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Home >  Apostolische Reisen  > Artikel von 2014-08-14 10:05:32
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Die Papst-Ansprache an die Präsidentin



Hier die Ansprache des Papstes bei der Begegnung mit der Präsidentin, Regierungs- und Behördenvertretern und dem Diplomatischen Corps in Seoul. Das Treffen fand im Präsidentenpalast, am 14. August 2014, statt. Es handelt sich um eine offizielle deutsche Übersetzung.


Frau Präsidentin,
sehr geehrte Vertreter der Regierung und des Öffentlichen Lebens,
verehrte Mitglieder des Diplomatischen Corps,
liebe Freunde,

es ist mir eine große Freude, nach Korea, ins „Land der Morgenstille“ zu kommen und nicht nur die natürliche Schönheit dieses Landes, sondern vor allem den Charme seines Volkes und die Großartigkeit seiner reichen Geschichte und Kultur zu erleben. Dieses nationale Erbe ist im Laufe der Jahre durch Gewalt, Verfolgung und Krieg auf die Probe gestellt worden. Doch trotz dieser Prüfungen sind die Hitze des Tages und das Dunkel der Nacht immer wieder der Morgenstille gewichen, das heißt der unverminderten Hoffnung auf Gerechtigkeit, Frieden und Einheit. Was ist die Hoffnung doch für ein Geschenk! Wenn wir diese Ziele anstreben, die dem Wohl nicht nur des koreanischen Volkes, sondern der gesamten Region und der ganzen Welt dienen, können wir nicht den Mut verlieren.

Ich möchte der Präsidentin, Frau Park Geun-hye, für ihren herzlichen Empfang danken und begrüße sie wie auch die verehrten Regierungsmitglieder. Ebenso möchte ich den Mitgliedern des diplomatischen Corps, sowie allen Anwesenden, die durch ihre vielfältigen Bemühungen zur Vorbereitung meines Besuches beigetragen haben, meinen Dank bekunden. Ich bin sehr dankbar für Ihre Gastfreundschaft, durch die ich mich sofort unter Ihnen zu Hause gefühlt habe.

Der Anlass meines Besuches in Korea ist der Sechste Asiatische Jugendtag, der junge Katholiken aus diesem ganzen weiten Kontinent zu einer freudigen Feier ihres gemeinsamen Glaubens zusammenführt. Im Laufe meines Besuches werde ich auch eine Anzahl von Koreanern seligsprechen, die als Märtyrer für den christlichen Glauben starben: Paul Yun Ji-chung und seine 123 Gefährten. Diese beiden Feiern ergänzen einander. Die koreanische Kultur versteht gut die innere Würde und Weisheit unserer Ahnen und ehrt ihren Platz in der Gesellschaft. Wir Katholiken ehren unsere Ahnen, die für den Glauben das Martyrium erlitten haben, weil sie bereit waren, ihr Leben für die Wahrheit hinzugeben, die sie im Glauben angenommen hatten und nach der sie ihr Leben zu gestalten versuchten. Sie lehren uns, wie man ganz für Gott und für das gegenseitige Wohl leben kann.

Ein weises und großes Volk hält nicht nur die Traditionen der Vorfahren in Ehren; es schätzt auch die Jugend, indem es versucht, das Erbe der Vergangenheit weiterzugeben und es auf die Herausforderungen der Gegenwart anzuwenden. Immer wenn junge Menschen wie zu dem jetzigen Ereignis zusammenkommen, bietet das uns allen eine wertvolle Gelegenheit, auf ihre Hoffnungen und Sorgen zu hören. Wir sind auch aufgefordert darüber nachzudenken, wie gut wir der kommenden Generation unsere Werte vermitteln, und welche Art von Welt und Gesellschaft wir vorbereiten, um sie ihnen zu übergeben. In diesem Zusammenhang ist es, glaube ich, besonders wichtig für uns, über die Notwendigkeit nachzudenken, unserer Jugend das Geschenk des Friedens zu machen.

Dieser Aufruf findet umso mehr Widerhall hier in Korea, einem Land, das lange unter dem Mangel an Frieden gelitten hat. Ich kann nur meine Anerkennung für die unternommenen Bemühungen um Versöhnung und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel zum Ausdruck bringen und zu diesen Bemühungen ermutigen, denn sie sind der einzig sichere Weg zu dauerhaftem Frieden. Koreas Streben nach Frieden ist uns ein Herzensanliegen, denn es wirkt sich auf die Stabilität der gesamten Region und in der Tat auf unsere ganze kriegsmüde Welt aus.

Das Streben nach Frieden stellt auch eine Herausforderung für jeden von uns dar, und in besonderer Weise für die unter Ihnen, die durch die geduldige Arbeit der Diplomatie das Gemeinwohl der Menschheitsfamilie zu erreichen suchen. Es ist die ständige Herausforderung, die Mauern des Misstrauens und des Hasses niederzureißen durch die Förderung einer Kultur der Versöhnung und der Solidarität. Denn die Diplomatie als die Kunst des Möglichen beruht auf der festen und beharrlichen Überzeugung, dass Friede eher durch ruhiges Zuhören und durch Dialog erlangt werden kann als durch gegenseitige Schuldzuweisungen, unfruchtbare Kritik und Zurschaustellung von Macht.

Friede ist nicht einfach das Nicht-Vorhandensein von Krieg, sondern „das Werk der Gerechtigkeit“ (vgl. Jes 32,17). Und Gerechtigkeit als Tugend erfordert die Disziplin der Langmütigkeit; sie verlangt, dass wir vergangene Ungerechtigkeiten nicht totschweigen, sondern sie überwinden durch Vergebung, Toleranz und Zusammenarbeit. Sie verlangt die Bereitschaft, Ziele auszumachen und zu erreichen, die beiderseitig von Vorteil sind, und so die Grundlagen für gegenseitige Achtung, Verständigung und Versöhnung zu schaffen. Möge jeder von uns diese Tage dem Frieden widmen, dem Gebet für den Frieden und der Vertiefung unserer Entschlossenheit, ihn zu erreichen.

Liebe Freunde, Ihre Bemühungen als politische und amtliche Führungskräfte sind letztlich auf das Ziel ausgerichtet, eine bessere, friedvollere, gerechte und glückliche Welt für unsere Kinder aufzubauen. Die Erfahrung lehrt uns, dass in einer zunehmend globalisierten Welt unser Verständnis von Gemeinwohl, Fortschritt und Entwicklung sich letztlich an menschlichen und nicht an rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten orientieren muss. Wie die meisten unserer entwickelten Nationen kämpft Korea mit bedeutenden sozialen Problemen, politischen Spaltungen, Mangel an wirtschaftlicher Fairness und Sorgen um den verantwortlichen Umgang mit der natürlichen Umwelt. Wie wichtig ist es, dass die Stimme jedes Gliedes der Gesellschaft gehört wird und dass ein Geist einer offenen Kommunikation, des Dialogs und der Zusammenarbeit gefördert wird! Ebenso wichtig ist es, dass den Armen, den Gefährdeten und denen, die keine Stimme haben, ein besonderes Interesse entgegengebracht wird, und zwar nicht nur, indem man ihren unmittelbaren Bedürfnissen entgegenkommt, sondern auch indem man ihnen in ihrer menschlichen und kulturellen Weiterentwicklung beisteht. Es ist meine Hoffnung, dass die koreanische Demokratie weiter gestärkt wird und dass diese Nation beweist, auch in der Globalisierung der Solidarität führend zu sein, die heute so notwendig ist: einer Solidarität, die auf die ganzheitliche Entwicklung eines jeden Gliedes der Menschheitsfamilie achtet.

Bei seinem zweiten Besuch in Korea vor 25 Jahren brachte der heilige Johannes Paul II. seine Überzeugung zum Ausdruck, dass „die Zukunft Koreas von der Gegenwart vieler weiser, tugendhafter und tief spiritueller Männer und Frauen in seinem Volk abhängen wird“ (8. Oktober 1989). Indem ich heute diese Worte wieder aufnehme, versichere ich Ihnen, dass die katholische Gemeinschaft Koreas sich kontinuierlich danach sehnt, voll am Leben der Nation teilzunehmen. Die Kirche möchte ihren Beitrag leisten zur Erziehung der Jugend, zur Entwicklung eines Geistes der Solidarität mit den Armen und Benachteiligten und zur Heranbildung neuer Generationen von Bürgern, die bereit sind, die von ihren Vorfahren ererbte und aus ihrem Glauben hervorgegangene Weisheit und Sichtweise in die großen politischen und sozialen Fragen einzubringen, die der Nation begegnen.

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren, ich danke Ihnen noch einmal für Ihren Empfang und Ihre Gastfreundschaft. Möge Gott Sie und das geschätzte koreanische Volk insgesamt segnen. Möge er in besonderer Weise die älteren Menschen und die Jugendlichen segnen, die dadurch, dass die einen das Gedächtnis hüten und die anderen Mut einflößen, unser größter Schatz und unsere Hoffnung für die Zukunft sind.
(rv 14.08.2014 mg)


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