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Madre Martha: Kampf gegen die Mafias in Argentinien

Eine Demonstration in Buenos Aires - EPA

10/03/2015 13:02

In Argentinien, der Heimat des Papstes, gibt es vor allem zwei Arten zu demonstrieren: Lautstark, auf Blechtöpfe einhämmernd – diese sogenannten „Cacerolazos“ waren der Begleit-Sound der Wirtschaftskrise. Oder aber stille Märsche – und die hat eine Ordensfrau miterfunden. Schwester Martha Pelloni, Missions-Karmelitin, geboren 1941, Gründerin eines Netzwerks namens „Infancia Robada“, „Geraubte Kindheit“. Bei einem Treffen in Rom erklärte sie uns dieser Tage, wogegen sie alles kämpft: „Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung von Kindern, Jugendlichen, Frauen; Gewalt in der Ehe; Sex-Tourismus, Pädophilie, Kindesmissbrauch … Das sind die Übel unserer Ära, und sie gehen einher mit dem ganzen Komplex des Drogenhandels und –missbrauchs.“

Wie sie angefangen hat mit ihrem Kampf? Das war 1990, Madre Martha war Rektorin einer Schule in der Provinz Catamarca.

„Damals geschah ein Mord an einer Schülerin, begangen von jungen Leuten mit mächtigen Eltern, die waren Beamte der Provinzregierung. So geriet ich in dieses Engagement hinein, weil die ganze Gesellschaft über die Umstände dieses Mordes tief erschüttert war: Drogen, eine Vergewaltigung, und dann wurde sie buchstäblich weggeworfen, damit die Schweine sie fressen… was zum Glück nicht geschehen ist, denn man hat sie vorher gefunden. Und bis zum Urteil sind acht Jahre vergangen! Dem Verbrechen waren noch fast noch schlimmere Versuche gefolgt, es zu vertuschen; u.a. brachten sie einen Landarbeiter um, der beobachtet hatte, wie sie den Körper beiseiteschafften. Damals begann etwas, was heute in Argentinien gang und gäbe ist: Wir machen auf solche empörenden Fälle aufmerksam, indem wir auf die Straße gehen und marschieren!“

Es waren stille Märsche, weil sie aus der Trauer um die Ermordete Maria Soledad entstanden; ihre Mitschüler hätten sich dem ersten Zug angeschlossen, dann die Eltern dieser Schüler, außerdem Schüler von anderen Einrichtungen in der Stadt. Schwester Martha musste während des ersten Marschs mit dem Polizeichef verhandeln, der versuchte, sie einzuschüchtern.

„Es wurden 63 Märsche daraus! Ich war bis zum sechzigsten dabei, danach wurde ich versetzt. 30.000 Menschen waren einmal dabei, andere Male war die Beteiligung dünner; aber die Provinzregierung wechselte unter dem Druck, das war ein erster Erfolg. Besonders Frauen haben damals eine wichtige Rolle gespielt, sie wandten sich an die Medien; und so entstand eine Bewegung von Frauen für Transparenz in der Justiz – und Maria Soledad wurde zum Symbol des Rufes nach Gerechtigkeit, ihre Familie marschierte symbolträchtig in der ersten Reihe mit.“

Aber auch Madre Martha wurde immer wieder vom Fernsehen, auch vom nationalen, interviewt – und betonte jedes Mal, das argentinische Volk verlange von der Justiz Gerechtigkeit und Transparenz, und zwar in allen Fällen, nicht nur in dem der ermordeten Schülerin. Sie sei, erzählt sie, auf diese Weise selbst zum Symbol des Kampfes für eine nicht-korrupte Justiz geworden.

„Seit damals komme ich nicht mehr zur Ruhe! Auch wenn man mich versetzt hat. Mein nächster großer ‚Fall‘ war der Handel mit Babys in der Provinz Corrientes: Für viel Geld wurden, mithilfe von Justizangestellten, Neugeborene mit gefälschten Adoptions-Papieren ins Ausland verkauft. Man nahm diese Babys den Hausangestellten weg und sagte ihnen: Wenn ihr euch beschwert, verliert ihr eure Arbeit! Und die Angestellten riefen mich an und baten mich, doch bitte herauszufinden, wohin man ihre Babys brachte. Als ich fünf solcher Fälle erlebt hatte, wurde mir klar, dass eine Organisation dahinterstecken musste, und mit Hilfe von Freunden gelang es mir, die Sache aufzudecken. Viele dieser Babys gingen nach Deutschland…“

Es seien Adoptions-Vermittlungsagenturen gewesen, die da für Geldwäsche genutzt worden seien, berichtet die engagierte Ordensfrau. Die „Mafias“ seien überall: „in der Politik, in der Kultur, in den sozialen Einrichtungen und manchmal auch in der Kirche“. Sie bekämpfe sie aus ihrem Glauben heraus: Der Glaube lasse sie nicht ruhig irgendwo sitzen, sondern dränge sie, gegen Ungerechtigkeit einzutreten.

„Ich bin keine Feministin – ich bin eine Frau!“

„Gott ist in jedem Nächsten, in jedem Bruder anwesend; ich will die Menschlichkeit, die wir Menschen so oft zerstören, wieder herstellen. Denn eine Welt, in der nur einige wenige reich sind, verliert ihre Menschlichkeit, sie ist egoistisch, zerstörerisch. Für Frauen kämpfe ich speziell deshalb, weil sie heute in der Regel die verwundbarsten sind und weniger Möglichkeiten haben als Männer. Ich bin keine Feministin – ich bin eine Frau!“

Und wenn man sie frage, ob sie heute für die Priesterweihe von Frauen eintrete, dann sage sie: Nein. „Aber persönlich kann ich sagen: Wenn Jesus heute leben würde, hätte er wohl Frauen geweiht und auch Frauen das Priesteramt übertragen.“

Für sie als Frau bestehe „das Größte in der Kirche“ darin, „Prophetin zu sein“, so Madre Martha. Genau das bedeute der Einsatz für Menschlichkeit, „im Stil der heiligen Teresia von Avila“, Gründerin ihres Ordenszweigs: Sie wolle „dort evangelisieren, wo das Leben hart ist“. Und der frühere Kardinal Bergoglio von Buenos Aires, heute Papst Franziskus, habe ihr geholfen, zu dieser Rolle in der Kirche zu finden.

„Er hat mich vor einem übertriebenen Konservativismus gerettet; ich habe nämlich ursprünglich nicht zu meiner Mission gefunden, und er gab mir Frieden; ich betrachte ihn als meinen Freund. Außerdem hat er sehr auf die Gründung des Anti-Mafia-Netzwerks in Argentinien gedrängt.“

(rv 10.03.2015 sk)

10/03/2015 13:02