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Seide statt Wolle: Eine Tagung zum Papsttum der Renaissance

Papst Sixtus IV. ist einer der großen Renaissance-Päpste - ANSA

07/12/2015 15:08

Eine Tagung zum Papsttum der Renaissance beleuchtete vergangene Woche in Rom Kunst, materielle Kultur und Transformationen in jener weit ausstrahlenden Epoche der Kirche. Die Renaissance, erste Etappe der großen Zeitenwende nach dem Mittelalter, legte ein neues Bild vom Menschen vor. Buchdruck, die „Entdeckung“ Amerikas, Reformation und Gegenreformation, das und mehr bestimmte Bild und Wesen nicht nur der Gesellschaft der Renaissance, sondern auch von Papst und Kurie.

Wer heute an die großen Renaissance-Päpste wie Sixtus IV., Alexander VI. oder Julius II. denkt, denkt an Bauwut, Ämterkauf, Nepotismus, Intrigen, Hang zu Luxus und Verschwendung, Ablasshandel und anderes mehr. Zugleich förderten die machtbewussten Päpste der beginnenden Neuzeit  Wissenschaft und Kunst, und manch einer war ein begabter Verwalter, der den Kirchenstaat zum gutfunktionierenden Fürstentum mit ausgewogenen Finanzen ausbaute. Gegensätze und Spannungsfelder im Papsttum der Renaissance, die der Kongress am Deutschen Historischen Institut und dem Römischen Institut der Görres-Gesellschaft ausleuchtete. Eines der Schlaglichter galt der schon von Zeitgenossen bewunderten wie kritisierten materiellen Kultur der Renaissance-Päpste.

„Man muss bedenken, dass der Papsthof ein Fürstenhof ist und entsprechend wie alle Fürstenhöfe der Zeit eine ausgeprägte Kultur entwickelt hat“, erklärt die in München lehrende Historikerin Claudia Märtl. In anderen Worten: die Päpste des 15. und 16. Jahrhunderts liebten Luxus.

Der Anspruch: edle Stoffe, Mode, Tragekomfort

„Es werden hohe Ansprüche  gestellt was etwa den Wert der Materialien betrifft oder die Verarbeitung. Es werden seltene, exotische Stoffe verwendet, Seide und Samt, die hochwertig verarbeitet werden, mit handwerklichem Können. Man richtet sich nach der Mode und den Zeitströmungen. Es ist zudem eine Kultur, die auf Gesichtspunkte wert legt, die uns auch noch wichtig sind, wie z.B.: Bequemlichkeit, Vielfalt des Warenangebots, Wert der Materialien.“ 

Über die Bandbreite der Objekte und Materialien, die am Papsthof der Renaissance Verwendung fanden, sind wir schriftlich gut unterrichtet, weil in vatikanischen und römischen Archiven reichhaltige schriftliche Aufzeichnungen dazu liegen. Materiell überlebt haben die Zeitläufte aber nur wenige Objekte. Anders als Kunstwerke, sind etwa liturgische Gewänder aus der Renaissance außerordentlich rar, ganz zu schweigen von hochwertigen Alltagsgegenständen. Doch auch von den emblematischsten Gegenständen der Renaissance-Päpste, jene, die ihre volle Macht repräsentierten, sind nur wenige auf uns gekommen.

„Was vielleicht merkwürdig ist, was ja in früheren Zeiten jedenfalls vor 1964 sehr stark mit dem Bild des Papstes verbunden war, die Tiara, die können wir sehr gut dokumentieren in den Rechnungen, aber es ist keine einzige erhalten geblieben.“

Kritik an „Rom" ist älter als das Rom der Renaissance-Päpste

Dass an der römischen Kurie ein solcher Prunk herrschte, war nicht allenthalben gern gesehen. Bemerkenswerterweise war diese Art der Kritik sehr viel älter als die Renaissance und ihre machtbewussten Päpste. Der Mainzer Historiker Michael Matheus, der Organisator der Tagung „Die Päpste und die Einheit der Lateinischen Welt“, arbeitete sich durch die „Papstfresserliteratur“  (Harald Müller) der Renaissance und fand heraus, dass im Grunde gar keine neuen Vorwürfe laut wurden. „Sondern das, was es an Vorwürfen gegenüber dem Finanzgebaren gab - die Ablässe waren ein konkreter Anlass - geht im Grundsatz auf frühere Jahrhunderte zurück. Spätestens seit dem 11., 12. Jahrhundert ist das ganze Reservoir an Rom- und Papstkritik präsent, das wir dann noch im 15./16. Jahrhundert haben.“ Schon im 12. Jahrhundert beispielsweise galt Rom als Synonym für Raubsucht und Völlerei. Und doch sieht Matheus eine entscheidende Neuerung im Klagen des 15. Jahrhunderts über Papst und Kurie.

Es geht um eine Frage der Wahrnehmung, die auf gerader Linie zur Reformation führt. Der Historiker beobachtet, „dass die von den späteren Reformatoren übernommene Kritik sich mit nationalen Elementen verbindet. Das heißt, was neu ist im 15. Jahrhundert, ist die Vorstellung, dass Deutschland, das man als Germania bezeichnet, finanziell stärker zu bluten hat als andere Nationen in Europa. Wir wissen unterdessen, dass das keine Wahrnehmung realer Geldflüsse ist, sondern dass das eher andersherum ist, dass aus Frankreich und Spanien mehr Geld nach Rom geflossen ist als aus Deutschland. Und wir haben hier das Problem, dass Wahrnehmung und realer Geldfluss nicht übereinstimmen. Und da sehe ich Potentiale für zukünftige Forschung.“

Im Übrigen waren Ideen einer Kurienreform des Materiellen und Geistigen natürlich nicht nur in Deutschland lebendig, sondern auch an der Kurie selbst. Claudia Märtl:

„Es war nicht so, dass die Personen in der Kurie nicht wahrgenommen hätten, was an ihnen kritisiert wird, es gab auch einzelne Bettelordensvertreter in der Kurie bei den Kardinälen, die entsprechende Ideen entwickelt haben. Man kann sagen, dass eine solche Kurienreform, wie sie etwa Nikolaus von Kues entworfen hat, der da sehr detailliert war, sicher nicht die Repräsentation vollkommen abgeschafft hätte. Denn es gehört zur angemessenen Behandlung des Sakralen dazu, in einer gewissen Form aufzutreten und es gehört auch zum zeitgenössischen Verständnis dazu, in einer hierarchischen Gesellschaft zu leben, die sich auch nach außen darstellen musste.“

Gegenbilder der Kargheit waren vorhanden

Wie hätten Modelle einer Reform von Papst und Kurie weg vom Materiellen und Weltlichen aussehen können? Gab es Vorbilder? Durchaus, und man musste nicht einmal auf die Evangelien und die Lebensweise Jesu und der Jünger zurückgreifen.

 „Konkret hatte man in der eigenen Gegenwart Gegenentwürfe in der Gestalt der Bettelorden. Vor allen Dingen der Franziskaner, und es gab speziell im 15. Jahrhundert nochmals eine neue Bewegung, die Franziskaner zur ursprünglichen Idee ihres Gründers Franz von Assisi zurückzuführen, das Observantentum, also eine ganz extreme arme Lebensweise des einzelnen Bruders wurde da propagiert, mit Vorschriften, aus welchem Stoff die Kutte sein dürfe, wie umfangreich, wie kurz oder lang sie sein darf, es durfte nicht zu viel Stoff für die Kutte verbraucht werden, das Barfüßertum wurde wörtlich genommen, also keine Strümpfe, sondern Holzschuhe, und solche haben wir auch erhalten, da kann man sich vorstellen, wie ein Franziskaner aufgetreten ist. Das war sicher ein lebendiges Gegenmodell, wie Kirche und geistliche Lebensform auch aussehen könnte.“

Das wären ziemlich andere Renaissance-Päpste geworden: in kratziger Wolle statt Seide, in Holzschuhen statt Samtpantoffeln, und für Kelch und Patene in der Eucharistie Keramik statt Gold.

„Es wäre ein Veralltäglichung des Auftretens der Kirche geworden. Die Frage ist natürlich, ob in der zeitgenössischen Mentalität der westlichen Christenheit sich eine solche Form der Präsentation von sakralen Inhalten hätte verwirklichen lassen.“

Synodalität versus Papismus: damals wie heute

Nun beruft sich der heute amtierende Papst auf den Gründer des Bettelordens schlechthin, Franz von Assisi. Mit seiner Art, das Papstamt zu leben, lenkt Franziskus den Blick neu auf bestimmte Formen des Nebeneinanders, die in der Renaissance bereits angelegt waren. Michael Matheus:

„Das Interessante ist ja, dass wir in diesem langen 15. Jahrhundert zwei Pole haben. Einerseits ein Kirchenverständnis, das sehr stark die Rolle der Konzilien und synodale Elemente betont, andererseits seit Mitte des 15. Jahrhunderts faktisch den Sieg eines papistischen, monarchischen Papsttums. Ich denke, die Tagung macht deutlich, dass beide Pole zum Kirchenverständnis wichtig sind. Meiner persönlichen Einschätzung nach können wir vom aktuellen Papst erwarten, dass er genau dieses auf die Tagesordnung schon gesetzt hat und mit Spannung verfolgen, wie diese beiden Pole in seinem Pontifikat miteinander in Beziehung gesetzt werden.“

(rv 07.12.2015 gs)

07/12/2015 15:08