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Papst zur Flüchtlingskrise: „Wir müssen intelligent sein“

Papst Franziskus auf dem Rückflug - AP

28/09/2015 13:30

Auf dem Flug von Philadelphia nach Rom hat der Papst ausführlich auf Fragen von mitreisenden Journalisten geantwortet. Zu den angesprochenen Themen gehörten Bombardements auf Syrien, ein Friedensschluss für Kolumbien, Missbrauchsskandale, Frauenpriestertum – und Franziskus’ Traum von einer Reise nach China.

Die ersten Fragen auf diesen „fliegenden Pressekonferenzen“ gelten immer der gerade zu Ende gehenden Reise – so auch diesmal. Was ihn denn überrascht habe bei seinem ersten USA-Besuch überhaupt im Leben, wollte eine Journalistin wissen. Die Antwort des Papstes: „Die Wärme der Menschen dort.“ Auch die Religiosität habe ihn beeindruckt: „Man sah die Menschen wirklich beten.“ Die größte Herausforderung für die Kirche der Vereinigten Staaten bestehe aus seiner Sicht darin, „wirklich den Menschen nahe zu sein“. „Nicht eine Kirche, die vom Volk abgeschnitten ist. Nein, sondern die ihm nahe ist! Die Kirche der USA hat diese Herausforderung genau verstanden.“

Zu den Missbrauchsskandalen, die die US-Kirche in den letzten Jahrzehnten ebenso gebeutelt haben wie europäische Ortskirchen, sagte Papst Franziskus auf die Frage eines US-Journalisten: „Was da geschehen ist, ist eine große Prüfung (im Sinn der ‚Offenbarung des Johannes‘). Hier geht es nicht nur um das tatsächlich zugefügte Leid. Wie ich zu der Gruppe von missbrauchten Menschen (an diesem Sonntag in Philadelphia) gesagt habe: Es war fast ein Sakrileg (eine Schändung des Heiligen). Wir wissen, dass es in vielen Bereichen, etwa im familiären Umfeld oder in Schulen, zu Fällen von sexuellem Missbrauch kommt, aber wenn es ein Priester ist, der einen solchen Missbrauch begeht, dann ist das ausgesprochen schwerwiegend. Denn die Berufung des Priesters besteht darin, diesen Jungen, dieses Mädchen wachsen zu lassen zur Liebe Gottes hin, zur affektiven Reife und zum Guten hin. Und stattdessen hat er das zerstört, und darum ist das fast ein Sakrileg. Er hat die Berufung, den Ruf des Herrn, verraten! ... Schuldig sind auch diejenigen, die diese Dinge gedeckt haben, darunter auch einige Bischöfe. Das ist etwas ausgesprochen Hässliches.“

Gott - „ein Weltmeister auf dem Weg zu Lösungen“

Er wisse, dass viele Missbrauchsopfer Schwierigkeiten hätten, ihren früheren Peinigern zu vergeben, fuhr Papst Franziskus fort. Er bete für sie und versuche nicht unbedingt, ihnen in dieser Angelegenheit zuzureden. Sie sollten sich an Gott wenden, der „ein Weltmeister auf dem Weg zu Lösungen“ sei. Und er berichtete den Journalisten einen konkreten Fall: als eine Frau, die in jungen Jahren von einem Priester missbraucht worden war, davon ihrer Mutter erzählte, sei diese für den Rest ihres Lebens zur Atheistin geworden. Dafür habe er Verständnis, erklärte Papst Franziskus. Er sei sicher, Gott habe dieser Frau verziehen.

Dann schweiften die Fragen von der USA-Reise weg ins Internationale, zunächst zum bevorstehenden Friedensabkommen für Kolumbien. Er sei sehr froh über den Durchbruch, sagte der Papst, und hoffe nur, dass es jetzt auch tatsächlich zur Unterzeichnung der definitiven Vereinbarung im März 2016 komme. Auf die „Flüchtlingskrise“ in Europa angesprochen versetzte Franziskus: „Sie sprechen von Krise, und ja, das ist zu einem Krisenzustand geworden – allerdings nach einem langen Prozess, nach Jahren der Kriege, vor denen die Menschen nun fliehen, und auch nach Jahren des Hungers. Man hat Afrika über lange Zeit ausgebeutet; hätte man stattdessen in Afrika investiert, damit diese Menschen Arbeit haben, dann würde man diese Krise vermeiden. Jetzt ist es tatsächlich, wie ich vor dem (US-) Kongress gesagt habe, eine Flüchtlingskrise, wie man sie seit dem letzten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat!“

Flüchtlingskrise: „Wir müssen intelligent sein“

Mit dem Bau von Mauern und Grenzzäunen sei dem Problem aus seiner Sicht nicht beizukommen. „Sie wissen doch, welches Ende Mauern nehmen: Alle Mauern stürzen ein! Heute, morgen oder nach hundert Jahren stürzen sie ein. Die Mauer ist keine Lösung. Es stimmt, dass Europa im Moment in Schwierigkeiten ist, aber wir müssen intelligent sein und im Dialog der Länder untereinander eine Lösung suchen. Nicht Mauern, sondern Brücken sind immer eine Lösung.“

Franziskus äußerte sich auf eine Frage hin auch zur bevorstehenden Bischofssynode zum Thema Ehe und Familie; er wird sie am Sonntag im Vatikan eröffnen. Energisch widersprach er der Darstellung, er habe unlängst mit einem ‚Motu Proprio’ zur Erleichterung der Ehe-Annullierung eine „Scheidung auf katholisch“ eingeführt. „Die, die von katholischer Scheidung sprechen, irren sich!“ Sein Dokument nehme vor allem den Wunsch einer Mehrheit der Synodenväter der letzten Bischofssynode vom Oktober 2014 auf. Dabei sei es um eine Beschleunigung der Verfahren zur Annullierung einer Ehe gegangen. „Dieses Dokument, dieses ‚Motu Proprio’ erleichtert die Prozesse vom Zeitlichen her, aber das ist keine Scheidung, denn die Ehe ist unauflöslich, wenn sie als Sakrament eingegangen wird, und das kann die Kirche gar nicht ändern! Das ist Teil der Lehre, es ist ein unauflösliches Sakrament.“ Allerdings gebe es zahlreiche Gründe, wonach eine katholische Ehe nicht gültig eingegangen werde, „die könnt ihr im Internet nachsehen“, so der Papst, nannte aber ein konkretes Beispiel aus seiner früheren Diözese Buenos Aires. Dort habe er den Priestern stets mit Nachdruck geraten, keine Paare zu trauen, die ungeplant ein Kind erwarteten und aus diesem Grund „heiraten müssen", um den Schein zu wahren. In einem solchen Fall gebe es keine Freiheit - und das sei ein Grund für Ehenichtigkeit, unterstrich der Papst.

Wiederverheiratete: Pauschale Zulassung zur Kommunion „zu vereinfachend“

„Und dann das Problem der Wiederverheirateten: der Geschiedenen, die eine neue Verbindung eingehen. Ihr habt dazu das Instrumentum Laboris (das Grundlagendokument der kommenden Bischofssynode); mir erscheint es etwas zu vereinfachend zu sagen, die Lösung für diese Menschen könne die Zulassung zur Kommunion sein. Das ist nicht die Patentlösung; das Instrumentum Laboris stellt viele Möglichkeiten vor; und das Problem der Wiederverheirateten und Geschiedenen ist auch nicht das einzige Problem, (das sich der Synode stellt), auch da stellt das Instrumentum Laboris noch vieles andere vor, etwa dass junge Leute heute keine Ehe mehr eingehen – das ist ein pastorales Problem für die Kirche.“

„Etwas verspätet mit einer Ausarbeitung einer Theologie der Frau“

Mit Nachdruck sprach Franziskus von seiner Hoffnung, eines Tages die Volksrepublik China besuchen zu können: „Ich liebe das chinesische Volk, ich wünsche mir sehr, dass es Möglichkeiten zu guten Beziehungen gebe.“ Auf das Frauenpriestertum angesprochen wies er darauf hin, dass diese Möglichkeit von Papst Johannes Paul II. „nach langem und intensivem Nachdenken klar“ ausgeschlossen worden sei. „Aber nicht etwa, weil Frauen dazu nicht fähig wären. In der Kirche sind die Frauen eigentlich viel wichtiger als die Männer, denn die Kirche ist weiblich... Ich muss zugeben, wir sind etwas verspätet mit einer Ausarbeitung einer Theologie der Frau, ja.“

(rv 28.09.2015 sk)

28/09/2015 13:30