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Home >  Vatikanische Dokumente  > Artikel von 2013-11-26 11:56:50
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Papstschreiben Evangelii Gaudium: „Revolution der zärtlichen Liebe“



RealAudioMP3 Zum Ende des Jahres des Glaubens hat Papst Franziskus eine sogenannte apostolische Exhortation geschrieben, das ist ein päpstliches Lehrschreiben. ‚Evangelii Gaudium’ heißt es, also ‚Freude des Evangeliums’, und am vergangenen Sonntag wurde es während der Abschlussmesse auf dem Petersplatz bereits einigen Repräsentanten der Kirche aus der ganzen Welt übergeben. An diesem Dienstag hat es der Vatikan nun der Öffentlichkeit vorgestellt. Unser Redaktionsleiter Pater Bernd Hagenkord hat den fast 200 Seiten schweren Text für uns gelesen. Was für eine Art Text haben wir da vor uns?

„Zuerst einmal: Es ist ein Franziskus-Text. Wenn man die Monate seit seiner Wahl die Ansprachen und Predigten verfolgt hat, dann wird man hier vieles wieder finden, systematisiert und geordnet und deswegen neu, aber auch schon vertraut. Es ist sozusagen die wirkliche „Regierungserklärung“ dieses Papstes, während seine erste Enzyklika das Weiterführen eines Projektes seines Vorgängers war. Der Papst spricht hier in Ich-Form, besonders wenn es um ihn und sein Amt geht.“

Ist diese Ich-Form ein Schlüssel zum Verständnis des Dokumentes?

„Ja. Denn der Papst glaubt nicht, dass man vom päpstlichen Lehramt eine endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen erwarten müsse, die Kirche und die Welt betreffen. Also nicht von ihm, sondern vom päpstlichen Lehramt. Hier zeigt sich die Art und Weise, wie er seinen Text gelesen haben möchte. Wer dogmatische Erläuterungen sucht, wird enttäuscht werden. Was Franziskus im Text „Dezentralisierung“ nennt, bedeutet eine Einladung, sich zu beteiligen, und genau das wird im Text auch immer wieder eingefordert.“

Apostolische Exhortationen kommen ja immer als Abschluss zu vatikanischen Bischofssynoden, in diesem Fall zur Synode über die Neuevangelisierung vom letzten Jahr. Nun ist aber dieses neue Dokument sehr lang, fast 200 Seiten, und geht auch über das Thema Neuevangelisierung hinaus. Wie muss man das verstehen?

„Der Papst schließt sich an die Beratungen der Synode an – bei denen er nicht dabei war, das war ja vor seiner Zeit – aber er betont auch, dass er sich darüber hinaus Rat geholt habe und seine eigenen Ideen einbringe. Der Text ist ganz klar mehr als das Abschlussdokument. Deswegen heißt es auch nicht „postsynodale“, also an eine Synode angeschlossene, Exhortation. Er selber sagt, dass dieser Text eine „programmatische Bedeutung“ habe, und das ist schon eine ganz starke Aussage.“

Mit dem Wort „Dezentralisierung“ ist es schon angesprochen, das Auffälligste an diesem Text scheint der Aufruf des Papstes zur Reform zu sein, auch zu strukturellen Reformen.

„Das ist sicherlich das, was am ersten ins Auge fällt, und hier spricht der Papst auch eine klare Sprache. Er müsse das leben, was er von anderen verlange, und deswegen auch offen sein für Vorschläge, welche die Ausübung des Papstamtes betreffen. An anderer Stelle spricht er von strukturellen Reformen. Dabei darf man aber das Ziel nicht aus den Augen verlieren: Bei jeder Reform – sei es der Struktur oder des geistlichen Lebens oder der Liturgie oder was auch immer – muss es um die Verkündigung gehen. Reform ist kein Selbstzweck.
Natürlich werden es vor allem bestimmte Aussagen zu Papstamt, Kirchenreform, Eucharistierempfang und so weiter sein, die zitiert werden. Es lohnt aber, den Zusammenhang herzustellen. Der Papst will einen „Zustand permanenter Mission“, wie er das nennt, oder an anderer Stelle die „Revolution der zärtlichen Liebe“. Dahinein müssen auch die medial attraktiven Stücke sozusagen einsortiert werden.“

Was bietet dieser Text denn an Neuem, an Vorschlägen?

„Es geht dem Papst vor allem um Dynamik. Das ist nicht so neu, das haben wir schon einige Male gehört. Aber jetzt ist es eben keine Morgenpredigt des Papstes mehr. Einen Satz mag ich ganz besonders, den darf ich hier vielleicht zitieren: „Mir ist eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ Ist das was Neues? Vielleicht ja. Auf jeden Fall ist es etwas, was die Kirche beschäftigen soll und wird. Wenn man zu sehr nach Sätzen zu den Konfliktthemen sucht, die es auch gibt, dann verliert man vielleicht diesen Zusammenhang etwas aus den Augen.“

Welche Stellen finden Sie besonders stark in dem Dokument?

„Die zu Predigt, zu geistlicher Begleitung, zu Volksfrömmigkeit und so weiter, also die praktischen Stellen. Hier bringt der Papst wirklich etwas Neues, ein Kollege hat das eine „Theologie des Glaubens des Volkes Gottes“ genannt, was ich ganz passend finde.“

Wenn man Zeitungen liest, im Internet Diskussionen verfolgt oder Talkshows ansieht, dann hört man oft die Meinung, der Papst sei ein Liberaler, ein Konservativer, ein Reformer oder einer, der nur redet aber nichts tut. Was für ein Papst zeigt sich in diesem Text?

„Einer, der sich all diesen Kategorisierungen entzieht. Wer den Papst für ein Projekt heranziehen will, der wird enttäuscht werden. Alle diese Verkürzungen des Glaubens werden vom Papst deutlich kritisiert: die Privatgläubigen; diejenigen, die zu sehr auf Liturgie setzen; die Bürokraten des Glaubens; die, die nur gesellschaftliche Anerkennung und Mitwirkung suchen und so weiter. Franziskus sieht in dem allen eine Bequemlichkeit, und das ist glaube ich sein größter Vorwurf. Bequemlichkeit steht dem Aufbruch und dem Risiko gegenüber, und dadurch verkümmern der Glaube und die Verkündigung. „Egozentrische Selbstgefälligkeit“ nennt er es an anderer Stelle. Der Text ist also unter anderem auch eine deutliche Aufforderung, diese Schubladen endlich beiseite zu lassen. Denn – so fragt der Papst die ganzen innerkirchlichen Auseinandersetzungen an – wen wollen wir mit so einem Verhalten überzeugen?“

(rv 26.11.2013 ord)


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