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Vatikan: Katholisches Kinderschutzzentrum in Rom eingeweiht

Die Vorsitzenden des Kinderschutzzentrums präsentierten in einer Pressekonferenz die Entwicklungen und Erfolge des Projekts - AP

17/02/2015 13:18

Zehn Länder, vier Kontinente, elf Partner: All das vereint das katholische Kinderschutzzentrum der Päpstlichen Universität Gregoriana, das für die Prävention des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche zuständig ist. Bisher arbeitete das unter anderen vom Erzbistum München und Freising finanzierte  Projekt auch von München aus. Jetzt zieht die Einrichtung ganz nach Rom, gleich in die Nähe des Pantheons, um noch internationaler agieren zu können. Der Vorsitzende der päpstlichen Kinderschutzkommission, der Bostoner Kardinal Sean Patrick O'Malley, weihte den neuen Sitz in der von Jesuiten getragenen Universität am Montag ein. Die Einrichtung spielt weltweit eine führende Rolle bei der Fortbildung von Priestern zur Prävention von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche.

Die Prävention von Missbrauch in der Kirche soll mit dem Projekt in jene Länder getragen werden, in denen bisher nichts oder fast nichts auf diesem Gebiet getan wurde. Das erklärte der Präsident des Zentrums, der deutsche Jesuit Hans Zollner, Psychologieprofessor an der Gregoriana. Seit 2012 befand sich das Projekt in einer Testphase, die nun erfolgreich abgeschlossen wurde.

Das Zentrum richtet nicht nur internationale Konferenzen aus, sondern bietet auch ein ein-semestriges Diplom für „Schutz der Minderheiten und schutzbedürftigen Personen“, das an der Gregoriana bereits 2016 angeboten werden soll. Mehr als 1.000 Personen haben weltweit an einem E-Learning Programm zur Missbrauchsprävention teilgenommen. Zollner spricht bereits jetzt von einem direkten und indirekten Erfolg des Programms. Das könne man an der erbrachten Leistung sehen, an den abgeschlossenen Kursen, für die es ein Zertifikat gibt. Vor allem aber spreche der indirekte Erfolg für sich:

„Wenn in einer Diözese oder in einem bestimmten Teil eines Landes diese Art von Programm da ist, wenn es angesprochen wird, wenn ein Bischof darüber spricht, dann geht es auch weiter, dann ist das Thema auch präsent in den Medien. Ich war im Oktober in Kroatien, einem Land, wo bis dato kaum etwas geschehen ist. Die Liste der Veröffentlichungen über einige Vorträge, die ich dort gehalten habe, ist immens lang, weil es das erste Mal war, dass überhaupt von einem Kirchenvertreter in der Öffentlichkeit etwas zum Thema Missbrauch gesagt wurde.“

Das E-Learning-Programm ist ein Fern-Fortbildungskurs und hilft, die Zeichen eines möglichen Kindermissbrauchs rechtzeitig zu erkennen. Teilnehmende ohne Vorwissen erhalten im Kurs Antworten auf Fragen wie: „Was tut man, wenn der Missbrauch gerade geschieht? Wie stellt man den Täter? Welche Rechtsgrundlagen gibt es in der Kirche dazu? Alle diese Fragen sind Teil des Programms. Es geht darum, dass wir viele Felder miteinschließen. Den Umgang mit Inzest, den Umgang mit behinderten Menschen, die leider in höherem Maße viel öfter missbraucht werden.“

Die Kirche unterhält mehrere Einrichtungen, die sich dem Kampf gegen Missbrauch widmen. Papst Franziskus hat eine internationale Kinderschutzkommission ins Leben gerufen, die sich vor allem der Forschung in dem Bereich widmen soll. An der vatikanischen Glaubenskongregation ist eine Rechtsinstanz eingerichtet. Das Profil des Kinderschutzzentrums ist es, für die eigentliche Präventionsarbeit zuständig zu sein. Eine direkte Zusammenarbeit mit den anderen beiden Einrichtungen gibt es laut Pater Zollner nicht.

„Wir sind nicht zuständig für das Behandeln von Rechtsfragen. Wir sind keine Berufungsinstanz, weder für Opfer noch für Täter, das ist bei der Glaubenskongregation angesiedelt. Unser Ansatz ist die Präventionsarbeit, die natürlich darauf aufbaut, dass man das ernst nimmt, was Opfer gelebt und erlitten haben. Und die anderen Sachen sind Synergie-Effekte, die man auch im Laufe der Zeit erkennen kann.“

Man könne hoffen, dass es bald Synergie-Effekte gebe. Denn Opfer und Betroffene melden sich ebenso bei all den anderen Institutionen, erklärt der Pater.

„Es gibt Opfer, es gibt Betroffene von Missbrauch, die uns schreiben, dass sie weder Zuhause, noch von der Familie oder von der Diözese Hilfe erhalten und die dann bei uns nach Hilfe fragen. Wie wir mit diesen Anfragen angehen, wird sich im Lauf der Zeit weisen. Denn es sind sehr viele. Und da wird sich auch hoffentlich mit der päpstlichen Kinderschutzkommission auch eine Möglichkeit ergeben, dass wir uns gegenseitig unterstützen und sehen, wie man in bestimmten Fragen besser helfen kann.“

Neben den Erfolgen verzeichnet das Kinderschutzzentrum auch Rückschläge, berichtet Zollner. Beispiel Indonesien. Dort wollte die Jesuitenuniversität in der Stadt Yogyakarta versuchsweise ein Präventions-Programm einführen.

„Das ist sehr interessant, weil 80 Prozent der Studenten dort Muslime sind und von denen wieder 80 Prozent Lehrer werden. Wir hätten damit die Möglichkeit gehabt, in den nicht-katholischen Raum einzudringen. Das ist wahrscheinlich schon an den mangelnden Englisch-Kenntnissen der möglichen Teilnehmer gescheitert. Das englisch Sprachniveau reichte nicht aus. Wir haben gemerkt, dass wir unter Umständen das gesamte Programm übersetzen müssen, sonst kommen wir da nicht hin.“

Sexueller Missbrauch als globales Problem

Pater Zollner sieht das Problem des Missbrauchs von Kindern vorerst als ein „globales Problem“. Das erkenne er nicht nur an der vor acht Jahren publizierten Statistik der indischen Regierung, wonach 52 Prozent der minderjährigen Bevölkerung Indiens schon einmal Opfer sexuellen Missbrauchs waren – das entspricht 200 Millionen Menschen. Diese „unglaublichen Dimensionen“ zeige die Globalität des Problems. Ähnlich eine Statistik der australischen Regierung (Royal Commission), die klarstellt, dass 95 Prozent aller Missbrauchsfälle in Familien stattfinden und nicht in Institutionen. Der Missbrauch in der Kirche, in einer Schule oder beim Sport ist laut Zollner lediglich die „Spitze des Eisbergs“. Der Missbrauch an sich sei ein globales Problem. Anliegen der Kirche sei es, nicht nur in der Kirche, sondern auch „im weiteren Sinn eine sichere Welt für alle zu gestalten“.

(rv 17.02.2015 no)

17/02/2015 13:18