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Papst im Interview: „Die Welt führt Krieg gegen sich selbst“

Papst Franziskus: Petrus starb am Kreuz - ich weiß nicht, wie ich einmal enden werde - REUTERS

14/09/2015 10:53

Das derzeitige Flüchtlingsphänomen in Europa ist nur „die Spitze eines Eisbergs“. Das sagt Papst Franziskus in einem von zwei Radio-Interviews von diesem Montag. Der Papst sprach mit dem portugiesischen Sender „Radio Renascenca“ und erwähnte dabei auch seine Absicht, Fatima zu besuchen. Der Wallfahrtsort feiert 2017 den hundertsten Jahrestag der Marienerscheinungen.

Mit Blick auf Asylsuchende in Europa sagte Franziskus: „Wir sehen diese Flüchtlinge, diese armen Menschen, die vor dem Krieg, vor dem Hunger flüchten... aber an der Wurzel gibt es eine Ursache: ein böses, ungerechtes sozio-ökonomisches System. Auch mit Blick auf die ökologische Krise gilt: Der Mensch muss im Zentrum des Systems, der Politik stehen. Doch das heute dominierende Wirtschaftssystem hat den Menschen an den Rand gedrängt und stattdessen den Gott Geld, das Idol der Stunde, ins Zentrum gerückt. Man muss also an die Ursachen herangehen – da, wo Hunger herrscht, muss man Arbeitsmöglichkeiten schaffen und investieren. Da, wo der Krieg die Ursache ist, muss man sich um den Frieden bemühen. Heute führt die Welt Krieg gegen sich selbst!“

Der Papst rief dazu auf, Flüchtlinge und Asylsuchende aufzunehmen: Es sei wichtig, „die Menschen so aufzunehmen, wie sie sind“. Er selbst sei im übrigen Sohn von Auswanderern nach Argentinien; das Land sei nie in Ausländerfeindlichkeit verfallen und habe es verstanden, zahlreiche Einwanderer – aus Europa und nicht nur von dort – aufzunehmen und zu integrieren. Franziskus kam noch einmal auf seinen Appell zurück, möglichst jede katholische Pfarrei und Gemeinschaft in Europa solle eine Familie von Flüchtlingen aufnehmen: „Wenn ich sage, dass eine Pfarrei eine Familie aufnehmen soll, dann meine ich nicht, dass die dann unbedingt im Pfarrhaus wohnen muss, sondern dass die Pfarrgemeinde einen Platz für sie suchen soll, eine Unterkunft, eine kleine Wohnung; im schlimmsten Fall könnte man sich doch organisieren, um für diese Familie ein bescheidenes Appartement anzumieten, damit sie wenigstens ein Dach über dem Kopf hat, damit sie aufgenommen und in die Gemeinschaft integriert wird.“

Der Papst zeigte sich in dem Interview auch besorgt über den IS-Extremismus. Er räumte ein, dass mit den Flüchtlingen auch Extremisten nach Europa gelangen könnten. „400 Kilometer von Sizilien entfernt haben wir eine unglaublich grausame Terrormiliz“, sagte der Papst. „Es besteht die Gefahr der Infiltration.“ Auch Rom sei nicht immun gegen die Bedrohung. Dennoch meinte er: „Wenn ein Flüchtling kommt, müssen wir ihn unbeschadet aller Sicherheitsmaßnahmen aufnehmen. Das ist ein Gebot der Bibel.“

„Wohlstandskultur“ führte in Europa zu Geburtenmangel

In dem Radio-Gespräch ging Franziskus auch auf die „Wohlstandskultur“ in Europa ein: Sie hat aus seiner Sicht in einigen europäischen Ländern zum Geburtenmangel geführt. Ein Problem sei auch, dass alte Menschen oft allein blieben. „Ich glaube, die große Herausforderung für Europa besteht darin, wirklich Mutter Europa und nicht Großmutter Europa zu sein! Europa hat eine außerordentliche Kultur, Jahrhunderte der Kultur, und es muss seine Führungsqualität im Konzert der Nationen wiedergewinnen. Europa sollte wieder derjenige sein, der den Weg zeigt, denn es hat die Kultur, um das zu tun. Europa ist noch nicht tot! Es ist ein bisschen großmütterlich, aber es kann wieder Mutter werden.“

Als einen „Fehler“ Europas bezeichnete es der Papst, dass der Kontinent „nicht anerkennen wollte, was vielleicht das Innerste seiner Identität ist, nämlich seine christlichen Wurzeln“. Aber jeder mache nun einmal Fehler, Europa habe noch Zeit, um neu darüber nachzudenken. Mit Blick auf das bevorstehende Heilige Jahr der Barmherzigkeit sprach Franziskus von seiner Hoffnung, „dass alle kommen, dass alle die Liebe und das Erbarmen Gottes spüren“.

„Ich weiß nicht, welches Ende ich haben werde“

Die Interviewerin fragte den Papst auch nach seiner anhaltenden Popularität zweieinhalb Jahre nach seiner Wahl. Daraufhin erinnerte Franziskus an das Jesuswort „Sie werden euch um meinetwillen hassen“. „Manchmal frage ich mich, worin mein Kreuz bestehen wird, worin mein Kreuz besteht, denn die Kreuze gibt es – man sieht sie nicht, aber es gibt sie. Und auch Jesus selbst war in einem bestimmten Moment sehr populär, aber er endete so, wie er endete. Also, niemand kann sich das weltliche Glück kaufen. Das einzige, worum ich den Herrn bitte, ist dass er mir den Frieden des Herzens und seine Gnade bewahre, denn bis zum letzten Moment ist man Sünder und kann seine Gnade zurückstoßen. Eines tröstet mich: Der hl. Petrus hat die große Sünde begangen, Jesus zu verleugnen, und trotzdem wurde er danach Papst. Und wenn sie ihn trotz einer solchen Sünde zum Papst gemacht haben und ich an meine eigenen Sünden denke, dann denke ich: Der Herr wird sich meiner annehmen, wie er sich des Petrus angenommen hat. Aber Petrus starb am Kreuz – also, ich weiß nicht, welches Ende ich haben werde. ER soll entscheiden.“

(rv 14.09.2015 sk)

14/09/2015 10:53