendwohin fliegt, dann vielleicht noch mehr. Da muss man sagen, wir reden gewissermaßen von der inneren Körpertemperatur der Erde, unseres gesamten Planeten, und da sind schon Schwankungen von einem Zehntel Grad enorme Ausschläge. Eine Erwärmung von 4 oder 5 Grad würde insofern tödlich sein.”

RV: Sie haben schon viele Verantwortungsträger in Politik, Wissenschaft und Kultur beraten: angefangen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die EU-Kommission, den UN-Generalsekretär und last but not least das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus. Der Klimagipfel in Paris wurde von Ihnen ja apokalyptisch als allerletzte Chance für ein Umdenken der Menschen, der Menschheit bezeichnet. Wird der Vertrag am Ende das halten, was er verspricht?  

„Ja, das mit der letzten Chance ist auch wiederum rein physikalisch begründet. Weil: Wenn jetzt die Vereinten Nationen 1,5 Grad sagen, dann bedeutet das eine enorme Transformation der Weltwirtschaft in den nächsten drei, vier, fünf Jahrzehnten. Anders ist es rein physikalisch, naturwissenschaftlich nicht zu schaffen. Insofern wäre, wenn diese Chance von Paris verpasst worden wäre, eigentlich keine Chance mehr, den Klimawandel in beherrschbaren Maßen zu halten. Was ich in Paris besonders bemerkenswert fand, was uns auf wirklich Hoffnung gibt: Der Geist, der dort herrscht. Und ich habe das auch in einem Interview so gesagt: Der Geist von Paris hat die Gespenster von Kopenhagen vertrieben, wo 2009 ja der Klimagipfel krachend gescheitert ist. Ich war damals mit dabei. Es war eine überaus deprimierendes Erlebnis und dass eben die Franzosen, die Pariser, trotz der Terroranschläge zwei, drei Wochen zuvor dann Kraft hatten, die Begeisterung, die Fähigkeit, einen so großartigen Gipfel zu organisieren, wo man auch fühlte, ja die Menschen gehören zusammen, sie vertrauen einander und sie müssen zusammen auch die Zukunft gestalten. Das kann gar nicht genug gewürdigt werden.”

RV: Die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels bestimmen die Chronik unserer Tage: meistens sind die Ärmsten der Amen davon betroffen: der Klimawandel in der Ära des heutigen Papstes – der die Barmherzigkeit seines Namensträgers auf sein Banner geschrieben hat, - ist in der Tat auch mit einer moralischen Verpflichtung verbunden. Durch die Enzyklika “Laudato si” wird die Barmherzigkeit als ein zentraler Auftrag der gesamten Kirche und nicht nur der Kirche dargestellt. Das Lehrschreiben fasst die heutige Problemlage gut zusammen, denke ich, und zeigt auf, dass die Ergebnisse aus spiritueller Perspektive dieselben sind, wie aus wissenschaftlicher Sicht. Und nun kommt eine schwierige Frage: Gehören Glauben und Vernunft also zusammen?

„Sie gehören nicht immer zusammen. Man kann die Vernunft im Rahmen von rein wissenschaftlichen Untersuchungen betreiben, und man kann natürlich Spiritualität auch in ganz eigenen Formaten entwickeln oder leben in diesem Fall. Aber wenn es um die ganz großen Herausforderungen geht, wenn es darum geht, die Zukunft des menschlichen Projektes auf Erden zu gestalten, dann, denke ich, wird das eine ohne das andere nicht auskommen können, nicht erfolgreich sein können. Dann ist es eben entscheidend, dass ich einen Begriff, einen außerordentlich schwierigen Begriff – vielleicht schwieriger als Ihre Frage ins Spiel bringe –, den ich vor einiger Zeit so formuliert habe, der „Fernstenliebe”. Die Nächstenliebe ist schon schwierig genug, aber hier geht es darum, Liebe zu empfinden und entsprechend zu handeln, ja Liebe zu empfinden mit Menschen, die noch nicht geboren sind oder auf der anderen Seite des Planeten wohnen oder beides in diesem Fall. Und der Klimawandel ist genau diese Herausforderung und, wenn ich nicht über die Wissenschaft, den kausalen Zusammenhang, wüsste zwischen mir heute und einem Kind vielleicht in hundert Jahren auf der anderen Seite des Globus. Wenn ich über die Wissenschaft diesen Zusammenhang nicht erklärt bekäme, dann wäre ich auch nicht in der Lage, diese Empathie zu empfinden. Warum empfinde ich Empathie? Weil ich an das Gute im Menschen glaube, weil ich daran glaube, dass wir gemeinsame Werte haben, dass wir die Schöpfung bewahren müssen. Und ja: So muss eben Glaube und Vernunft Hand in Hand gehen.”

RV: Glauben Sie als Mensch und Wissenschaftler an die Fähigkeit des Menschen zur Umkehr, zur Herzensbildung, zur Demut, zur Freude an den kleinen Dingen, zur Achtsamkeit, wie sie uns Papst Franziskus im Lehrschreiben „Laudato si” ans Herz legt?

„Ja, ich kann nicht für die anderen Menschen sprechen. Ich kann nur in mich selbst hineinhorchen, mich prüfen. Und die Antwort ist die : Nicht immer habe ich diese Fähigkeiten besessen. Oder ich besitze sie nicht immer, aber sie kommen manchmal zum Vorschein und, wenn die Not am größten ist, müssen sie sich am stärksten entfalten. Insofern wenn ich von mir selbst auf andere schließe, trotz aller Zerrissenheit, ist die Antwort : Ja, ich glaube daran.”

Die Fragen stellte Aldo Parmeggiani

 

(rv 03.01.2015 ord)

03/01/2016 09:51